Denkmaltechnologie im Rampenlicht

Aus „Punktwolken“ entsteht am Computer ein dreidimensionales Modell des Theaters. Hochschule Coburg

Auf den Millimeter genau arbeiten Prof. Dr. Olaf Huth und Dipl.-Ing. Gerhard Gresik nicht. Zumindest diesmal nicht. Sie vermessen das Gebäude mit dem 3-D-Scanner nur auf fünf Millimeter genau: genug, um in überschaubarer Zeit alle wichtigen Details zu erfassen.

In der Wissenschaft der Digitalen Denkmaltechnologie werden oft noch mehr Punkte gescannt, aber beim jüngsten Projekt hat das Team von der Fakultät Design der Hochschule Coburg die Technologie bei einem Theater angewandt – und das hat offenbar bisher noch niemand in Deutschland getan.

Zumindest hat Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre in Frankfurt, keinen Hinweis darauf gefunden, und die Frankfurter Rundschau schrieb sogleich von der „Pionierarbeit“ der Coburger.

Das Projekt könnte die Bühnen revolutionieren, denn eine Digitalisierung wie sie in der Denkmaltechnologie angewandt wird, löst eine ganze Menge Probleme der Theatermacher.

Das English Theatre in Frankfurt hat es in mancher Hinsicht schwerer als vergleichbare Spielstätten. Es ist das größte englischsprachige Theater auf dem europäischen Festland, aber die Stücke werden in London geprobt und auch das Bühnenbild wird in Großbritannien gebaut. Da passt nicht immer alles perfekt.

Mal ist die Sicht bei einigen Plätzen eingeschränkt, mal passt die Beleuchtung nicht. „Es kann passieren, dass zehn Plätze der vorderen Reihen gesperrt werden müssen“, sagt Huth. Nicht dramatisch?

Der Coburger Professor rechnet vor, was so etwas für einen finanziell knapp kalkulierten Kulturbetrieb bedeutet: „Wenn die Karte 30 Euro kostet und zehn Plätze für 20 oder 30 Vorstellungen eines Stückes gesperrt werden müssen, fehlen dem Theater zwischen 6.000 und 9.000 Euro.“

Selbst wenn wie bei vielen anderen Theatern das Bühnenbild vor Ort erstellt wird, kann einiges nur in der Praxis ausprobiert und dann angepasst werden. Für Intendanten ist so etwas grundsätzlich ärgerlich, weil es Zeit und Geld kostet.

Dass gerade der Frankfurter Daniel Nicolai auf Idee kam, die corona-bedingte Zwangspause seines Theaters zu nutzen, um zwei Coburger Denkmalspezialisten ins Haus zu holen, das war einer jener Zufälle, die man im Nachhinein „glücklich“ nennt: Nicolai berichtete einer sachkundigen Nachbarin von seinem Kummer.

Es war Architektur-Professorin Anja Ohliger von der Hochschule Coburg, die noch ein Standbein in Hessen hat. Sie hatte die Idee, dass ihre Denkmaltechnologie-Kollegen vielleicht die Probleme lösen könnten und stellte den Kontakt her. Huth und Gresik fanden das Projekt aus Sicht der Forschung interessant, denn so ein völlig neuer Ansatz bringt auch Erkenntnisse für die weitere theoretische Arbeit.

Ende April fuhren sie mit einem Kofferraum voller Technik nach Frankfurt: zwei Stative, das Tachymeter, eine Kombination aus Winkel- und Entfernungsmessgerät, und Sachen wie der Rechner, also „Kleinkram“, wie Huth es nennt. Außerdem der 3-D-Scanner, den sie sich in Coburg an Professor Jens Gruberts Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Interaktion ausleihen können.

Franken in Frankfurt

Zwei Tage digitalisierten die Franken das English Theatre in Frankfurt: 3D-Scanner einstellen, dann schnell aus dem Scanbereich gehen, scannen – und zurück. Scanner samt Stativ zur nächsten Position tragen, neu einstellen. 51 Mal. „Es ist wichtig, dass man aus dem Messbereich raustritt“, erklärt Huth. „Sonst wird man ja mitgescannt.“

Das Digitalisieren bringt die Forscher in Bewegung. Vielleicht zehn Kilometer sind sie an beiden Tagen gelaufen, schätzt Gresik. Vermessen wurde allerdings nicht nur die Bühne, sondern das ganze Theater von den Garderoben über die Bar bis zum Zuschauerraum.

Gresik erklärt, wie die einzelnen Scans in Lage gebracht, wie die Daten am Computer zusammengebaut werden. So entsteht aus „Punktwolken“ ein dreidimensionales Abbild des Theaters. Lichteffekte, Einbauten der Bühne, Sichtbehinderungen und Akustik können im 3-D-Modell simuliert werden, ohne dass alles real ausprobiert und dann geändert werden muss. „Die Kulissen können passgenau entworfen und gebaut werden. Die Designer können die Infrastruktur gut planen: also beispielsweise, wo ein Scheinwerfer aufgehängt wird“, sagt Huth.

Mit dem 3D-Scan wird die geometrische Information des Gebäudes 1:1 abgebildet. „Um Genaueres zu Effekten wie der Lichteinwirkung oder Akustik zu sagen, müssten wir bei den einzelnen Körpern auch Daten wie die Dichte und die Oberflächenrauheit eingeben“, sagt Huth. „Wenn so ein Körpermodell erstellt wird, können zahlreiche Semester von Studierenden daran lernen“, sagt Gresik.

Die bisherige Arbeit sehen die Wissenschaftler als Grundlage. „Das können dann beispielsweise Studierende in der Innenarchitektur für virtuelle Planung nutzen.“

Der Umgang mit der Technik gehört zum Masterstudiengang Digitale Denkmaltechnologie. An einem Denkmal werden die Digitalisierungs-Methoden beispielsweise für für Bestandsaufnahmen, Schadenserfassung oder Tragwerksanalyse genutzt.

„Eine unserer Stärken ist, dass die Studierenden im Bezug zum Baudenkmal Technologien kennenlernen – die sich oft auch in vielen anderen Bereichen nutzen lassen.“ Zum Beispiel im Theater, wo sie noch ganz neu sind. Huth sieht für die Coburger Studierenden in Frankfurt viele Möglichkeiten für Semesterarbeiten.

„Wobei“, wirft Gresik ein, „solch eine erweiterte Nutzung der Bestandserfassung auch bei historischen Theatern wie dem in Coburg sinnvoll sein könnte. Und schon passt so eine interdisziplinäre Arbeit auch wieder zur Denkmalpflege.“

Prof. Dr. Olaf Huth

Media Contact

Dr. Margareta Bögelein idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Informationen:

http://www.hs-coburg.de/

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