Tuberkulose-Forschung kommt in Fahrt

Ein Freßzelle verspeißt ein Tuberkel: Obwohl hier eine Fresszelle (in grün) sich an Tuberkuloseerregern (gelb-rot) gütlich tut, bedeutet dies nicht, dass die Keime ein für alle Mal vernichtet sind. Denn Mycobacterium tuberculosis ist hoch ansteckend: Weltweit hat der Tuberkuloseerreger zwei Milliarden Menschen infiziert. Doch nur ein Zehntel der unfreiwilligen Wirte erkrankt - bei den anderen residiert der Keim teilweise über Jahre, ohne je Beschwerden zu verursachen. Wird das Immunsystem jedoch geschwächt, kann aus der latenten sehr plötzlich eine aktive, oft tödliche Infektion werden. © MPI für Infektionsbiologie / Volker Brinkmann

Über 80 Jahre lang herrschte in der Tuberkulose-Forschung weitestgehend Flaute. Deshalb ist auch der letzte wissenschaftliche Durchbruch aus dem Jahr 1921 noch heute die zentrale Säule der Tuberkulose-Prävention: der Impfstoff Bacille Calmette–Guérin (BCG).

Eine Impfung mit BCG schützt Kinder in den meisten Fällen vor den schlimmsten Formen der Krankheit, nicht dagegen gegen die häufigste Form, die Lungentuberkulose bei Erwachsenen und Kindern. Der Impfstoff hat daher nicht dazu beigetragen, die Tuberkulose-Zahlen zu verringern. Erst seit Beginn des neuen Jahrtausends kann die Forschung wieder bedeutsame Forstschritte bei der Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente vermelden.

Inzwischen gibt es verschiedene vielversprechende Impfstoff-Kandidaten. Doch Rückschläge bleiben bis heute nicht aus: 2013 enttäuschte der am weitesten entwickelte Kandidat in einer klinischen Studie an Kindern und 2015 an HIV-positiven Erwachsenen. Auch wenn verschiedene andere Kandidaten die ersten klinischen Tests bestanden haben, so bleibt BCG noch für einige Jahre der einzige verfügbare Impfstoff.

Gleichzeitig treten immer häufiger Tuberkulose-Fälle auf, die gegen alle verfügbaren Medikamente resistent sind. Schlechte Aussichten also, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO angepeilte Ziel bis 2035 zu erreichen: Das Auftreten von Tuberkulose weltweit um 90 Prozent und die Todesrate um 95 Prozent zu verringern. „Der unaufhaltsame Anstieg der Tuberkulose-Zahlen scheint vorläufig zwar gestoppt, denn die Zahl der Tuberkulose-Fälle sinkt erstmals seit Jahrzehnten wieder leicht. Trotzdem müssen wir wesentlich mehr tun, um die Seuche wirklich einzudämmen“, sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und Mitglied verschiedener internationaler Forschungsverbünde.

Ein großes Hindernis sind die enormen Kosten der Tuberkulose-Forschung. Schon eine Phase-2-Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit an vergleichsweise wenig Patienten untersuchen soll, kostet rund 20 Millionen US-Dollar. Eine großangelegte Phase-3-Studie schlägt dann mit 100 Millionen Dollar zu Buche. Parallel dazu benötigt die Tuberkulose-Forschung mehrere 100 Millionen Dollar pro Jahr. Dabei sind die Ausgaben für die Tuberkulose-Impfstoff-Forschung und -Entwicklung gering im Vergleich zur finanziellen Bürde der Erkrankung. Nach einer Studie kosten Tuberkulose-bedingte Arbeitsausfälle und Behandlungen die EU-Länder jährlich fünf Milliarden Euro. „Diese finanzielle Herausforderung können wir nur bewältigen, wenn öffentliche Forschungsorganisationen, Industrie, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen ihre Kräfte bündeln. Gleichzeitig müssen wir alles tun, um die Forschung effizienter zu machen“, sagt Kaufmann.

Kaufmann schlägt zusammen mit Thomas G. Evans von Aeras und Willem A. Hanekom von der Bill & Melinda Gates Stiftung verschiedene Maßnahmen vor, wie die Tuberkulose-Forschung künftig noch effektiver organisiert werden kann. So muss sichergestellt sein, dass nur die erfolgversprechendsten Impfstoff-Kandidaten in weiterführende Studien aufgenommen werden.

Dazu müssen weltweit Forschungseinrichtungen eng zusammenarbeiten und Studien harmonisieren. Sie sollten beispielsweise einheitliche Zielpunkte für Studien festlegen, Impfstoff-Kandidaten direkt miteinander in Studien vergleichen und verbindlich festlegen, mit welchen Kriterien die Schutzwirkung eines Impfstoffs gemessen wird. „Auf diese Weise könnten beträchtliche Kosten eingespart werden. Außerdem wäre es hilfreich, wenn klinische Studien zu Tuberkulose-Impfstoffen an die zu Tuberkulose-Medikamenten und HIV-Impfstoffen angeglichen würden“, rät Kaufmann.

Erhebliche Kosten lassen sich auch einsparen, wenn es gelingt, die erforderlichen Teilnehmerzahlen für Studien zu verringern. Studien mit Probanden aus Hochrisikogruppen wären dafür eine Lösung. In solchen Gruppen infizieren sich mehr Menschen als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dadurch wird die erforderlich Patientenzahl für aussagekräftige Studien schneller erreicht.

Außerdem können molekulare Tests wie der sogenannte Interferon-gamma-Assay oder der Tuberkulin-Haut-Test den Umfang von Studien verkleinern und damit Geld sparen. Diese Tests zeigen eine Tuberkulose-Infektion verlässlich an. Studien, die die Wirkung von Impfstoff-Kandidaten anhand solcher Tests messen, kommen mit weniger Teilnehmern aus. Sogenannte Biomarker wiederum geben wertvolle Hinweise darauf, bei welchen Personen ein Impfstoff wirkt.

Darüber hinaus erhöht die Analyse von Zwischenergebnissen in laufenden Studien deren Effektivität. Dadurch können die Untersuchungen schnell an die gewonnenen neuen Erkenntnisse angepasst und beispielsweise Teilnehmerzahlen erhöht oder verringert werden. „Auf die Daten und Proben aus solchen Studien sollten auch andere Forscher zugreifen können. Dann könnten auch künftige Studien davon profitieren“, sagt Kaufmann.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Stefan H. E. Kaufmann
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
Telefon: +49 30 28460-500

Fax: +49 30 28460-501

E-Mail: kaufmann@mpiib-berlin.mpg.de

Originalpublikation
Stefan H.E. Kaufmann, Thomas G. Evans, Willem A. Hanekom

Tuberculosis vaccines: Time for a global strategy

Science Translational Medicine, 25. Februar 2015

Quelle

Media Contact

Prof. Dr. Stefan H. E. Kaufmann Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin

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