Oberfläche der Ozeane beeinflusst Klima stärker als gedacht

Im Labor des IRCELYON in Lyon wurde von der Gruppe um Dr. Christian George das Meerwasser künstlich beleuchtet und die dabei entstehenden Gase analysiert, um die Prozesse zu untersuchen. Foto: IRCELYON

Isopren ist ein Gas, das sowohl von der Vegetation als auch den Ozeanen gebildet wird und in der Atmosphäre große Bedeutung für das Klima hat. Aus diesem Gas bilden sich Partikel, die später zu Wolken werden können und dann Temperatur und Niederschlag beeinflussen.

Bisher war angenommen worden, dass Isopren im Meereswasser vor allem durch biologische Prozesse aus Plankton entsteht. Die Atmosphärenchemikerinnen und –chemiker aus Frankreich und Deutschland könnten jetzt jedoch zeigen, dass Isopren auch ohne biologische Quellen im Oberflächenfilm der Ozeane durch Sonnenlicht gebildet werden könnte und so die große Diskrepanz zwischen Feldmessungen und Modellen erklären. Der neue photochemische Reaktionsweg ist deshalb wichtig, um die Klimamodelle verbessern zu können.

Die Ozeane der Erde nehmen nicht nur Wärme und Kohlendioxid auf, sie sind auch Quellen verschiedener Gase und beeinflussen so das globale Klima. Eine Schlüsselrolle bei diesen Interaktionen zwischen Meerwasser und den Luftschichten nimmt ein hauchdünner Film an der Wasseroberfläche ein. Der sogenannte Oberflächenfilm bildet sich vor allem bei geringem Seegang.

In dieser nur wenige Mikrometer dünnen Schicht sammeln sich verschiedenste organische Substanzen wie Fett- und Aminosäuren, Proteine, Lipide genauso an wie auch Spurenmetalle, Staub und Mikroorganismen. Sie alle zusammen bilden einen gewaltigen Filter, der bis 70 Prozent der Oberfläche des Planeten abdecken kann. Der Oberflächenfilm filtert jedoch nicht nur, er ist auch aktiv an der Produktion von Gasen beteiligt.

Für die jetzt veröffentlichte Studie nutzte das Forscherteam Proben aus dem Nordatlantik. Im Raunefjord bei Bergen in Norwegen wurde der Oberflächenfilm eingesammelt. Dazu wird eine Glasplatte ins Wasser getaucht und anschließend wieder vorsichtig aus dem Wasser gezogen. Dabei bleibt der 200 Mikrometer dünne Film am Glas haften und wird anschließend mit einem Scheibenwischer abgekratzt. Die so gewonnene Probe wird später im Labor untersucht. Am Instituts für Katalyse und Umwelt in Lyon (IRCELYON), das zur französischen Forschungsorganisation CNRS und zur Universität Lyon 1 gehört, untersuchte das Team die photochemischen Eigenschaften, indem die Proben mit Licht bestrahlt wurden und die entstehenden Gase analysiert wurden. Durch die Messungen zeigte sich, dass auch ohne Plankton Isopren entstand und dies in Größenordnungen, die bisher ausschließlich dem Plankton zugeschrieben wurden.

„Wir konnten damit erstmals die Produktion dieses wichtigen Vorläufergases von Aerosolpartikeln auf abiotische Quellen zurückführen, was die Unstimmigkeiten in den globalen Berechnungen erklärt, die bisher nur biologische Quellen angenommen hatten“, erklärt Dr. Christian George vom IRCELYON.

Damit wird es nun möglich, die Gesamtmengen an Isopren abzuschätzen, die global emittiert werden. Bisher deuteten lokale Messungen auf Mengen von etwa 0.3 Megatonnen pro Jahr, globale Simulationen dagegen auf rund 1.9 Megatonnen pro Jahr. Das Team aus Lyon und Leipzig schätzt aber, dass der neu entdeckte photochemische Reaktionsweg allein 0.2 bis 3.5 Megatonnen pro Jahr zusätzlich beitragen und die bisherigen Unstimmigkeiten erklären könnte. „Die Existenz der organischen Oberflächenfilms an der Ozeanoberfläche aufgrund von biologischen Aktivitäten beeinflusst daher die Austauschprozesse zwischen Luft und Meer unerwartet deutlich und die photochemischen Prozesse an dieser Grenzfläche könnten eine ganz wesentliche Quelle von Isopren sein“, fasst Prof. Hartmut Herrmann vom TROPOS zusammen.

Die Prozesse an der Grenze zwischen Wasser und Luft sind aktuell von großem Interesse in der Wissenschaft: Im August legte das Team vom CNRS und TROPOS in Scientific Reports, dem Open-Access-Journal von Nature, Belege vor, dass gelöstes organisches Material im Oberflächenfilm unter dem Einfluss von Sonnenlicht die chemische Umwandlung von gesättigten Fettsäuren in ungesättigte Gasphasenprodukte verstärkt. Dabei wurde erstmals klar, dass diese Produkte nicht nur biologischen Ursprungs sein müssen, sondern auch abiotische Prozesse an der Grenzfläche zwischen beiden Medien das Potenzial haben, solche Moleküle zu produzieren.

