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Von einer Kreditklemme in Deutschland kann keine Rede sein

22.07.2009
Für eine Unterversorgung deutscher Unternehmen mit Bankkrediten gibt es bislang keinen Beleg.

Ganz im Gegenteil: Das Kreditvolumen in Deutschland, ohne Kredite an den Bund und ohne Kreditvergabe der Banken untereinander, steigt seit Anfang 2008 zwar schwach aber kontinuierlich an.

Und das trotz Rezession und damit zurückhaltenderer Kreditnachfrage der Unternehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

Ebenfalls im positiven Bereich bewegte sich in den vergangenen anderthalb Jahren die Wachstumsrate für das ausstehende Kreditvolumen in Deutschland. Im Mai 2009 lag sie bei rund 2,8 Prozent. "Sowohl das absolute Niveau als auch die Veränderungsrate des Kreditvolumens im Vergleich zum Vorjahr sprechen gegen die Vermutung einer Kreditklemme in Deutschland", sagt Dr. Michael Schröder, Leiter des Forschungsbereichs Finanzmärkte und Internationales Finanzmanagement am ZEW. "Der in der wirtschaftspolitischen Diskussion der vergangenen Wochen immer wieder zu hörende Vorwurf an die Banken, dass sie zu wenig Kredite an die Privatwirtschaft vergäben und damit die Rezession verschärften, wird durch die verfügbaren Fakten derzeit nicht gestützt."

Die ZEW-Analyse zeigt allerdings auch, dass die Kreditvergabe der einzelnen Bankengruppen sehr unterschiedlich ist. So verzeichnen die privaten Regionalbanken und die Banken mit Sonderaufgaben zweistellige Zuwachsraten, während die Kreditvergabe der Großbanken und der Realkreditinstitute im Vergleich zum Vorjahresmonat negativ war.

Enger definiert handelt es sich bei einer Kreditklemme um eine Einschränkung des Kreditvolumens, die signifikant über das hinausgeht, was in einer Rezession normalerweise zu erwarten wäre. Eine solche Kreditklemme ist empirisch schwer feststellbar, denn die beobachtbaren Veränderungen des ausstehenden Kreditvolumens werden sowohl von Angebots- als auch von Nachfrageveränderungen bestimmt. Um Rückschlüsse auf eine Kreditklemme ziehen zu können, muss daher eine Kreditangebotsfunktion geschätzt werden. Dabei tritt das methodische Problem auf, dass es nicht ohne weiteres möglich ist, Kreditnachfrage- und Kreditangebotsfunktionen empirisch voneinander zu trennen. Die Untersuchung des ZEW verfolgt daher vorrangig den Zweck, ein Bild der gegenwärtigen Situation auf dem deutschen und europäischen Kreditmarkt zu vermitteln und zu prüfen, ob es Indizien für eine Kreditklemme gibt.

Der Blick auf die Kredite an inländische Unternehmen, ohne Bund und Inter-Bankenkredite, zeigt einen sehr unterschiedlichen Verlauf der beiden Zeitreihen für Deutschland und den Euroraum von Januar 2007 bis Mai 2009. Das Kreditvolumen im Eurogebiet (ohne Deutschland) steigt bis Ende 2008 stark an und geht seitdem leicht zurück, während das Kreditvolumen in Deutschland seit Anfang 2008 schwach aber kontinuierlich steigt.

Noch deutlichere Unterschiede zeigt der Blick auf die Wachstumsrate der ausstehenden Kredite im Vergleich zum Vorjahr. Während sie im Eurogebiet (ohne Deutschland) von mehr als 16 Prozent Anfang 2008 auf 1,9 Prozent im Mai 2009 zurückging, stieg sie in Deutschland im gleichen Zeitraum stetig an und übertraf im Mai mit etwa 2,8 Prozent sogar deutlich den Wert für das Eurogebiet.

Um zu prüfen, ob in Deutschland eine Kreditklemme vorliegt, darf auch die Entwicklung der Kreditnachfrage nicht außer Acht gelassen werden. Sie lässt sich allerdings genauso wenig wie das Kreditangebot direkt beobachten, sodass Hilfsgrößen herangezogen werden müssen. Ein bestimmender Faktor der gesamtwirtschaftlichen Kreditnachfrage ist neben dem Zins die Wirtschaftsentwicklung, beispielsweise repräsentiert durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder die Industrieproduktion. Hier zeigt sich seit mehreren Monaten sowohl für das gesamte Eurogebiet als auch für Deutschland eine stark rückläufige Entwicklung. So hat sich das BIP im Eurogebiet vom ersten Quartal 2008 bis zum ersten Quartal 2009 real um 4,9 Prozent vermindert, in Deutschland betrug der Rückgang im gleichen Zeitraum sogar 6,9 Prozent. Mit minus 17,9 Prozent für das Eurogebiet und minus 23,7 Prozent für Deutschland sank die Industrieproduktion (ohne Bau) im Vorjahresvergleich für April 2009 sogar noch weit stärker als das BIP.

Selbst das leicht rückläufige Kreditvolumen im Eurogebiet (ohne Deutschland) ist weit davon entfernt, mit dieser Verminderung der Wirtschaftsleistung Schritt zu halten. Die Entwicklung der ausstehenden Kredite im Eurogebiet ist daher noch durchaus mit einer rezessionsbedingt zurückgehenden Kreditnachfrage vereinbar.

Der starke wirtschaftliche Einbruch in Deutschland andererseits lässt die Entwicklung des ausstehenden Kreditvolumens hierzulande in einem noch wesentlich günstigeren Licht erscheinen. Denn die Zahlen sprechen eher für eine Ausweitung des Kreditangebots der Banken als für eine Einschränkung. Zumindest gilt dies für Kreditlaufzeiten von weniger als fünf Jahren. Längerfristige Kredite in Deutschland stagnieren allerdings.

Gunter Grittmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.zew.de

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