Der "Flug durch den Darm" wird weniger belastend – Risiko-Patienten profitieren von neuen Verfahren

Dickdarmkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung in Deutschland: Jährlich erkranken rund 60.000 Menschen daran, bei etwa der Hälfte von ihnen führt dieser Krebs zum Tode. Die virtuelle Darmspiegelung per CT, ist inzwischen beim Nachweis von Krebsvorstufen (Polypen) der konventionellen Darmspiegelung ebenbürtig – und es gibt neue Ansätze, um die Methode weiter zu verbessern. Dies berichten Experten auf dem 85. Deutschen Röntgenkongress in Wiesbaden.

In den Vorsorgeuntersuchungen der Krankenkassen sind seit Herbst 2002 je eine Darmspiegelung (Koloskopie) im Alter von 55 und 65 Jahren vorgesehen, um Polypen so früh wie möglich zu entdecken. Aus diesen gutartigen Veränderungen kann Darmkrebs (colorektales Karzinom) entstehen. Auch wenn bei dem ab dem 50. Lebensjahr zur Früherkennung vorgesehenen jährlichen Hämocculttest Blutspuren im Stuhl entdeckt werden, ist zur weiteren diagnostischen Abklärung eine Darmspiegelung nötig.

Dr. Patrik Rogalla vom Institut für Radiologie der Berliner Charité hält die Darmspiegelung per Endoskop, die „flexible Koloskopie“, nach wie vor „für das beste diagnostische Verfahren, weil dabei Polypen nicht nur entdeckt, sondern gleichzeitig schmerzlos entfernt werden können.“ Zur Vorbereitung der Untersuchung muss der Darm allerdings 24 Stunden vorher mittels drei bis vier Litern getrunkener Flüssigkeit gründlich gereinigt werden. Denn: Je sauberer der etwa 1,60 Meter lange Darm ist, desto besser kann der Arzt ihn begutachten, und desto exakter fällt das Untersuchungsergebnis aus. Diese „Darmvorbereitung“ wird von vielen Patienten jedoch als unangenehm empfunden. Hinzu kommt das Verletzungsrisiko, das wie bei jedem operativen Eingriff auch bei einer Darmspiegelung besteht. Darum vertritt Rogalla die Ansicht, „dass nicht jeder kleine Polyp unter fünf Millimeter Größe abgetragen werden muss.“ Dass kleinere Polypen durchaus an der Darmschleimhaut verbleiben können wenn sie regelmäßig kontrolliert werden, bestätigte schon vor einigen Jahren eine Studie Erlangener Ärzte: Diese hatten im Laufe von 15 Jahren 20.000 entfernte Polypen nachuntersucht, 5000 davon waren kleiner als fünf Millimeter. In diesen kleinen Wucherungen konnten die Mediziner in keinem Fall Tumor-Zellen nachweisen. Dies bedeutet, dass nur Polypen, die einen größeren Durchmesser haben, entfernt werden müssen.

Vor allem Risikopatienten, die sich regelmäßigen endoskopischen Untersuchungen des gesamten Dickdarms unterziehen müssen, könnten darum von den neuen, nicht-invasiven Möglichkeiten der „virtuellen Koloskopie“ per CT profitieren. Eine Darmspiegelung wäre nur dann erforderlich, wenn die CT-Aufnahme Polypen zeigt, die endoskopisch abgetragen werden müssen.

Computer-unterstützte Diagnostik. Da der Computer bei dieser Untersuchung immer mehr Aufgaben erhält, sprechen die Experten inzwischen von einer CAD-Methode (= computer aided diagnostic). Der Hauptvorteil für die Patienten besteht darin, dass kein Endoskop in den Darm eingeführt werden muss. Eine weitere Erleichterung ist, dass inzwischen auch die Vorbereitungszeit verkürzt wurde. Erst am Mittag des Vortages vor der Untersuchung müssen lediglich zwei Mal 45 Milliliter Flüssigkeit getrunken werden. Dieser Flüssigkeit wird ein Farbstoff zugesetzt, um den Stuhl anzufärben. Er stellt sich auf dem Bildschirm darauf hin heller dar, und erleichtert es somit dem Computer, ihn digital aus dem Bild herauszurechnen. Übrig bleibt ein sauberer Darm, der problemlos in allen Abschnitten virtuell „abgetastet“ werden kann. Dass diese Methode den Vergleich mit der Darmspiegelung nicht zu scheuen braucht, zeigen die Daten einer aktuellen Studie aus den USA mit über 1200 Patienten. Die Zahlen belegen, dass die virtuelle Koloskopie eine ebenso genaue Screening-Methode darstellt, klinisch relevante Polypen zu entdecken wie die flexible Koloskopie.

Eine Alternative für Risikopatienten. Die virtuelle Koloskopie eignet sich hauptsächlich dann, wenn Patienten

  • ein familiär erhöhtes Risiko für Darmkrebs haben
  • Gegenanzeigen (Kontraindikationen) zur Durchführung einer flexiblen Koloskopie
    aufweisen, etwa die Neigung zu Blutungen, Verwachsungen und Narben oder
  • eine zu große Angst vor einer Darmspiegelung haben.

Dass es möglich ist, die Computer-assistierte Diagnostik immer weiter zu verfeinern, zeigt die nächste Entwicklungsstufe. Mittlerweile kann der Computer bereits Aufnahmen vom Darm im Vorfeld interpretieren, um mögliche Polypen einzugrenzen. Dazu setzt er eine automatische Markierung (Pfeil, Kreis) bei den Aufnahmen und macht so die Radiologen auf Veränderungen ganz gezielt aufmerksam. Bislang wird ein solches Gerät allerdings nur am Radiologischen Institut der Charité, Berlin eingesetzt. „Wir arbeiten erst seit einem Monat damit und befinden uns noch in einem experimentellen Stadium“, sagt Rogalla.

Richtlinien in Arbeit. Für Ärzte, die im Rahmen der kassenärztlichen Vorsorgeuntersuchung Darmspiegelungen durchführen, gibt es bereits Richtlinien, die vorschreiben, dass ein Untersucher mindestens 200 Koloskopien pro Jahr durchführen muss. Auch die Radiologen sind gerade dabei, entsprechende Richtlinien für die virtuelle Darmspiegelung zu entwickeln.

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