Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Autogerechte Stadt? Einem planerischen Stereotyp auf der Spur

28.09.2015

Welche Priorität dem Autoverkehr in Fragen der Stadtentwicklung eingeräumt wird, ist heutzutage noch immer eine vieldiskutierte Frage. So polarisiert der Ausbau der Stadtautobahn A100 in Berlin nicht nur das politische Lager, sondern auch die Stadtgesellschaft. Gerne wird dabei das Bild der „autogerechten Stadt“ bemüht, das als Leitbild seit Jahrzehnten ausgedient habe und nicht mehr in der Dominanz die Entwicklung der Städte prägen sollte wie zwischen den fünfziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch welche Dominanz hatte es bei genauerem Hinsehen wirklich und muss sich die heutige Stadtplanung so rigoros vom Planungsdenken dieser Zeit distanzieren?

Auf einem von der Volkswagen-Stiftung geförderten Symposium des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Zusammenarbeit mit dem Center for Urban History aus Leicester (GB) gingen Planungs-, Kultur- und Stadthistoriker dem Stereotyp des Siegeszugs der „autogerechten Stadt“ auf den Grund.


Die Stadtautobahn von Saarbrücken ist ein Beispiel für ein konsequentes Anwenden des Leitbilds der autogerechten Stadt.

Foto: AnRo0002/commons.wikimedia.org

„Wir sehen den großen Einfluss des Leitbilds nicht als Mythos an“, sagt Dr. Harald Engler vom IRS. „Es ist unbestritten, dass es eine sehr wichtige Denkfigur im Planungshandeln seit den späten 1940er Jahren ist.“

Zugleich sei diese Großgeschichte erheblich zu differenzieren, so Engler. So habe es zeitgleich mit den großen, verkehrsdominierten Umgestaltungen der Städte immer auch abgeschwächte Anwendungen des Konzepts und früher als gemeinhin angekommen kritische Hinterfragungen gegeben, wie dies beispielsweise beim Stadtplaner Egon Hartmann in München der Fall war.

Dies zeige, dass der integrative Ansatz der Stadtplanung in einigen Fällen schon vor 50 Jahren praktiziert wurde und die autogerechte Stadt ergänzte. Aus heutiger Sicht sei eine unvoreingenommene Reflexion dieser planungsgeschichtlichen Epoche nötig, um daraus Konsequenzen für die Zukunft der Städte zu ziehen, so das Fazit der Symposiumsteilnehmer.

Die Geschichte der „autogerechten Stadt“ verläuft in den beiden deutschen Staaten unterschiedlich, obgleich beiderseits der Grenze das Leitbild die Dominante im Planungshandeln der Nachkriegszeit war. Im Osten ergab sich ein Widerspruch zwischen den zum Teil sehr weitläufig und autozentriert geplanten Verkehrswegen (etwa am Berliner Alexanderplatz mit mehrspurigen Straßen und einem Autotunnel) und der wegen der mangelnden Produktivität der Autoindustrie relativ geringen PKW-Dichte.

„Auch der überaus starke Einfluss der SED-Stadt- und Kreisleitungen und auch des Zentralkomitees der SED prägte die Anwendung des Leitbilds, oftmals standen Partikularinteressen der Funktionäre im Mittelpunkt“, berichtet Engler aus dem Symposium. In Westdeutschland erfolgte die Umsetzung des Leitbilds in sehr enger Orientierung an der Schutzmacht USA und dem Konsumvorbild USA.

Im Zusammenhang mit den Studentenunruhen und dem Einfordern stärkerer Partizipation an Planungsprozessen durch die Bevölkerung brach die autogerechte Planung dort in den 1970er Jahren ein. „Sowohl in Deutschland als auch im Hinblick auf globale Entwicklungen in der Mobilität sind wir aber lange nicht am Ende der autogerechten Stadt“, so Engler. „Zwar ist die Planung hierzulande erheblich diversifiziert, noch immer steigende PKW-Absatzzahlen und –Dichten sowie erheblich autozentriertere Dynamiken etwa in China oder Indien zeigen aber, dass wir uns auch heute noch mit diesen Denkfiguren auseinandersetzen müssen.“

Das Symposium „Städtische Automobilität im Wandel“ hatte zum Ziel, genau diese Differenzierung in der Rückbetrachtung und der Begleitung aktueller Planungsprozesse zu befördern, indem es Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen (Stadt- und Planungshistoriker, Geographen, Transportspezialisten, Städtebauer und Ingenieurswissenschaftler) zusammenführte.

State of the Art sei es, die Planungen explizit auch aus sozialer und kultureller Perspektive zu analysieren und den Fokus auf die Stadt als Gesamtkörper sowie auf die Bewohner und ihre Wahrnehmungen zu setzen. „Wir haben einen umfassenden und tiefen Einblick darin bekommen, wie sich die Stadt der Moderne unter dem Einfluss der Massenmotorisierung verändert hat und was wir für Gegenwart und Zukunft davon lernen können“, so der Initiator und Mitveranstalter des Symposiums, Dr. Christoph Bernhardt.

Kontakt:
Dr. Harald Engler
Stellvertretender Leiter der Historischen Forschungsstelle des IRS
Tel: 03362/793-224
Mail: harald.engler@irs-net.de

Jan Zwilling | Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS)
Weitere Informationen:
http://www.irs-net.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Wirtschaftlicher Betrieb von Oberleitungs-Lkw ist möglich – aber es gibt relevante Hürden
08.05.2017 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

nachricht Auf dem Weg zur lückenlosen Qualitätsüberwachung in der gesamten Lieferkette
25.04.2017 | BIBA - Bremer Institut für Produktion und Logistik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften