Konflikt auf Hochtouren

Großes Mausohr - Myotis myotis
(c) Karin Schneeberger/Leibniz-IZW

Waldfledermäuse meiden schnell drehende Windenergieanlagen weiträumig.

An Windenergieanlagen kommen nicht nur viele Fledermäuse zu Tode, die Anlagen verdrängen auch einige Arten weiträumig aus ihren Lebensräumen. Wenn die Turbinen bei relativ hohen Windgeschwindigkeiten in Betrieb sind, sinkt die Aktivität von Fledermausarten, die in strukturdichten Habitaten wie Wäldern jagen, im Umkreis von 80 bis 450 Meter um die Anlage um fast 80 Prozent. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung unter Leitung von Forschenden des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und der Philipps-Universität Marburg, die in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ erschienen ist.

An Windenergieanlagen kommen nicht nur viele Fledermäuse zu Tode, die Anlagen verdrängen auch einige Arten weiträumig aus ihren Lebensräumen. Wenn die Turbinen bei relativ hohen Windgeschwindigkeiten in Betrieb sind, sinkt die Aktivität von Fledermausarten, die in strukturdichten Habitaten wie Wäldern jagen, im Umkreis von 80 bis 450 Meter um die Anlage um fast 80 Prozent. Das Team vermutet, dass die Ursache dieses Vermeidungsverhaltens unter anderem der Lärm der Rotoren der Anlagen ist, welcher mit zunehmender Windgeschwindigkeit steigt.

Um Klimaschutzziele zu erreichen, boomt in Deutschland der Ausbau erneuerbarer Energien – insbesondere der Windenergie. Knapp 30.000 Anlagen wurden bislang auf dem Festland installiert, jetzt beginnt ein Ringen um weitere geeignete und rarer werdende Standorte. So rücken als Standorte auch Wälder in den Fokus – und damit artenreiche und sensible Lebensräume. Viele heimische Fledermausarten, etwa das Große Mausohr (Myotis myotis), leben und jagen in Wäldern und sind daher vom Windenergieausbau in oder nahe Wäldern potenziell betroffen. Das betrifft nicht nur das unmittelbare Risiko der Kollision mit den Rotoren, sondern hat auch indirekte negative Auswirkungen auf diese Arten, wie eine neue Untersuchung eines Teams um Christian Voigt vom Leibniz-IZW und Nina Farwig von der Universität Marburg zeigt. Die Forschenden fanden heraus, dass die waldspezialisierten Fledermäuse Windenergieanlagen über eine Entfernung von mehreren hundert Metern meiden – wenn die Anlagen in Betrieb und die Windgeschwindigkeiten relativ hoch sind.

„Wir untersuchten die Aktivität verschiedener Fledermausarten bei unterschiedlichen Windverhältnissen und während des Betriebs der Windenergieanlagen in hessischen Wäldern“, sagt Julia Ellerbrok, ehemalige Doktorandin im Projekt und jetzt Postdoktorandin im Fachbereich Biologie der Philipps-Universität Marburg. „Dabei stellten wir fest, dass die Aktivität von Fledermäusen, die üblicherweise in der Vegetation von Wäldern nach Nahrung suchen, im Umkreis von 80 bis 450 Metern um die Windenergieanlagen mit zunehmender Windgeschwindigkeit um durchschnittlich 77 % abnimmt, wenn die Anlagen in Betrieb sind. Die Fledermausaktivität blieb dagegen von der Windgeschwindigkeit unbeeinflusst, wenn die Anlagen abgeschaltet waren.“ Das Team schlussfolgerte daher, dass für das Vermeidungsverhalten Faktoren verantwortlich sein müssen, die direkt mit dem Betrieb der Anlagen bei relativ hohen Windgeschwindigkeiten zusammenhängen.

„Die Rotorbewegungen der Windenergieanlagen erzeugen nicht nur sogenannte Wirbelschleppen, sondern auch Lärm. Beide Faktoren können sich über mehrere hundert Meter auf Fledermäuse auswirken“, sagt Christian Voigt, Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW. „Waldfledermäuse, die unter dem Kronendach jagen, kommen vermutlich nicht mit den Wirbelschleppen in Kontakt. Vielmehr könnten sie von den Geräuschemissionen der Anlagen betroffen sein; auch wenn der Frequenzbereich der Geräusche weit unterhalb der Frequenz der Echoortungsrufe liegt. Vermeiden Waldfledermäuse Geräuschemissionen an den Windenergieanlagen, verlieren sie weiträumig wertvollen Lebensraum.“

Insgesamt stellen Windenergieanlagen in Wäldern Fledermäuse vor mehrere Probleme, fassen die Forschenden zusammen: Einerseits verlieren Waldfledermäuse Lebensraum – sowohl durch die Rodung beim Bau der Windenergieanlagen als auch durch die Meidung der laufenden Windenergieanlagen. Andererseits können Fledermäuse, die oberhalb der Baumkronen jagen, potenziell an den sich drehenden Rotorblättern verunglücken. Um mögliche ökologische Langzeitfolgen für Fledermausbestände durch Windenergieanlagen in Waldgebieten minimal zu halten, sollten Windenergieanlagen nur in strukturarmen und somit fledermausarmen Wirtschaftswäldern aufgestellt werden. Zukünftige Forschung sollte sich darauf konzentrieren, die Auswirkungen von Lärmemissionen an den Windenergieanlagen auf Fledermäuse genauer zu untersuchen, schließt das Team in der Veröffentlichung.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

_ PD Dr. Christian Voigt
Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Telefon: +49(0)30 5168 511
E-Mail: voigt@izw-berlin.de

_ Dr. Julia S. Ellerbrok
Postdoktorandin im Fachgebiet Naturschutz
Philipps-Universität Marburg
Telefon: +49(0)6421 28-25745
E-Mail: julia.ellerbrok@biologie.uni-marburg.de

Originalpublikation:

Ellerbrok JS, Farwig N, Peter, F, Voigt CC (2023): Activity of forest bats declines with increasing wind speed when wind turbines are operating. Global Ecology and Conservation. DOI: 10.1016/j.gecco.2023.e02782

http://www.izw-berlin.de/de/

Media Contact

Jan Zwilling Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz

Dieser Themenkomplex befasst sich primär mit den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und den auf sie wirkenden Umweltfaktoren, aber auch im weiteren Sinn zwischen einzelnen unbelebten Umweltfaktoren.

Der innovations report bietet Ihnen interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Klimaschutz, Landschaftsschutzgebiete, Ökosysteme, Naturparks sowie zu Untersuchungen der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Mögliches Zielprotein für die Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen entdeckt

Forschende der Universität Zürich haben ein innovatives Zellkulturmodell für Nervenzellen entwickelt, das komplexe Mechanismen der Neurodegeneration aufschlüsselt. Damit konnten sie ein fehlreguliertes Protein als vielversprechenden therapeutischen Ansatzpunkt für die Behandlung…

Möglicher Auslöser für Autoimmunerkrankungen entdeckt

Immunsystem: B-Zellen zeigen T-Zellen, welche Ziele nicht attackiert werden dürfen. Immunzellen müssen erst lernen, nicht den Körper selbst anzugreifen. Ein Team um Forschende der Technischen Universität München (TUM) und der…

Entwicklung der ersten Wasserstoff-Straßenbahn Europas

Professur Alternative Fahrzeugantriebe erarbeitet Betankungsstrategie, entwickelt Simulationsmodelle zur Alterung des Antriebstranges und vermisst das Brennstoffzellensystem vor dessen Integration in die Straßenbahn. Die Professur Alternative Fahrzeugantriebe der Technischen Universität Chemnitz (TUC)…

Partner & Förderer