Tanzsprache: Lügende Bienen enthüllen die Wahrheit

Hat eine Sammelbiene (Bildmitte) eine Futterstelle entdeckt, dann führt sie im Nest den Schwänzeltanz auf, der die Information über die Lage der Futterstelle enthält. Der Tanzablauf ist durch die Pfeile gekennzeichnet. Foto: Kleinhenz

Bienen, die eine neue Futterquelle entdecken, kehren in den Stock zurück und führen dort eine Art Tanz auf. Dieser enthält im Prinzip alle Informationen über die Lage der Futterstelle. Forscher von der Universität Würzburg haben die tanzenden Insekten zum Lügen gebracht und dabei Erkenntnisse gewonnen, die einen seit 50 Jahren andauernden Wissenschaftsstreit beenden. Wie ihnen das gelang, ist in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ nachzulesen. Das weltweit verbreitete Wissenschaftsblatt hält die Forschungsergebnisse aus Würzburg offenbar für so spannend, dass es ihnen sein Titelbild gewidmet hat.

Vor mehr als 50 Jahren entdeckte der Nobelpreisträger Karl von Frisch die Tanzsprache der Honigbienen. Seitdem waren sich die Zoologen uneinig darüber, ob die Bienen, die den Tanz beobachten, diese Nachricht tatsächlich verstehen und nutzen können.

Die Lösung dieser Frage gestaltete sich problematisch, da alle Bienen zusammen – sowohl die Tänzerin als auch ihre Nachtänzerinnen – die neuen Futterplätze anfliegen. Damit war es unklar, ob die Neulinge nicht auch alleine hingefunden hätten. Auch der Duft der Blüten hätte den Bienen als alleinige Orientierungshilfe dienen können.

Dem Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz ist es gemeinsam mit einem amerikanischen und zwei australischen Kollegen gelungen, diese Frage endgültig zu klären. Der Durchbruch wurde möglich, weil die Forscher die Bienentänzerinnen zum „Lügen“ bringen konnten.

Dazu wendeten sie einen experimentellen Trick an: Sie ließen die Sammelbienen durch einen schmalen und sechs Meter langen Tunnel zu einem Futterplatz und von dort wieder zurück in den Stock fliegen. Die Seitenwände des Tunnels trugen ein Muster, das die Bienen über die wahre Entfernung, die sie geflogen waren, täuschte.

Mit einem solchen Tunnel wiesen die Forscher bereits vor etwa einem Jahr nach, dass es die Bilder der an einer Biene vorbeigleitenden Landschaft sind, der so genannte optische Fluss, der als Maß für die geflogene Entfernung dient und im Stock in die Tanzbewegung übersetzt wird. Fliegen die Bienen nur wenige Meter durch einen gemusterten Tunnel, dann empfinden sie das so, als hätten sie einen Flug über mehrere hundert Meter zurückgelegt und zeigen die Entfernung beim Tanz entsprechend falsch an: Die Bienen „lügen“ also.

Wohin zieht es aber die Neulinge, die auf eine „lügende“ Tunnelbiene hören, dann aber nicht durch den Tunnel, sondern durch die freie Landschaft ausfliegen? Fliegen sie dorthin, wo auch die „Lügnerin“ hinfliegt, oder fliegen sie zu der Stelle, die ihnen im Tanz angegeben wurde? Prof. Tautz: „Die Neulinge suchen an der Stelle, die im Tanz angegeben wird. Dort ist weder die Tänzerin selbst jemals gewesen, noch gibt es dort etwas zu sammeln. Die Neulinge werden alleine durch die Tanzbotschaft zu dieser ’virtuellen Futterstelle’ gelockt und befolgen somit die falsche Tanzbotschaft exakt. Karl von Frisch hatte damals recht.“

Aber die Tanzbotschaft gilt nicht absolut, sondern ist sehr stark von der Geographie des Fluggeländes und der genauen Flugrichtung abhängig. Wird der Tunnel in derselben Landschaft in unterschiedliche Himmelsrichtungen ausgerichtet, dann schicken die Tanzbienen ihre Nachfolgerinnen auch in unterschiedliche Richtungen los. Allerdings liegen die Entfernungen, in denen die Neulinge nach der virtuellen Futterstelle suchen, um bis zum zweifachen auseinander. Eine Biene, die nach Westen fliegt, sucht zum Beispiel bei 200 Metern, während eine nach Norden gestartete Biene schon bei 100 Metern Entfernung nach dem Futter Ausschau hält.

Jürgen Tautz erklärt: „Im Grunde gibt die Tanzbiene als Maß für den Weg zum Futter nicht eine Entfernung, sondern eine Summe von Bildern an. Sie sagt den Neulingen: ’Fliege nach Westen, bis du einen bestimmten optischen Fluss abgearbeitet hast’. Darum sucht eine Biene, die über eintönige Weizenfelder fliegt, in viel weiterer Entfernung als ihre Genossin, die sich über einer abwechslungsreicheren Landschaft bewegt – und das, obwohl beide ihre Informationen von derselben Tänzerin bekommen haben.“

Diese Versuche wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur mitfinanziert.

Titel des Artikels: H. Esch, S. Zhang. M. Srinivasan und J. Tautz: „Honeybee Dances Communicate Distance by Optic Flow“

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Robert Emmerich idw

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