Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gewinnquote am Volkseinkommen auf historischem Höchststand, Anteil der Arbeitseinkommen sinkt weiter

28.11.2008
Neuer WSI-Verteilungsbericht

Die Bezieher verschiedener Einkommensarten gehen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in den Abschwung. So hat die Gewinnquote am Volkseinkommen nach den aktuellsten verfügbaren Daten einen neuen Höchststand erreicht. Dagegen sinkt der Anteil der Arbeitseinkommen selbst in der Spätphase des Aufschwungs.

Das zeigt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Die Politik der Bundesregierung setze dem Trend zur Ungleichheit wenig entgegen, die letzten Entscheidungen in der Steuerpolitik verstärkten ihn sogar noch, sagt WSI-Verteilungsforscher Dr. Claus Schäfer bei der Vorstellung des Berichts am heutigen Donnerstag. "Dabei zeigen die Krise am Finanzmarkt und in der Realwirtschaft die wirtschaftlichen Gefahren der ungleichen Verteilung ganz besonders deutlich", so Schäfer. "Einerseits suchen Privatpersonen und Unternehmen mit sehr hohen Einkommen beziehungsweise Gewinnen weltweit intensiv nach lukrativen Anlageformen. Offenbar wächst dabei die Neigung zur riskanten Spekulation - mit destabilisierenden Folgen für die Realwirtschaft.

Andererseits lässt die schwache Entwicklung bei den Masseneinkommen Konsum und Binnennachfrage lahmen." Der Verteilungsbericht erscheint in den neuen WSI Mitteilungen.

Die Einkommen aus Gewinnen und Vermögen sind in Deutschland brutto wie netto noch einmal gestiegen und erreichen einen historischen Spitzenwert: 2007 machten sie netto 34 Prozent des privat verfügbaren Volkseinkommens aus, im ersten Halbjahr 2008 waren es 35,8 Prozent. 1960 hatte diese Einkommensart noch einen Anteil von 24,4 Prozent, 1990 waren es 29,8 Prozent und im Jahr 2000 lag die Quote bei 30,8 Prozent (siehe auch Grafiken und Tabellen im Anhang zu dieser PM; Link zur PM mit Anhang am Fuß dieses Textes). Besonders stark wuchsen dabei zuletzt die Unternehmensgewinne und vor allem die Gewinne von Produktionsunternehmen. Verteilungsforscher gehen davon aus, dass diese Einkommen einem kleineren Personenkreis zukommen. So heißt es in einer aktuellen Studie für die Bundesregierung: "Man kann davon ausgehen, dass die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen überwiegend dem oberen Drittel der Einkommensbezieher zufließen." Und nach den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) besitzen lediglich rund vier Prozent der Erwachsenen in Deutschland Betriebsvermögen.

Dagegen hat selbst der Aufschwung in seiner Spätphase den langjährigen Schwund beim Kaufkraftpotenzial der Arbeitseinkommen nicht umgekehrt: Die Lohnquote ging brutto weiter zurück. Netto - nach Abzug von Steuern und Beiträgen - stieg die Lohnquote zwar 2007 im Vorjahresvergleich etwas an - auf 41,2 Prozent. Sie ist jedoch im ersten Halbjahr 2008 mit 39,3 Prozent bereits wieder unter das Niveau von 2006 gesunken, als es 40,6 Prozent waren. Vor 1990 erreichte die Nettolohnquote jahrzehntelang noch ein Niveau von über 50 Prozent. Angesichts dieser Zahlen sieht WSI-Experte Claus Schäfer große Probleme für die Konjunktur: "Die unterentwickelte Binnennachfrage wird die nachlassende Auslandsnachfrage nicht kompensieren können. Auch deshalb werden die hohen Gewinne nicht in reale Anlagen reinvestiert."

Eine Verteilungs-Trendwende im Aufschwung ist nach Schäfers Analyse ausgeblieben - trotz relativ guter Arbeitsmarktzahlen. Ein Grund: Viele der neuen Stellen sind eher schlecht bezahlt, die Zahl der Menschen mit Niedriglöhnen nahm absolut weiter zu. Die relative Armutsquote nach EU-Definition ist zwar 2006 erstmals seit langem etwas gesunken. Aber andere Verteilungsmaße belegten auch "mitten im Aufschwung" eine anhaltende Ungleichheitsproblematik, die der Abschwung weiter verschärfen werde, so Schäfer. "Beispielsweise ist die dauerhafte Armut auch im Aufschwung weiter gewachsen."

Die Bundesregierung setze dem Trend zur Ungleichheit wenig entgegen; die Steuer- und Abgabenpolitik verstärke ihn noch. So seien die direkten Steuern auf Gewinn- und Vermögenseinkommen parallel zu den Rekordgewinnen zwar auf ein "lange nicht erreichtes Niveau" gestiegen, erklärt Schäfer. Doch auch das bleibt niedrig: neun Prozent - und damit weniger als die halbe Lohnsteuerlast auf Arbeitseinkommen. Gemessen am gesamten Steueraufkommen machten Steuern auf Gewinne und Vermögenserträge lediglich ein gutes Fünftel aus - Anfang der 60er Jahre lag der Anteil noch bei einem guten Drittel. Die letzten Reformen bei Unternehmens-, Erbschaft- und Abgeltungssteuer sorgten für weitere Entlastung von höheren Einkommen, betont Verteilungsforscher Schäfer.

Dagegen komme die Einführung von Mindestlöhnen nicht voran. Und staatliche Investitionen in Bildung oder Infrastruktur blieben "unterdimensioniert, halbherzig oder bloße Absichtserklärungen." Das gelte beispielsweise für die Ergebnisse des "Bildungsgipfels" ebenso wie für das "Mini-Konjunkturprogramm der Regierung", so Schäfer. Damit gehe die Politik auf kurze wie lange Sicht hohe soziale und wirtschaftliche Risiken ein, warnt der Wissenschaftler: So zeigten Kinder, die in Armut aufwachsen, sehr häufig erhebliche Defizite bei Bildung und Qualifikation. Diese Defizite könnten heute nicht aufgefangen werden von einer öffentlichen Infrastruktur, die auch jenseits von Bildungsausgaben unter "öffentlicher Armut" leide.

Es sei sinnvoll, dass der Staat bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise schnell und massiv reagiere, betont Schäfer. "Es wäre aber höchst fahrlässig, wenn sich die Politik nun auf die Risikoabwehr am Finanzmarkt beschränkte. Sie sollte auch die anderen Herausforderungen der Zukunft schnell und massiv angehen. Dazu gehört eine neue Verteilungspolitik als Basis für nachhaltig stabile Finanz- und Realmärkte."

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_2008_11_26.pdf
http://www.boeckler.de/32014_93467.html
http://www.boeckler.de/pdf/wsimit_2008_11_schaefer.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Aufschwung setzt sich fort
28.11.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Rückgang, aber noch keine Tendenzwende
21.11.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit