Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychosomatik-Kongress in Essen: Belastungen in der Arbeitswelt reduzieren und vorbeugen

18.03.2011
Die Forschung zum „Burnout“ zählt vor allem arbeitsorganisatorische Rahmenbedingungen zu den Risiken für die chronische Erschöpfung – und weniger individuelle Gründe.

Wachsende Belastung im Job führten immer häufiger zu „psychischen Verletzungen“ psychisch gesunder Menschen, sagt Professor Dr. med. Wolfgang Senf aus Essen. Dadurch erhöht sich auch die Arbeitsunfähigkeit: Psychische Erkrankungen insgesamt verursachten im Jahr 2010 rund zwölf Prozent der Krankheitstage.

Als Präsident des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie fordert Professor Senf im Vorfeld der Tagung Vorbeugung durch die Unternehmen. Der Kongress eröffnet am 23. März 2011 in Essen.

Zu den Auslösern von chronischem Stress gehören hohes Arbeitsvolumen, Zeitdruck, geringe Gestaltungsspielräume und paralleles Arbeiten an mehreren Aufgaben. Auch ständige Erreichbarkeit führt dazu, dass Menschen nicht mehr „abschalten“ können. Wenn Arbeitszeit und Freizeit verwischen, fehlen wichtige Erholungsphasen: „Zur totalen Erschöpfung kommt es schließlich, wenn Menschen ihren arbeitsbedingten Ressourcen- und Energieverbrauch nicht mehr auffüllen können“, sagt Professor Senf, Essen.

Insbesondere sehr leistungsfähige und leistungsorientierte Beschäftigte seien von Burnout betroffen. „Gut zu sein, wird gewissermaßen zum Risiko: Wenn Sie Ihre Arbeit gut machen, bekommen Sie einfach noch ein Projekt dazu“, ergänzt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Durch Überlastung kann es zu einer psychischen, körperlichen wie auch geistigen Erschöpfung bei bisher psychisch Gesunden kommen. Burnout ist deshalb keine psychiatrische Erkrankung“, betont Professor Senf.

Solide Zahlen zum „Ausgebranntsein“ fehlen bislang. Denn im ärztlichen Abrechnungskatalog gibt es keine Diagnose „Burnout“. Zahlen der Krankenkassen und Studien in ausgewählten Berufsgruppen deuten jedoch darauf hin: Mit den Arbeitsbelastungen nehmen die Fehlzeiten zu. Dies betrifft helfende und medizinische Berufe oder auch Lehrer. Aber auch in der Informationstechnologie-Branche beispielweise zeigen ein Viertel der Beschäftigten Anzeichen chronischer Erschöpfung. Dies hat eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Untersuchung am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen ergeben. Die Psychologin Dr. phil. Anja Gerlmaier und ihr Kollege Dr. rer. soc. Erich Latniak haben 331 Beschäftigte nach ihrer Belastungssituation befragt: Nur 29 Prozent der Teilnehmer gaben an, nach der Arbeit problemlos abschalten zu können, und nur noch 37 Prozent der IT-Spezialisten meinen, ihre Arbeit sei auf Dauer durchzuhalten. „Dies ist eine bedenkliche Gesamtsituation und zeigt den dringenden Handlungsbedarf auf betrieblicher Ebene“, sagt Dr. Gerlmaier.

Zusammen mit den Beschäftigten und Unternehmen haben die Forscher daher vorbeugende Maßnahmen gegen Überlastung erarbeitet und getestet. Entscheidend für die Vermeidung von Stress waren danach eine gute Führungsqualität der Vorgesetzten und die Möglichkeit auf Termine und Arbeitsvolumen Einfluss zu nehmen. „Auch gezielte Pausen, etwa nach zwei Stunden, schaffen Erholung und sind in arbeitsreichen Phasen umso wichtiger“, empfiehlt Dr. Gerlmaier. Häufige Unterbrechungen seien Stressverursacher. Hier helfe es, sich für konzentriertes Arbeiten zeitweise von Telefon und Anfragen „auszuklinken“. Auch die Begrenzung auf maximal zwei Projekte vermindere Zeitdruck.

„In einer besseren Arbeitsgestaltung liegen erhebliche gesundheitsfördernde und auch leistungserhaltende Potenziale“, sagt Professor Senf. Und diese sollten angesichts der stressbedingten psychischen Erkrankungen auch genutzt werden. „Schließlich vergeuden wir damit erhebliche Ressourcen, wenn Menschen chronisch erschöpft sind“, so Senf. Seelische Krisen durch gesellschaftliche Belastungen hat der Kongresspräsident daher auf das Programm des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gesetzt. Im Rahmen der Kongress-Pressekonferenz am Donnerstag, 24. März 2011 informiert Professor Senf zudem über Bewältigungsstrategien.

Literatur:
B. Schulze: Energiekrise in der Arbeitswelt? In: Psychotherapie im Dialog 2009; 10 (3), S. 201-208, DOI: 10.1055/s-0029-1223319

Gesundheitsreport 2011 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK)

A. Gerlmaier, A. Kümmerling, E. Latniak: Gesund altern in High-Tech-Branchen? Im Spannungsfeld von Innovation und Intensivierung, IAQ-Report 2010 (4)

Terminhinweise:

Kongress-Pressekonferenz:
Donnerstag, 24. März 2011, 12.45 bis 13.45 Uhr, Konferenzraum N (Congress Center Süd, Essen)
Themen und Referenten
+ Krankmachende Arbeitswelt, psychosoziale Krisen und Traumata
Wie können Menschen psychosoziale Belastungen besser bewältigen?
Professor Dr. med. Wolfgang Senf
Kongresspräsident für die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universität Duisburg-Essen
+ Interdisziplinarität: Welche Rolle spielt die Psychosomatik in der Medizin?
Professor Dr. med Hans Georg Nehen
Kongresspräsident für das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Direktor der Klinik für Geriatrie, Elisabeth-Krankenhaus Essen
+ Jeder vierte Krebspatient leidet an psychischen Störungen:
Wie lassen sich Belastungen der Erkrankung mithilfe der Psychoonkologie verbessern?
Professor Dr. med. Dipl.-Psych. M.E. Beutel
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Mainz
+ Psychosomatische Behandlung von Menschen aus anderen Kulturkreisen:
Wie sehr steuert die Kultur unsere Gefühle?
Privatdozentin Dr. med. (TR) Yesim Erim
Leitende Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen
+ Körperliche Beschwerden ohne Befund: eingebildete Krankheit oder echtes Leiden?
Professor Dr. med. Peter Henningsen
Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin, Klinikum rechts der Isar der TU München Klinikum rechts der Isar der TU München
+ Auch der Körper leidet mit – zu den somatischen Folgen frühkindlicher Gewalterfahrung
Professor Dr. med. Johannes Kruse
Stellvertretender Vorsitzender DGPM, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Gießen

Kongressveranstaltungen zum Thema

Eröffnungsvortrag:
Seeleninfarkt - Seelische Krise durch gesellschaftliche Belastung? Claus Leggewie, Essen

Mittwoch, 23. März 2011, 18.30 bis 19.30 Uhr, Saal Europa (Congress Center West, Essen)

Symposium: Interdisziplinärer Dialog: Seelische Krise durch gesellschaftliche Belastungen?
Belastung und Bewältigung in der modernen Arbeits- und Lebenswelt
Donnerstag, 24. März 2011, 16.00 bis 17.30 Uhr, Saal Brüssel (Congress Center West, Essen)
Pressekontakt für Rückfragen:
Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Pressestelle
Anne-Katrin Döbler, Christine Schoner
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel: 0711 8931-573; Fax: 0711 8931-167
schoner@medizinkommunikation.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.deutscher-psychosomatik-kongress.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Spannungsfeld Elektromobilität
23.02.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018
21.02.2018 | Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics