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Steht das Ruhrgebiet vor einer demographischen Herausforderung?

20.06.2001


Die vom RWI sowie dem Ruhrforschungsinstitut für Innovations- und Strukturpolitik (RUFIS, Bochum) unter Federführung von Prof. Dr. Paul Klemmer verfasste Studie kommt unter Auswertung vorliegender Prognosen der Statistischen Ämter sowie eigener Berechnungen zu dem Ergebnis, dass das Ruhrgebiet und seine Städte bzw. Kreise vor einer gewaltigen demographischen Herausforderung stehen: Bis 2015 wird dieser Raum mehr als 374 000 Einwohner verlieren; das entspricht 7 % seiner Bevölkerung. Das ist mehr als die gegenwärtige Einwohnerzahl des Ennepe-Ruhr-Kreises und fast soviel wie die der Stadt Bochum. Im gleichen Zeitraum wird das Land Nordrhein-Westfalen bevölkerungsmäßig noch um fast 1,3 % wachsen und sich damit besser darstellen als das Bundesgebiet.
Innerhalb des Ruhrgebiets kommen starke Unterschiede zwischen den einzelnen Städten und Kreisen zum Vorschein. So wird die Einwohnerzahl Essens bis 2015 um fast 14 % abnehmen, jene von Hagen und Dortmund um rund 11 % und jene von Herne um ca. 10 %. Damit wird Essen im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen die Stadt mit dem größten Einwohnerschwund bleiben. Es setzt sich ein Trend fort, der bereits in den letzten beiden Jahrzehnten zu beobachten war. Nimmt man etwa die Einwohnerentwicklung der 328 Kreise und kreisfreien Städte der alten Bundesländer, gab es Ende der neunziger Jahre nur wenige Beobachtungseinheiten, die Einwohner verloren haben. Essen und die Mehrzahl der Ruhrgebietsstädte zählten stets zu ihnen.
Die Studie weist nach, dass diese Entwicklung keineswegs Ausdruck einer mit anderen Räumen (München, Stuttgart, Frankfurt oder Hamburg) vergleichbaren Stadt-Umland-Wanderung war. Angesichts der Tatsache, dass sich die Fertilität und die Lebenserwartung der meisten Ruhrgebietseinheiten kaum von jenen anderer Verdichtungsräume unterscheiden, kommen hier vielmehr die altersstrukturellen Abweichungen des Ruhrgebiets vom Bund bzw. vom Land Nordrhein-Westfalen zum Tragen. Sie sind Spätfolge lang anhaltender (arbeitsmarktbedingter) Abwanderungsbewegungen vor allem jüngerer und deutscher Altersschichten der letzten Jahre. Das impliziert, dass selbst eine Steigerung der Geburtenrate um 50 % nicht mehr ausreichen wird, um den Prozess eines starken Schrumpfens der Bevölkerung zu stoppen.
Das Ruhrgebiet "leidet" somit unter einer äußerst ungünstigen Altersstruktur. Im Vergleich zum Bund und zum Land fehlen die jüngeren Alterskategorien, umgekehrt dominieren die Älteren. Altersstrukturell gesehen läuft das Ruhrgebiet dem Bundesgebiet etwa 25 Jahre voraus. Die Zahl der Erwerbsfähigen (19 bis unter 60-Jährige) wird demnach in den nächsten Jahren stärker schrumpfen als jene der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Älteren am Erwerbsfähigenvolumen wird kontinuierlich steigen. Betrug z.B. der Anteil der 19- bis unter 40-Jährigen an den Erwerbsfähigen im Ruhrgebiet 1998 noch 52,2 %, wird er sich bis 2015 auf rd. 40 % verringert haben. Diese alterstrukturelle "Vorbelastung" kann dazu führen, dass nach 2015 das Risiko eines Bevölkerungsimplosionsprozesses droht.
Hinsichtlich der mittelfristigen Implikationen dieser Entwicklung werden im Rahmen der Studie vor allem drei Punkte herausgestellt:
- Innerhalb des Ruhrgebiets ist in den nächsten 15 Jahren mit einem Rückgang des verfügbaren Einkommens in Höhe von 12 bis 14 Mrd. DM zur rechnen. Dies wird die Entwicklung im Bereich der haushaltsorientierten Dienstleistungen negativ beeinflussen.
- Da sich viele Finanzzuweisungen im Rahmen des Finanzsaugleichs an den Einwohnerwerten orientieren, droht den Kommunen ein zusätzlicher Einnahmerückgang in Höhe von ca. 300 Mill. DM. Dies wird die bereits bedrohliche kommunale Finanzsituation weiter verschärfen.
- Die sozialstrukturelle Landschaft des Ruhrgebiets wird sich beachtlich verändern. Bei gegenläufigen Wanderungen von Deutschen und Ausländern und einer räumlichen Konzentration von Problemgruppen kann es zu stadtteilbezogenen Erosionsprozessen kommen.
Die Studie plädiert, um den zu erwartenden demographischen Herausforderungen zu begegnen, für gestaltende Zuwanderungspolitik. Sie wird den Bevölkerungsrückgang aber nicht mehr stoppen, sondern seine Implikationen nur noch mildern können.

(Die Studie ist erschienen in der Reihe "Schriften und Materialien zur Regionalforschung" des RWI)
Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Paul Klemmer, Tel.: (0201) 81 49-228
Joachim Schmidt (Pressestelle), Tel.: (0201) 81 49-292

Joachim Schmidt | idw

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