Entwicklungsbiologie – Tödliche Mitgift

Foto: Bob Goldstein, UNC Chapel Hill / wikimediaorg

Der programmierte Zelltod – die Apoptose – ist ein streng regulierter, universell gültiger Prozess, mit dem höhere Organismen unerwünschte Zellen beseitigen. Wichtig ist dies beispielsweise bei der Embryonalentwicklung, bei der zahlreiche überflüssige oder nicht mehr benötigte Zellen anfallen.

Forscher um Barbara Conradt, LMU-Professorin für Zell- und Entwicklungsbiologie, haben am Modellorganismus, dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans (C. elegans), untersucht, welche Mechanismen die Apoptose auslösen. Dabei konnten sie zeigen, dass schon in der Mutterzelle die Weichen für das Schicksal der Tochterzellen gestellt werden. Über ihre Ergebnisse berichten die Forscher im Magazin Nature Communications.

Während der Entwicklung von C. elegans entstehen 1090 Zellen, von denen aber 131 wieder absterben. Da genau bekannt ist, wann welche Zellen sterben, ist der Wurm für Studien zur Apoptose besonders geeignet – und da dieser Prozess bei allen höheren Organismen weitgehend übereinstimmt, können die Ergebnisse auch auf andere Organismen übertragen werden.

Die Apoptose läuft in genau definierten Schritten ab: Zunächst wird bestimmt, welche Zellen eliminiert werden sollen, dann folgt das eigentliche Abtöten der Zelle. „Wenn eine Zelle stirbt, verändert sich ihr Aussehen. Schließlich wird sie von Nachbarzellen einverleibt und verdaut. Dieser Prozess wird als Engulfment bezeichnet“, erklärt Conradt. „Seit etwa 15 Jahren ist bekannt, dass die Engulfment-Signalwege nicht nur als Müllabfuhr für tote Zellen dienen, sondern bereits beim Töten eine Rolle spielen. Wir haben jetzt entdeckt, auf welche Weise das passiert.“

Als Modell diente den Forschern die sogenannte NSM-Zelllinie von C. elegans. Aus NSM-Mutterzellen entstehen durch Teilung zwei unterschiedlich große Tochterzellen, von denen die kleinere sofort nach der Teilung stirbt. „Bisher dachte man, dass die Zelltodmaschinerie erst nach der Teilung anspringt“, sagt Conradt. „Wir konnten nun zeigen, dass sie in gewissem Umfang schon in der Mutterzelle aktiv ist und in bestimmten Nachbarzellen der Mutterzelle Teile des Engulfment-Signalwegs aktiviert.“

Diese Nachbarzellen wiederum bewirken dann in der Mutterzelle eine ungleiche Verteilung des Proteins CED-3 (einer Zelltodprotease oder ‚Caspase‘) – und zwar so, dass sich CED-3 in dem Bereich konzentriert, aus dem nach der Teilung die kleinere Tochterzelle hervorgeht.

Von CED-3 ist bekannt, dass es als „Killerfaktor“ den Zelltod aktiviert. „Die Mutterzelle leistet demnach schon vor der Teilung quasi Sterbehilfe für die kleinere Tochterzelle, indem sie ihr einen Großteil der zelltod-fördernden Faktoren mitgibt“, sagt Conradt.

Als nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler nun diesen Prozess weiter analysieren und untersuchen, ob er auch in Säugetierzellen oder in Stammzellen abläuft. „Gerade bei Stammzellen, die sich auch asymmetrisch teilen, hat die ungleiche Verteilung von Ressourcen möglicherweise eine wichtige Funktion, da so unerwünschte Stoffe der absterbenden Tochterzelle mitgegeben und beseitigt werden können“, sagt Conradt.

Die Apoptose ist auch medizinisch sehr interessant, denn Fehler bei diesem Prozess können für den ganzen Organismus schädlich sein – und zwar sowohl, wenn noch benötigte Zellen absterben, als auch, wenn Zellen überleben, die normalerweise hätten sterben sollen. Mit Fehlern bei der Apoptose werden zahlreiche Erkrankungen in Verbindung gebracht, etwa Krebs, neurodegenerative Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten. Ein vertiefter Einblick in die Mechanismen der Apoptose könnte künftig helfen, neue Zielstrukturen für Therapien zu entwickeln.
Nature Communications 2015

Publikation:
Engulfment pathways promote programmed cell death by enhancing the unequal segregation of apoptotic potential
Sayantan Chakraborty, Eric J. Lambie, Samik Bindu, Tamara Mikeladze-Dvali and
Barbara Conradt
Nature Communications 2015
DOI: 10.1038/ncomms10126

Kontakt:
Prof. Dr. Barbara Conradt
Biozentrum der LMU München
Department Biologie II
Zell- und Entwicklungsbiologie
Phone: 089 2180-74050
Email: conradt@biologie.uni-muenchen.de
http://www.cellbiology.bio.lmu.de/people/principal_investigators/barbara_conradt…

Media Contact

Luise Dirscherl Ludwig-Maximilians-Universität München

Weitere Informationen:

http://www.uni-muenchen.de/

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Die Glasknochenkrankheit besser verstehen – ganz ohne Tierversuche

Forschende der ETH Zürich haben ein zellbasiertes Knochenmodell entwickelt, mit dem sie der Ursache der Erbkrankheit auf den Grund gehen können. Wer an der Glasknochenkrankheit leidet, für den ist das…

Biobasierte Kunststoffe – neuartiges Folienmaterial aus dem Biokunststoff PLA

Flexible Einwegfolien wie Tragetaschen oder Müllsäcke werden hauptsächlich aus erdölbasiertem Polyethylen niedriger Dichte (LDPE) hergestellt. Sie besitzen jedoch einen großen CO2-Fußabdruck und tragen zur Umweltverschmutzung durch Kunststoffabfälle bei. Einem Team…

Isolierte Atome groß in Form

LIKAT-Chemiker demonstrieren heterogene Katalyse für die Synthese komplexer Moleküle. Ein am LIKAT in Rostock entwickelter Katalysator eröffnet neue Wege in der Synthese von Feinchemikalien etwa für die Pharmazie, die Agro-…

Partner & Förderer