Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bademode, die nicht nass wird

23.11.2006
Geht es nach Zdenek Cerman und seinen Kollegen, muss bald niemand mehr fürchten, sich beim Schwimmen die Blase zu verkühlen: Sie entwickeln Bademode, die sofort wieder trocken ist, sobald der Schwimmer aus dem Wasser steigt.

Die Forscher der Universität Bonn und des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik in Denkendorf sind dafür heute mit dem Erfinderpreis NRW ausgezeichnet worden. Ein erster Textil-Prototyp existiert schon: Der Stoff kann vier Tage lang in unbewegtem Wasser liegen, ohne nass zu werden.

Die unscheinbare Grundwanze hält einen Weltrekord: Ein einziges Mal kommt sie zu Beginn ihres Lebens an die Wasseroberfläche und "badet" ihren Körper in der Luft. Dann taucht sie auf den Grund ab. Der dünne Gasfilm, der sie nun umgibt, reicht ihr bis zum Lebensende als Sauerstoffflasche. "Wir kennen keinen Organismus, der Luft besser festhalten kann", sagt Zdenek Cerman vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen. Der silbrige Gasfilm hat einen Nebeneffekt: Die Grundwanze bleibt Zeit ihres Lebens trocken hinter den nicht vorhandenen Ohren.

"Oberflächen, die nicht nass werden, sind in der Natur gar nicht mal so selten", erklärt Cerman. "Es gibt sogar Pflanzen, deren Oberfläche noch nach 17 Tagen unter Wasser von einem Luftpolster überzogen ist." Zusammen mit Boris Striffler aus der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Wilhelm Barthlott hat er rund 25 Pflanzen- und Tierarten genauer unter die Lupe genommen. Dabei stießen die Biologen auf interessante Strukturen: So finden sich auf der Bauchseite der Grundwanze (Aphelocheirus aestivalis) zahlreiche kurze gebogene Haare, die sich wie die Bügel eines Fangeisens über die Luftschicht legen und so verhindern, dass diese davongespült wird.

... mehr zu:
»Bademode »Gasfilm

Cerman und Striffler haben zusammen mit Projektpartnern vom Institut für Textil- und Verfahrenstechnik in Denkendorf diesen Mechanismus auf Textilien übertragen. Ziel ist die Entwicklung schnell trocknender Badeanzüge. Die Forscher haben ihre Idee inzwischen patentiert. "Wir haben bereits einen Stoff herstellen können, der selbst nach vier Tagen unter Wasser noch absolut trocken ist", betont Striffler - zehnmal länger als heute erhältliche Hightech-Textilien. In bewegtem Wasser ist die Luftschicht allerdings deutlich schneller verschwunden. Für Bikinis oder Boxershorts ist dieser Stoff zudem noch zu steif - er ähnelt eher einer Zeltplane als einem anschmiegsamen Gewebe. In den Labors wartet aber schon ein flexibler Nachfolger des ersten Prototyps auf seinen ersten Einsatz.

Innovationsminister Professor Dr. Andreas Pinkwart überreichte heute den Entwicklern in Mülheim den 1. Preis im Hochschulwettbewerb "patente Erfinder". 15.000 Euro ist diese Ehrung wert. Ausgezeichnet wurde auch Professor Barthlott, der den Anstoß zu der Erfindung gab. "Auf dem Weg von der Idee zur Erfindung braucht es neben der unverzichtbaren wissenschaftlichen Neugierde und Kompetenz ein starkes Team und nicht zuletzt Mut und Phantasie zum unternehmerischen Denken und Handeln", erklärte der Minister. "Bei dem Bonner Team kommt alles drei zusammen."

Wann kommt das 3-Liter-Schiff?

Zdenek Cerman sieht auch für andere Entwicklungen im wahrsten Sinne des Wortes noch Luft: "Ein dünner Gasfilm kann die Reibung von Oberflächen in Flüssigkeiten drastisch vermindern. Der Effekt ist daher beispielsweise für den Schiffsbau hoch interessant oder für die Konstruktion reibungsarmer Rohrleitungen."

Um bis zu 90 Prozent kann so ein dünnes Lufthäutchen die Reibung verringern. Mit den passenden Oberflächen ließen sich daher beispielsweise Schiffe mit extrem geringem Treibstoffverbrauch bauen. "Wir produzieren gerade einen Acryllack, der die Luft mit kleinen Härchen festhalten kann", erläutert der Bonner Biologe. Ihm würde es zunächst schon reichen, wenn der Gasfilm einige Stunden hält. "Man könnte regelmäßig über einen Kompressor Luft unter den Bug eines solchen Schiffes blasen. Diese Idee ist sogar schon von japanischen Ingenieuren patentiert worden. Ohne die entsprechenden Lacke müssten die Kompressoren aber rund um die Uhr arbeiten; der Aufwand wäre einfach viel zu groß."

Weitere Informationen finden sich unter
http://www.nees.uni-bonn.de/bionikag.html
Kontakt:
Zdenek Cerman
Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen
Telefon: 0228/73-2122 oder -1919
E-mail: cerman@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.nees.uni-bonn.de/bionikag.html

Weitere Berichte zu: Bademode Gasfilm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verfahrenstechnologie:

nachricht Mitarbeiter der Hochschule Ulm entwickeln neue Methode zur Desinfektion von Kontaktlinsen
17.07.2017 | Hochschule Ulm

nachricht Form aus dem Vakuum: Tiefziehen von Dünnglas eröffnet neue Anwendungsfelder
07.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verfahrenstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie