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Welchen Einfluss haben Gene auf die Medikamentenwirkung?

18.11.2008
Wissenschaftler wollen Rahmenbedingungen für pharmakogenomische Forschungen definieren

Renommierte Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommen am Donnerstag und Freitag (20./21. November) in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald zusammen. Pharmakologen, Mediziner, Theologen, Juristen und Ökonomen wollen ein brisantes Thema diskutieren, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: Welchen Einfluss haben Gene auf die Medikamentenwirkung und wie können genetische Untersuchungen helfen, den Heilungsverlauf mit Arzneimitteln zu verbessern?

Unter wissenschaftlicher Leitung des Greifswalder Pharmakologen Prof. Dieter Rosskopf sollen auf der Interdisziplinären Fachtagung "Pharmakogenomik in der Therapie - Möglichkeiten und Grenzen" erste gesellschaftliche Rahmenbedingungen für dieses noch recht junge und nicht konfliktfreie Forschungsgebiet abgesteckt werden.

Nur bei etwa 30 bis 70 Prozent aller Patienten, die Standardarzneimittel einnehmen, wird der gewünschte Behandlungserfolg erzielt. "Es ist davon auszugehen, dass vor allem individuelle, genetisch bedingte Faktoren, also das Erbgut, zum Erfolg oder Misserfolg der Behandlung beitragen", erläuterte Prof. Dieter Rosskopf. Für den therapierenden Arzt bedeutet dies, dass er nach dem Verfahren von Versuch und Irrtum oft mehrere Behandlungsstrategien erproben muss. Patienten machen so die Erfahrung, dass an ihnen Therapien "ausprobiert" werden. Dies verringert die Motivation der Betroffenen und belastet die Arzt-Patienten-Beziehung. Vor diesem Hintergrund rückt die so genannte Pharmakogenomik, die sich mit der Vorhersage von Arzneimittelwirkungen aufgrund genetischer Analysen befasst, immer stärker in den Fokus der Wissenschaftler. Es handelt sich dabei um ein Arbeits- und Forschungsgebiet der Pharmakologie, das in den letzten Jahren eine sprunghafte Entwicklung erfahren hat.

Am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg wurde vor zwei Jahren eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit dem Stellenwert der Pharmakogenomik für die Therapie beschäftigt, sowie Chancen und Risiken dieser Technik bewerten soll. "Wir wollen auch Fehler der Vergangenheit in der Forschung mit menschlichem Erbgut vermeiden", so Rosskopf weiter. "Gendiagnostische Analysen sind immer höchst sensibel. Daraus ergeben sich vielfältige ethische und rechtliche Fragen, beispielsweise im Hinblick auf den Datenschutz, Aufklärung der Patienten und Einwilligung in die Untersuchungen. Dennoch sollten wir im öffentlichen Konsens versuchen, durch gezielte Arbeit mit DNA-Material die Wirksamkeit von Arzneimittel zu verbessern und gesundheitsgefährdende Reaktionen weitestgehend auszuschließen." Immerhin gehen Studien aus den USA davon aus, dass jährlich etwa 100.000 Patienten an unerwünschten Arzneimittelwirkungen sterben, und leiten daraus einen volkswirtschaftlichen Verlust von rund 100 Milliarden US$ pro Jahr ab. Auch hier spielen neben klaren Fällen von Fehlanwendungen wie falscher Dosierung oder Nichtberücksichtigung von Arzneimittelinteraktionen in nicht unerheblichem Maß unvorhersehbare unerwünschte Medikamentenfolgen eine Rolle.

Das Forschungsgebiet Pharmakogenetik ist Teil des bundesweiten Pilotprojektes der "Individualisierten Medizin" an der Universität Greifswald. Die Individualisierte Medizin geht davon aus, dass jeder Mensch einzigartig ist und auch so behandelt werden sollte. Anfang des Jahres wurde in enger Kooperation mit der Siemens AG und im Rahmen der Bevölkerungsstudie SHIP (Study of Health in Pomerania) der Grundstein zur "Individualisierung der Medizin" gelegt, in dem aus komplexen medizinischen, genetischen und bildgebenden Verfahren heraus völlig neue innovative Strategien in der Gesundheitswirtschaft entwickelt werden.

Der interdisziplinären Arbeitsgruppe Pharmakogenomik am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg gehören der Gesundheitsökonom Prof. Steffen Fleßa aus Greifswald, die Rechtswissenschaftler Prof. Jan C. Joerden (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder) und Prof. Reinhard Merkel (Universität Hamburg und Wissenschaftskolleg Berlin), der Philosoph und Theologe Prof. Bernhard Irrgang (Technische Universität Dresden), der Philosoph Dr. Holger Schnell (Berlin) sowie die Pharmakologen Prof. Heyo K. Kroemer und Prof. Dieter Rosskopf (Uni Greifswald) und Prof. Ingolf Cascorbi (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) an. Die Ergebnisse werden im kommenden Jahr in Form einer Monographie veröffentlicht und interessierten Politikern, Interessensgruppen, Organisationen und Verbänden zur Verfügung gestellt.

Die Vertreter der Medien sind recht herzlich zur Fachtagung eingeladen.

Einladung zu zwei öffentlichen Abendvorträgen

Im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung finden zwei öffentliche Vorträge statt, zu denen Interessenten herzlich willkommen sind.

Donnerstag, 20. November 2008, um 19.30 Uhr
Gesundheitspolitische Implikationen einer individualisierten Medizin
Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär a. D., Berlin
Freitag, 21. November 2008, um 19.30 Uhr
Ethische Probleme der humangenetischen Diagnostik
Prof. Dr. Dr. h. c. Carl Friedrich Gethmann, Universität Duisburg-Essen/Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, Bad Neuenahr-Ahrweiler
Veranstaltungsort: Pharmakogenomik in der Therapie - Möglichkeiten und Grenzen
Donnerstag/Freitag, 20. und 21. November 2008 in Greifswald
Eine Fachtagung des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs Greifswald, gefördert von der Alfried Krupp
von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen.
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, Martin-Luther-Straße 14,
Universitätsklinikum Greifswald
Institut für Pharmakologie
Prof. Dr. Dieter Rosskopf
Friedrich-Loeffler-Straße 23 d, 17475 Greifswald
T +49 3834 86-56 50
T +49 3834 86-56 51
E dieter.rosskopf@uni-greifswald.de

Constanze Steinke | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-greifswald.de
http://www.wiko-greifswald.de

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