Wenn Seen ins Schwitzen kommen: Aktuelles IGB Dossier erläutert die Folgen des Klimawandels

Langzeitforschung am Müggelsee im Südosten Berlins: Mit einer eigenen Messstation dokumentiert das IGB Veränderungen dieses Flachsees seit den 1970er Jahren. Foto: IGB/David Ausserhofer

Die ersten warmen Frühlingstage kurbeln das Ökosystem See an. Das Leben unter der Wasseroberfläche erwacht. Durch mehr Licht und Wärme gedeihen Algen und Pflanzen. Diese wiederum dienen tierischen Wasserbewohnern – vom Zooplankton bis zum Fisch – als Nahrungs- und Lebensgrundlage. Doch was passiert, wenn das System „überhitzt“ und der jährliche Kreislauf langfristig aus dem Gleichgewicht gerät?

Alarmierender Temperaturanstieg in den letzten Jahrzehnten

Problematisch für unsere Seen sei der allgemeine Trend zu höheren Temperaturen infolge des Klimawandels, warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IGB in ihrem neuen Dossier. Weltweit beobachten sie seit 1985 einen Anstieg der sommerlichen See-Temperaturen um durchschnittlich 0,34 °C pro Jahrzehnt. „Damit sind die Temperaturen des Oberflächenwassers stärker und schneller angestiegen als die vergleichbaren Lufttemperaturen“, erklärt Prof. Dr. Rita Adrian, Leiterin der Abteilung Ökosystemforschung am IGB und Mitautorin des Dossiers.

Seen im Klimastress

Direkte Folgen des Klimawandels sind höhere Wassertemperaturen und eine schwächere bzw. kürzere Eisentwicklung im Winter. „Mit größerer Sorge betrachten wir allerdings die indirekten Effekte wie veränderte Licht-, Sauerstoff- und Nährstoffverhältnisse, die sehr großen Einfluss auf das Ökosystem See haben können“, erklärt Dr. Tom Shatwell, Mitautor und IGB-Wissenschaftler. Auch steigende Zuflüsse aus dem Einzugsgebiet in Regionen mit erhöhten Niederschlägen würden die Gewässer vermehrt mit Nährstoffen belasten.

Je nach Typ und Einzugsgebiet reagieren Seen ganz unterschiedlich auf diese Bedingungen. „Seen sind Ökosysteme mit komplexen Zusammenhängen und Prozessen. Im neuen IGB Dossier erklären wir deshalb allgemeinverständlich die grundlegenden natürlichen Prozesse und zeigen auf, wie sich unsere Gewässer durch den Klimawandel verändern können“, erläutert Rita Adrian.

Pauschalaussagen sind dabei kaum möglich, sind sich die beiden Autoren einig. Als sicher gelten jedoch neben steigenden Wassertemperaturen vor allem reduzierte Sauerstoffkonzentrationen sowie ein verändertes Schichtungsverhalten im Sommer, wodurch im Zuge der so genannten internen Düngung mehr Nährstoffe freigesetzt werden können. Diese Effekte begünstigen das übermäßige Algenwachstum, insbesondere die Entwicklung von Cyanophyceen, umgangssprachlich auch Blaualgen genannt. Die steigenden Temperaturen führen unter anderem auch dazu, dass sich wärmetolerante Arten verstärkt nach Norden ausbreiten und kälteliebende Arten verdrängen.

Gewässermanagement vor großen Herausforderungen

Die Folgen des Klimawandels könnten sich gravierend auf den Schutz und die Nutzung von Seen auswirken, fassen die Autoren zusammen. Sie sehen das Gewässermanagement mit neuen Unsicherheiten und Herausforderungen konfrontiert. Klimafolgenforschung und langfristige Monitoringprogramme könnten jedoch dabei helfen, tragfähige Anpassungsstrategien zu entwickeln. Damit Seen als Lebensraum, aber auch in ihren verschiedenen Funktionen, die sie für uns Menschen übernehmen (z.B. als Trinkwasserreservoir, für die Binnenfischerei, für Erholung und Tourismus), erhalten bleiben, brauche es ein ganzheitliches, flexibles und langfristiges Gewässermanagement, das die Dynamik ganzer Einzugsgebiete betrachtet.

AnsprechpartnerIn:

Prof. Dr. Rita Adrian
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Leiterin Abt. Ökosystemforschung
adrian@igb-berlin.de
+49 (0)30 64181 680

Dr. Tom Shatwell
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Wissenschaftler
shatwell@igb-berlin.de
+49 (0)30 64181 690

IGB-Pressestelle
pr@igb-berlin.de
+49 (0)30 64181 631

Zum IGB Dossier:

Download: http://bit.ly/Klimawandel-Dossier

Das IGB Dossier ist Teil der institutseigenen Schriftenreihe IGB Outlines, mit der das Institut seit 2016 gesellschaftsrelevante oder anwendungsorientierte Forschungsergebnisse für verschiedene Zielgruppen zusammenfasst. In der Reihe bisher erschienen sind das IGB Dossier „Sulfatbelastung der Spree“ sowie der IGB Policy Brief „Schutz und Nutzung von Binnengewässern in Deutschland“.

IGB (Hrsg.) (2018): IGB Dossier. Seen im Klimawandel. Diagnosen und Prognosen aus der Langzeitforschung. Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Berlin.

DOI: 10.4126/FRL01-006407562

Weitere Informationen zum Thema:

IGB-Interview mit Prof. Dr. Rita Adrian über die Folgen des Klimawandels für Seen: http://www.igb-berlin.de/news/wenn-seen-baden-gehen

Weitere Informationen zum IGB:

Das IGB ist das bundesweit größte Forschungszentrum für Binnengewässer. Es verbindet Grundlagen- und Vorsorgeforschung, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät Politik und Gesellschaft in Fragen des nachhaltigen Gewässermanagements. Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten angesichts sich rasch ändernder Umweltbedingungen, die Renaturierung von Ökosystemen, die Biodiversität aquatischer Lebensräume sowie Technologien für eine ressourcenschonende Aquakultur. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der Region Berlin-Brandenburg und weltweit. Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft. http://www.igb-berlin.de/

Download: http://bit.ly/Klimawandel-Dossier

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Weitere Informationen:

https://idw-online.de/de/news693229

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