„Schaufensterkrankheit“: Neue Therapiemöglichkeit am UKM gegen die unterschätzte Gefahr

Nach 150 Metern Gehstrecke ging nichts mehr bei Manfred Lühring: Die krampfartigen Schmerzen in den Waden wurden unerträglich. Er musste eine Pause einlegen, erst dann konnte er weiter gehen. So ging es rund zwei Jahre. Und die Strecken, die er zwischen den Pausen zurücklegen konnte, wurden immer kürzer. Der 59-Jährige aus Ostfriesland litt an einer schweren Durchblutungsstörung in den Beinen.

Der Volksmund nennt sie stark verniedlichend „Schaufensterkrankheit“ (da die Betroffenen zur Ablenkung oft vor Schaufenstern stehen bleiben). Mediziner sprechen von der peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK). Hierbei verengen sich die Beinarterien im Extremfall bis zum völligen Verschluss. Am Universitätsklinikum Münster (UKM) steht nun ein neues Verfahren zur Verfügung, um auch bei komplett verschlossen Beinarterien wieder den Blutfluss zu ermöglichen.

„Gerade bei einem kompletten Arterienverschluss ist es schwierig oder kaum möglich, die Gefäße mit einem Katheter zu durchdringen und so die Gefäße mit einem Ballon aufzudehnen oder einen Stent (Gefäßstütze) zu setzen. Durch ein neues Verfahren kann jedoch auch solchen Patienten besser geholfen werden, deren Arterien komplett verschlossen sind“, erklärt Prof. Dr. Holger Reinecke, kommissarischer Leiter der Medizinischen Klinik und Poliklinik C (Kardiologie und Angiologe) des UKM.

Manfred Lühring war einer der ersten Patienten am UKM, bei denen das neue System zum Einsatz kam. Der Name des Systems ist dabei Programm: „Outback“, zu deutsch: Hinterland. Denn im „Hinterland“ der Gefäße kommt das neue System zum Einsatz als „Rekanalisationssystem“ für die Arterien. Dr. Matthias Meyborg, Oberarzt der Medizinischen Klinik C erläutert das Verfahren. „Dabei wird ein speziell konstruierter Katheter in der Gefäßwand an dem Verschluß vorbei geführt und erst hinter dem Verschluss wieder in die Arterie eingeführt. Dieser neue Zugang über den „Umweg“ ermöglicht dann die weitere Behandlung mit dem Ballon oder einem Stent, um das Gefäß wieder zu öffnen.“

Prof. Holger Reinecke weist dabei auch auf die Spätfolgen der unbehandelten Schaufensterkrankheit hin: „Im schlimmsten Fall kann bei solchen Arterienverschlüssen sogar zum Absterben von Teilen des Beines kommen oder eine Amputation nötig werden. In Deutschland sind es ca. 50.000 Amputationen jährlich, die aus diesem Grund durchgeführt werden müssen. Gerade bei Patienten, bei denen sich bereits offene oder sogar schwarze Stellen an den Beinen gebildet haben, kann das neue System sehr oft erfolgreich eingesetzt und weitere Schäden verhindert werden.“

Bislang wurde das neue System in Deutschland etwa 500 Mal eingesetzt, in der Uniklinik Münster bereits 25 Mal. Prof. Reinecke und Dr. Meyborg rechnen allerdings mit einem starken Anstieg: „Die Häufigkeit der peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit ist u.a. auch altersabhängig und steigt mit Lebensalter an. Ab dem 65. Lebensjahr ist inzwischen jeder fünfte Mann betroffen. Mit dem demographischen Wandel geht damit zwangsläufig auch ein Anstieg der Krankheitsfälle einher. Umso wichtiger sind neue Therapiemöglichkeiten, wie das Outback-System für die betroffenen Patienten.“

Manfred Lühring ist heute froh über die zurück gewonnene Lebensqualität und Mobilität: „Heute kann ich Strecken von vier bis fünf Kilometer problemlos bewältigen. Ich bin wieder zu Fuß mobil. Das ist natürlich eine ganz andere Lebensqualität – und natürlich sind die Schmerzen verschwunden.“ Auch ein langer stationärer Krankenhausaufenthalt blieb ihm erspart: Nach vier Tagen konnte er das UKM bereits wieder verlassen.

Media Contact

Stefan Dreising Universitätsklinikum Münster (UK

Weitere Informationen:

http://www.klinikum.uni-muenster.de

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