Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Prof. Dr. Manfred Rose: "Das deutsche Steuersystem ist ein Wachstumskiller"

21.07.2003


Heidelberger Finanzwissenschaftler hält leidenschaftliches Plädoyer für ein nachhaltiges Steuersystem: "Steuern dürfen Investitionen nicht beeinträchtigen!" - Abschlussvorlesung nach 33 Jahren Lehre und Forschung an der Universität Heidelberg - Nach Kroatien jetzt auch in Bosnien: Die von Prof. Rose entwickelte "Heidelberger Einfachsteuer" wird in die Praxis umgesetzt.



Das deutsche Steuersystem ist im Kern eine Fehlkonstruktion: "Würde man es konsequent anwenden, ginge der Wirtschaft die Luft zum Atmen aus", konstatiert der Heidelberger Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Manfred Rose. Erst die Vielzahl an Ausnahmeregelungen - Rose spricht von "Atemlöchern" - ermögliche den Unternehmen zu überleben. Ein System jedoch, das aus sich heraus immer neue Ausnahmen produziere, sei unübersichtlich, ungerecht und unkalkulierbar. "Es ist ein Wachstumskiller ersten Grades." Die Folgen: Arbeitslosigkeit und leere öffentliche Kassen.

... mehr zu:
»Einkommensteuer »Steuersystem


In der letzten Vorlesung vor seiner Emeritierung - Prof. Rose lehrte und forschte 33 Jahre an der Ruprecht-Karls-Universität - hielt der Finanzwissenschaftler ein leidenschaftliches Plädoyer für ein völlig neues Steuersystem. "Die gegenwärtige Steuervielfalt muss endlich in ein überschaubares Steuersystem überführt werden", forderte der Wissenschaftler. Zudem sei es notwendig, die Kernelemente einer neuen Steuergesetzgebung langfristig abzusichern: "Nur bei einer verlässlichen Besteuerung können Bürger und Unternehmen ihre langfristigen Planungen optimal gestalten." Im Unterschied zu heute: Wegen der ständigen Änderungen der Steuergesetze müsse der Steuerzahler "immer wieder erleben, dass seine ökonomische Planung falsch war".

In seinem Vortrag zeichnete Rose die Konturen eines neuen Steuersystems. Ein wesentliches Element liegt darin, die Vielfalt der bestehenden Steuerarten im wesentlichen auf die beiden Hauptsäulen Mehrwertsteuer und Einkommensteuer zu reduzieren. "Die Körperschaftsteuer und die Gewerbesteuer können entsorgt werden, weil der Unternehmensgewinn wie der Lohn des Arbeitnehmers über die neue Einkommensteuer besteuert wird", führte der Finanzwissenschaftler aus. Für die künftige Einkommensteuer nennt er drei Kriterien: der Bürger muss sie als fair empfinden, sie darf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen nicht beeinträchtigen und sie muss einfach zu handhaben sein.

Nach Roses Worten müssen vor allem "zwei Unruheherde" beseitigt werden. Zum einen sollten Steuern nicht mehr als lenkungspolitisches Instrument eingesetzt werden: "Das Steuern mit Steuern muss aufhören." Der zweite Unruheherd liegt darin begründet, dass die gegenwärtige Besteuerung des persönlichen Einkommens und der Unternehmensgewinne "maßgeblich an einem falschen Leitbild orientiert ist".

Das heute gültige Leitbild geht davon aus, dass die Steuerlast mit der Steuerzahlung identisch ist. "Ein gewaltiger Irrtum", wie Rose am Beispiel der Gewinnbelastung eines mittelständischen Unternehmens verdeutlicht. Bei einem formalen Steuersatz von 35 Prozent beträgt die Gesamtlast mehr als 70 Prozent, also mehr als das Doppelte. Die Ursache hängt damit zusammen, dass "Saatgut und Ernte" des Unternehmers Jahr für Jahr erneut besteuert werden: Da der Gewinn versteuert wird, steht dem Unternehmer weniger Eigenkapital für Investitionszwecke zur Verfügung. Der aus neuen Gewinnen folgende Eigenkapitalzuwachs - die unternehmerische Ernte - fällt im nächsten Jahr zwangsläufig niedriger aus. Da die neuen Gewinne - obwohl sie aus einem versteuerten Kapital stammen! - wiederum von der Steuer erneut voll erfasst werden, setzen sich der Saatgut-Ernte-Vernichtungseffekte fort. Dieser Prozess läuft Jahr für Jahr ab.

Die Folge ist ein beständiger Anstieg der Steuerlast. Rose: "Bei den derzeitigen Steuersätzen übersteigt die normale Belastung der Unternehmensgewinne sogar die 80-Prozent-Grenze - für Investitionen eine unerträgliche Bedingung." Um die Last abzumildern habe der Staat deshalb auch zahlreiche Ausnahmeregelungen geschaffen - eben jene "Atemlöcher", die ein Unternehmen zum Überleben brauche - die aber aus dem deutschen Steuersystem "einen Schweizer Käse gemacht haben".

Um die steuerlichen Unruheherde zu beseitigen, schlägt Rose ein neues Steuerleitbild vor. Dessen Kerngedanke liegt darin, von der jährlichen Sichtweise der Steuerberechnung abzurücken. Nach dem neuen Leitbild bezieht sich die Einkommensbesteuerung nicht mehr nur auf einen - im Grunde willkürlichen - Zeitabschnitt, nämlich das Jahr, sondern orientiert sich an der Lebenszeit des Bürgers. Ausgehend von diesem neuen Leitbild stellte Rose die von ihm entwickelte "Heidelberger Einfachsteuer" vor. Sie belastet jeden Beitrag zum Lebenseinkommen eines Bürgers nur einmal - und zwar langfristig einheitlich mit 25 Prozent. "Dies ist nicht nur fair, sondern auch mit der Marktwirtschaft verträglich. Es käme deshalb zu einem beachtlichen Investitionsschub und hierüber zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, die wir so dringend brauchen."

Die Heidelberger Einfachsteuer hat sich in der Praxis bereits bewährt. "Ein Vorläufermodell wurde in Kroatien implementiert und hat sich dort als äußerst funktionstüchtig erwiesen", führte Rose aus. "Erst vor wenigen Wochen hat auch das Parlament des Distrikts Brcko in Bosnien ein Gesetz beschlossen, mit dem Heidelberger Einfachsteuer nahezu eins zu eins eingeführt wird." Die Parlamentarier und auch die dortige Steuerverwaltung seien insbesondere von der Einfachheit der neuen Einkommensteuer beeindruckt gewesen.

"Das Heidelberger Modell ist keine Utopie, sondern eine realisierbare Option für Deutschland", konstatiert der Finanzwissenschaftler - der auch weiterhin für die Einfachsteuer werben will. Jüngster Erfolg ist die "Fuldaer Resolution" vom 26. Juni - ein gemeinsamer Appell an die Bundesregierung von DIHT sowie prominenten Vertretern aus Steuerwissenschaft, Steuerpraxis, Steuerrechtsprechung und Finanzverwaltung. Das Papier, von Rose mitverfasst, enthält die Kernpunkte der Heidelberger Einfachsteuer.

Rückfragen bitte an:

Prof. Dr. Manfred Rose
Alfred Weber-Institut
Forschungsstelle Marktorientiertes Steuersystem
Zeppelinstr. 151, 69121 Heidelberg
Tel. 06221 545091, Fax 545094
Email: info@einfachsteuer.de

Dr. Michael Schwarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.einfachsteuer.de

Weitere Berichte zu: Einkommensteuer Steuersystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Online-Quickcheck »Frugal Innovation Index« macht Unternehmen fit für Entry-Level Produkte
19.04.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

nachricht Innovationskraft stärken – IAT untersuchte öffentliche und private Innovationsaktivitäten in NRW
12.04.2017 | Institut Arbeit und Technik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten