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Wirtschaftsfaktor Rauchen: Süßpflanze Stevia soll Tabakbauern beim Entzug helfen

27.05.2010
Tabakbauern sollen umdenken: Zum Nichtraucherschutz will die EU alle Tabak-Subventionen bis 2013 einstellen. Universität Hohenheim erforscht Stevia als nachhaltige Anbaualternative.

Weltnichtrauchertag – eine schöne Gelegenheit, den Glimmstängel für immer auszudrücken. Doch abhängig vom Qualm sind EU-weit auch rund 80.000 Tabakbauern, zumeist Familienbetriebe. 11.500 weniger sollen es nach dem Plan der EU bis 2013 sein, wenn die Gemeinschaft die Anbau-Subventionen für Tabak endgültig einstellt.

Eine wirtschaftliche Alternative, die sich auch positiv auf die Volksgesundheit auswirkt, könnte die kalorienarme Süßpflanze Stevia sein, deren EU-Zulassung in naher Zukunft anstehen könnte. Wie europäische Tabakbauern in den neuen Markt einsteigen können, das prüfen Forscher der Universität Hohenheim in einem Modellprojekt. Die EU gibt dazu 1,5 Mio. Euro. Davon gehen 360.000 Euro nach Hohenheim und machen das Projekt zu einem Schwergewicht der Forschung.

Tabak tötet jährlich 650.000 Menschen in der EU – davon 80.000 Passivraucher. Das Europäische Parlament unterstützt deshalb ein rauchfreies Europa. Jedoch wird in der Europäischen Union noch immer der Tabakanbau aus den Mitteln des Agrarhaushalts gefördert.

Gleichzeitig sind Tabakbauern jedoch etwas Besonderes im landwirtschaftlichen Bereich. Teilweise haben die Betriebe wie in Nord-Griechenland eine 400-jährige Tradition im Tabakanbau. Seit 1972 erzielte die Tabakpflanze – dank Brüsseler Subventionen - einen hohen Marktwertanteil. Dadurch konnten auch kleine Familienbetriebe überleben: in Deutschland offiziell noch 295 Betriebe – die Hälfte davon in Baden-Württemberg.

Doch für die Tabakpflanzer sieht die Zukunft weniger rosig aus. Im Jahr 2003 unterschrieb die EU die Rahmenkonvention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Tabakkontrolle, seit 2005 ist sie internationales Gesetz. Ziele sind den rauchenden Bevölkerungsanteil einzudämmen, als Folge tödliche Erkrankungen zu verringern und den Nichtraucher zu schützen. Ab 2013 dreht die EU deshalb endgültig den Subventionshahn zu, der Tabak billiger machte und die Zigarettenindustrie davon profitieren ließ. „In der EU war der Tabak weltweit am billigsten“, so Dr. Udo Kienle, vom Institut für Agrartechnik unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Jungbluth.

Hilfe durch EU-weites Forschungsprojekt

Bis 2013 will die EU 12.000 Betriebe unterstützen auf den Anbau von Pflanzen umzusteigen, die der menschlichen Gesundheit dienen.

"Problematisch ist, dass viele Betriebe nur wenig Anbaufläche besitzen. Der Tabakpflanzer muss auf Produkte umsteigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak bringen", erläutert Dr. Kienle die Schwierigkeit. Eine innovative Alternative könnte der Anbau der Süßpflanze Stevia sein.

Um den Betroffenen eine Hilfe zu geben beteiligt sich Dr. Kienle zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern am EU-Forschungsprojekt „Diversification for tobacco growing farms by the alternative crop stevia rebaudiana bertoni“ (DIVAS). Ziel ist es Anbaubedingungen und Marktpotential der Süßpflanze zu testen und Tabakbauern auf eine mögliche Umstellung vorzubereiten. Für den Zeitraum von 2009 bis 2011 stellt die EU insgesamt 1,5 Mio. Euro zur Verfügung. Davon gehen 360.000 Euro an die Universität Hohenheim.

Damit konnten sich Forscher der Universität Hohenheim zum zweiten Mal bei der Vergabe von EU-Mitteln durchsetzen. Sie waren bereits maßgeblich an der vorangegangenen EU-Studie DIVTOB beteiligt, in der 30.000 südeuropäische Tabakbetriebe nach ihren Perspektiven befragt wurden.

Wegen der schwierigen Situation für die Tabakbetriebe hat sich das EU-Parlament am 19. Mai 2008 erneut mit der Tabakreform befasst. Ursprünglich sollten die Zahlungen schon ab 2010 schrittweise abgebaut werden. „Das hätte praktisch alle Betriebe direkt in den Ruin getrieben. Deshalb fordert der EU Agrarausschuss eine Verlängerung bis 2012. "Die vergleichsweise lange Frist bis 2012 deckt sich mit unseren Empfehlungen", erklärt Dr. Kienle vom Institut der Agrartechnik der Universität Hohenheim. „Klar ist jedoch eines: Wer Tabak anbaut, muss sich jetzt definitiv schon nach anderen Einnahmequellen umsehen.“

Biolandbau, Gewächshäuser, Aquakultur – und Stevia als kostengünstigste Alternative

„Stevia besitzt große Süßkraft, ist kalorienarm, gut geeignet für Diabetiker und eine natürliche Alternative zum künstlichen Süßstoff“, so Dr. Kienle. Ihr einziges Manko: auf dem europäischen Markt ist Stevia bislang noch nicht zugelassen – was sich jedoch in Zukunft ändern könnte: „In Japan und den USA gibt es bereits gute Erfahrungen mit Stevia. Nach langer Prüfung erklärte jetzt auch die EU-Lebensmittelbehörde den neuen Süßstoff als unbedenklich.“

Weitere Alternativen sieht Dr. Kienle unter anderem im Bioanbau von Gemüse, allerdings mit dem Nachteil einer langjährigen Umstellungszeit. Flächenunabhängige Produktionszweige wie Aquakultur und Gewächshäuser bieten weitere Möglichkeiten für den Bauern. Dem stehen aber hohe Investitionskosten bis zu ca. 400.000 Euro pro Betrieb im Wege. Auch hier hätte die Umstellung auf den Stevia-Anbau große Vorteile, weil es die kostengünstigste Maßnahme darstellt und vom Einzelbetrieb praktisch keine Zusatzinvestitionen erfordert. Bei Forschungsprojekten in Griechenland, Italien und Spanien, die zum Teil vom EU-Tabakfonds bezahlt wurden, waren gute Erträge erzielt worden.

Das DIVAS-Projekt baut auf ein früheres EU-Forschungsprojekt auf, das die Mechanisierung der Stevia-Pflanze für einen europäischen Anbau entwickelt hat. Bislang hat die EU-Kommission über verschiedene Fördertöpfe in den letzten 10 Jahren ca. 2,8 Mio. Euro für die Entwicklung von Stevia rebaudiana als künftige europäische Nutzpflanze investiert.

Weit größere Probleme als für Deutschland erwartet Dr. Kienle in anderen EU-Ländern: "Von dem Subventionsstopp sind insbesondere die südlichen Länder Europas betroffen. Sie sind abhängiger vom Tabakanbau als Landwirte in Deutschland und haben geringere finanzielle Mittel für eine Umstellung auf andere Produkte zur Verfügung. Für manche Regionen in Südeuropa ist die Abkehr vom Tabakanbau ohne wirtschaftliche Alternative ein sehr großes soziales Problem."

Hintergrund und Zahlen

Europaweit gab die EU jährlich eine Milliarde Euro für den Tabakanbau aus. In der EU-15 gab es 2005 noch 69.510 Tabakbetriebe. Heute existieren davon noch ca. 28.704 Betriebe. Durch die EU-Erweiterung kamen weitere 52.745 Betriebe hinzu, die keine entsprechende Tabakstützung erhalten. In Deutschland waren es 2009 noch 359 Betriebe, die Tabak anbauen, mit 3.094 Hektar Anbaufläche und ca. 37 Millionen Euro Umsatz, wobei sich die Hälfte des Tabakanbaues auf Baden-Württemberg konzentriert. Im Jahr 2010 müssen nun über 100 Betriebe den Tabakanbau einstellen und viele davon endgültig schließen. Im Jahr 2007 betrug die Tabakproduktion der EU-27 ca. 250.000 Tonnen Tabak, was ca. 4% der Weltproduktion entspricht.

Im Jahr 2004 verabschiedete der Europäische Rat die Tabakreform, deren Hauptinhalt die schrittweise Absenkung der Stützungszahlungen für die Tabakanbauer zur Folge hat. Im Jahr 2006 wurden die Zahlungen teilweise von der Tabakproduktion entkoppelt (1. Phase der Reform 2006 bis 2009). Ab dem Jahr 2010 (2. Phase 2010 bis 2013) sollen dann nur noch solche Beihilfen bezahlt werden, die von der Tabakproduktion vollständig entkoppelt sind. Ab dem Jahr 2011 bis 2013 werden dann jährlich 484 Millionen Euro in den Programmen zur ländlichen Entwicklung bereit gestellt.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 26 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim allein im Jahr 2009 – gut 20% mehr als im Vorjahr. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Kontakt für Medien:
Dr. Udo Kienle, Fachgebiet Verfahrenstechnik der Tierhaltungssysteme; Tel.: 0711 459-22845, E-Mail: u-kienle@uni-hohenheim.de

Text: Töpfer/ Leonhardmair

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de/

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