Anfang September konnte ein anderes Team aus Kanada, den USA, Großbritannien und Deutschland im Journal Nature zeigen, dass organisches Material aus dem Oberflächenfilm der Ozeane eine wichtige Quelle für die Eisbildung in Wolken über küstenfernen Regionen des Nordatlantiks, Nordpazifiks und Südpolarmeers sein kann. Die jüngste Publikation des Teams vom CNRS und TROPOS in Environmental Science & Technology gibt nun erstmals Hinweise, wie die Klimamodelle in dem wichtigen Detail des Einflusses von Isopren verbessert werden könnten und wird vom Journal daher wegen der großen Bedeutung frei zugänglich als „Editor´s Choice“ veröffentlicht.
Tilo Arnhold

Publikationen:
Raluca Ciuraru, Ludovic Fine, Manuela van Pinxteren, Barbara D'Anna, Hartmut Herrmann, and Christian George (2015): Unravelling new processes at interfaces: photochemical isoprene production at the sea surface. Environmental Science & Technology. Just Accepted Manuscript
DOI: 10.1021/acs.est.5b02388
http://dx.doi.org/10.1021/acs.est.5b02388
Die Untersuchungen wurde vom Europäischen Forschungsrat ERC gefördert (ERC Grant Agreement 290852 – AIRSEA).

Raluca Ciuraru, Ludovic Fine, Manuela van Pinxteren, Barbara D’Anna, Hartmut Herrmann & Christian George (2015): Photosensitized production of functionalized and unsaturated organic compounds at the air-sea interface. Scientific Reports, 5:12741, DOI: 10.1038/srep12741
http://dx.doi.org/10.1038/srep12741
Die Untersuchungen wurde vom Europäischen Forschungsrat ERC gefördert (ERC Grant Agreement 290852 – AIRSEA).

Weitere Infos:
Dr. Christian George (en. + fr.)
Institut de Recherches sur la Catalyse et l'Environnement de Lyon (IRCELYON)
Tel: +33-(0)472 44 54 92
http://www.ircelyon.univ-lyon1.fr/syrcel/card/CGO
und
Prof. Dr. Hartmut Herrmann, Dr. Manuela van Pinxteren
Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS)
Tel. +49-341-2717-7024, -7102
http://www.tropos.de/institut/ueber-uns/mitarbeitende/hartmut-herrmann/
http://www.tropos.de/institut/ueber-uns/mitarbeitende/manuela-van-pinxteren/
oder
Tilo Arnhold, TROPOS-Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +49-341-2717-7189
http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/

Links:
Climat : l’impact des réactions à la surface des océans sur l’atmosphère (Pressemitteilung des CNRS auf Französisch)
http://www.cnrs.fr/inc/communication/direct_labos/george4.htm

METEOR-Expedition „BioChemUpwell“ nimmt Auftriebsgebiete in der Ostsee unter die Lupe (Pressemitteilung vom 23. Juli 2015)
http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/meteor-expedition-bioc…
20.000 Liter Meerwasser für ein Gasaustausch-Experiment (Pressemitteilung vom 21.11.2014)
http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/20000-liter-meerwasser…
Wolkenmacher im Oberflächenfilm der Meere (Pressemitteilung vom 05.03.2014)
http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/wolkenmacher-im-oberfl…

Klimaforscher interessieren sich für den Oberflächenfilm der Ozeane (SWR2 vom 12.1.2015)
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/impuls/klimaforscher-interessieren-sic…

Das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist Mitglied der Leibniz- Gemeinschaft, die 89 selbständige Forschungseinrichtungen verbindet. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen u.a. in Form der WissenschaftsCampi , mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 18.100 Personen, darunter 9.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,64 Milliarden Euro. http://www.leibniz-gemeinschaft.de

http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/oberflaeche-der-ozeane…

Media Contact

Tilo Arnhold Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften

Die Geowissenschaften befassen sich grundlegend mit der Erde und spielen eine tragende Rolle für die Energieversorgung wie die allg. Rohstoffversorgung.

Zu den Geowissenschaften gesellen sich Fächer wie Geologie, Geographie, Geoinformatik, Paläontologie, Mineralogie, Petrographie, Kristallographie, Geophysik, Geodäsie, Glaziologie, Kartographie, Photogrammetrie, Meteorologie und Seismologie, Frühwarnsysteme, Erdbebenforschung und Polarforschung.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Was die Körnchen im Kern zusammenhält

Gerüst von Proteinflecken im Zellkern nach 100 Jahren identifiziert. Nuclear Speckles sind winzige Zusammenballungen von Proteinen im Kern der Zelle, die an der Verarbeitung genetischer Information beteiligt sind. Berliner Forschende…

Immunologie – Damit Viren nicht unter die Haut gehen

Ein Team um den LMU-Forscher Veit Hornung hat einen Mechanismus entschlüsselt, mit dem Hautzellen Viren erkennen und Entzündungen in Gang setzen. Entscheidend für die Erkennung ist eine typische Struktur der…

Kleine Moleküle steuern bakterielle Resistenz gegen Antibiotika

Sie haben die Medizin revolutioniert: Antibiotika. Durch ihren Einsatz können Infektionskrankheiten, wie Cholera, besser behandelt werden. Doch entwickeln die krankmachenden Erreger zunehmend Resistenzen gegen die angewandten Mittel. Nun sind Wissenschaftlerinnen…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close