Ein Test soll Klärschlamm vor Chemikalien schützen

Mit diesem kleinen Mund von nur einen Durchmesser von fünf Millionstel Meter frisst eine Protozoe Bakterien und reinigt damit effektiv die Schlämme in Kläranlagen. Allerdings nur, wenn die Protozoen nicht von Chemikalien im Abwasser angegriffen werden, was heute noch nicht getestet werden kann. In den Belebtschlämmen kommen die Protozoen in vielen Größen vor. Sie können bis zu acht Mal größer sein als das abgebildete so genannte Tetrahymena. © Christian Bardele, Universität Tübingen

Neues Verfahren des FU-Wissenschaftlers wird jetzt EU-weit erprobt

In seltenen Fällen muss auch der Feind eines Freundes geschützt werden. So verhält es sich mit den Protozoen, die sich im Klärschlamm tummeln und dort die Bakterien fressen, die die eigentliche Abwasserreinigung besorgen. Dr. Wilfried Pauli, Biologe an der Freien Universität Berlin, hat dazu einen Test entwickelt, mit dem die Schädlichkeit von neuen Produkten auf die Protozoen gemessen werden kann, und zwar bevor es zu spät ist, so wie es die EU fordert. Doch bevor das neue Verfahren eingeführt werden kann, muss bewiesen sein, dass es vom Nordkap bis nach Sizilien die gleichen Ergebnisse bringt. Deshalb beginnt im Mai ein so genannter Ringtest.

Die Protozoen sind sozusagen die Fresser der Fresser. Wenn sie die Bakterien nach getaner Reinigungsarbeit nicht entsorgen, arbeitet ein Klärschlamm nicht mehr richtig. „Das geschieht immer wieder, dann wird das Abwasser nicht mehr gereinigt und verschmutzt die Umwelt“, sagt Wilfried Pauli. Das ist nicht nur ökologisch bedenklich, sondern auch ein finanzielles Problem für die Kläranlagen. Sie müssen Strafen zahlen, wenn sie mehr organisches Material in die Flüsse leiten als erlaubt ist. Trotz des Risikos und damit auch handfesten Interesses der Wasserbetriebe existiert bisher kein Test, mit dem neue Chemikalien darauf geprüft werden können, ob sie die Protozoen angreifen. „Das Problem ist“, so Wilfried Pauli, „dass wir die Funktion einerseits im sehr komplexen natürlichen Lebensraum testen müssen, andererseits aber einfach erfassbare Indikatoren brauchen.“

Deshalb benutzt der Test den so genannten Belebtschlamm, der in Kläranlagen anfällt, in ganz Europa verfügbar ist, und solch einen funktionierenden Bakterien-Protozoen Lebensraum darstellt. Dazu gibt Wilfried Pauli die Chemikalie, deren Schädlichkeit untersucht werden soll. Der Clou ist nun, dass der Wissenschaftler die Bakterien nicht etwa mit organischem Material füttert, um die Nahrungskette über die Bakterien zu den Protozoen in Gang zu setzen. Denn dann würde zum Beispiel die Vermehrung der Bakterien das Ergebnis verfälschen. Stattdessen gibt er neue inaktivierte Bakterien dazu. Sie trüben das Wasser, bis sie von den Protozoen abgebaut werden. Das geschieht allerdings nur, wenn die Protozoen nicht durch die Chemikalien angegriffen worden sind. Die Wassertrübung ist damit ein Indikator für die Schädlichkeit der Chemikalien auf diese Mikroorganismen.

Damit ein Test europaweit offiziell eingeführt werden kann, muss er für die Chemikalien-Kontrolleure überall nachvollziehbar sein, nach genau festgelegten Richtlinien ablaufen und unabhängig von Klima oder Laboraustattung zum gleichen Ergebnis führen. „Ich muss zeigen, dass, was ich entwickelt habe, überall klappt“, sagt Wilfried Pauli. „Jetzt legen wir das Vorgehen fest und ab Mai beginnt dann der Ringtest in mehreren europäischen Ländern.“ Er soll Mitte 2006 abgeschlossen sein.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Wilfried Pauli, Institut für Biologie der Freien Universität Berlin, Mobil: 0160 / 96 77 54 35, Tel.: 030 / 838-54319, E-Mail: wpauli@zedat.fu-berlin.de

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Ilka Seer idw

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