Networking unter Fledermäusen

Großer Abendsegler mit GPS-Sender
(c) Manuel Roeleke/Universität Potsdam

Gemeinsame Nahrungssuche führt schneller zum Erfolg.

Soziale Jagdstrategien sind bereits bei vielen Tierarten, deren Beute sich unvorhersehbar in der Landschaft verteilt, gut dokumentiert. In einer neuen Forschungsarbeit weisen Manuel Roeleke und sein Team von der Universität Potsdam und dem Leibniz-IZW nun erstmalig nach, dass sich Tiere – in diesem Fall die Fledermausart Großer Abendsegler –zu einem mobilen sensorischen Netzwerk zusammenschließen, um gemeinsam ihre Chancen auf Beutefang zu erhöhen. Die heute in der Fachzeitschrift „PNAS“ veröffentlichten Untersuchungen belegen, dass Beutegreifer durch flexible Jagdstrategien in der Lage sind, sich über eine Vernetzung mit Artgenossen unterschiedlichen Umweltbedingungen anzupassen.

Viele Beutegreifer müssen täglich ihre Nahrung finden. Ist die Beute unregelmäßig in der Landschaft verteilt und nur für kurze Zeit verfügbar, erscheint diese Aufgabe wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Tiere, die von solch unvorhersehbaren Beutevorkommen abhängen, haben daher oft soziale Strategien zur Nahrungssuche entwickelt: Während der Suche stehen die Tiere miteinander in Kontakt und tauschen Informationen über ihre Umwelt aus.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Potsdam und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) beobachtete nun erstmals, dass sich Fledermäuse der Art Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) während der Nahrungssuche zeitweise zu mobilen, sensorischen Netzwerken zusammenschließen. „Der Große Abendsegler eignet sich besonders gut für derartige Untersuchungen, denn seine Beute – Insektenschwärme – verteilt sich völlig unvorhersehbar im offenen Luftraum“, erklärt der leitende Autor des Aufsatzes, Manuel Roeleke. „Zudem ist die Distanz, über welche die Fledermäuse die Insekten per Ultraschall orten können, mit etwa 10 -15 Metern relativ klein. Das erschwert ihnen das Aufspüren ihrer Beute. Dahingegen nehmen die Tiere ihre eigenen Artgenossen über sehr viel größere Entfernungen, im Idealfall bis zu 160 Meter, wahr. Die Suche in der Gruppe sollte demnach einfacher sein.“

Insgesamt untersuchten die Forschenden die Flugmuster von 81 Fledermäusen. Möglich wurde das durch kleine Radiosender, die Signale an einen Verbund von Antennen senden. Florian Jeltsch von der Universität Potsdam erklärt: „Mit dem hochmodernen ‚ATLAS‘-System können wir die Bewegung dutzender Tiere zeitgleich aufnehmen. Dank der großartigen Unterstützung lokaler Landwirte und Privatpersonen können wir die Tracking-Technologie seit 2018 in der Uckermark betreiben – eine einzigartige Chance, um Tierbewegungen und Artenvielfalt in der europäischen Kulturlandschaft zu erforschen.“ Sein Kollege Christian Voigt vom Leibniz-IZW ergänzt: „Mit dem ‚ATLAS‘-System ist es nun möglich, die Interaktionen von Fledermäusen im Flug aufzunehmen.

Unsere Daten konnten die Theorie der mobilen sensorischen Netzwerke bestätigen: Während der Insektensuche fächern sich die Fledermäuse auf, bleiben aber akustisch in Kontakt und passen falls nötig ihre Flugbahnen einander an, um ein möglichst großes Gebiet absuchen zu können.“ Findet ein Tier im Netzwerk also einen Schwarm Beuteinsekten, bekommen das die Nachbarn über Veränderungen in den Flugbewegungen und anhand speziell zur Insektenjagd genutzter Ultraschallrufe mit, wodurch nach und nach alle Tiere im sensorischen Netzwerk auf das lohnende Jagdgebiet aufmerksam werden.

Das Forschungsteam verglich die Effizienz der Nahrungssuche von „vernetzten“ Fledermäusen mit der von Einzeljägern in Abhängigkeit von Gruppengröße und Nahrungsverteilung. Dafür nutzten sie ein von Mitautorin Cara Gallagher entwickeltes Computermodell, welches auf den empirisch ermittelten Bewegungsmustern basiert. „Sich zu vernetzen und auszutauschen, erwies sich für die Fledermäuse besonders sinnvoll, wenn die Nahrungsquellen räumlich weit verteilt waren“, erklärt Roeleke.

„So zeigt unser Modell, dass ‚vernetzte‘ Tiere 40% weniger Zeit brauchten um Beute aufzuspüren als Fledermäuse, die ihre Artgenossen während der Jagd ignorierten.“ Durch die Jagd in der Gruppe können die Fledermäuse auch in großräumigen Kulturlandschaften Beute finden und tragen dabei effektiv zur Kontrolle landwirtschaftlicher „Schad“insekten bei. Dazu ist aber ein konsequenter Schutz dieser Tiere und ihrer Quartierverbünde notwendig. Wird die lokale Population zu klein, ist es den Tieren nicht mehr möglich, effiziente Netzwerke zu bilden. Als Einzelgängern fällt es den Tieren dann schwer, schnell und zuverlässig Nahrung zu finden.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

>> PD Dr. Christian Voigt
Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin, Deutschland
Tel.: +49(0)30 5168 511
E-Mail: voigt@izw-berlin.de

>> Dr. Manuel Roeleke
Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Vegetationsökologie und Naturschutz, Institut für Biologie und Biochemie
Universität Potsdam
Am Mühlenberg 3, 14476 Potsdam
Tel.: +49(0)331 9776250
E-Mail: roeleke@uni-potsdam.de

Originalpublikation:

Roeleke M, Schlägel UE, Gallagher C, Pufelski J, Blohm T, Nathan R, Toledo S, Jeltsch F, Voigt CC (2022): Insectivorous bats form mobile sensory networks to optimize prey localization: the case of the common noctule bat. PNAS 119 (33) e2203663119. DOI: 10.1073/pnas.2203663119

http://www.izw-berlin.de/de/

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Dipl. Soz. Steven Seet Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

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