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Länger leben bei schlechterer Gesundheit?

14.10.2010
Tagung zum Altern an der Universität Rostock

„Leute mit 60 Jahren sind heute wie 50-Jährige“, sagt die Rostocker Professorin Gabriele Doblhammer-Reiter. „Jedes Jahr, das wir leben, steigt die Lebenserwartung um drei Monate.“ Positive Lebensumstände und der medizinisch-technische Fortschritt sind dafür verantwortlich.

Die Frage ist allerdings, wie die Menschen die zusätzliche Lebenszeit verbringen. Krank oder gesund? „Unsere Forschungen zeigen, dass ein großer Teil der drei zusätzlichen Monate gesunde Jahre sind“, stellt Gabriele Doblhammer-Reiter fest. Wer sich sportlich betätige und sich auch geistig fit halte, habe die Chance, lange zu leben und gesund zu bleiben. Die 46-Jährige leitet den Lehrstuhl für empirische Sozialforschung und Demografie an der Universität Rostock. Zugleich ist die Wissenschaftlerin Geschäftsführende Direktorin des 2004 von der Universität Rostock und dem Rostocker Max-Planck-Institut für Demografische Forschung gegründeten Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels.

Vorliegende Schätzungen besagen, dass im Jahr 2025 in Deutschland 28 Millionen Menschen älter als 60 Jahre sein werden. 1997 waren es gerade 18 Millionen. Die Forscher stießen darauf, dass Frauen länger leben als Männer, meist aber eine schlechtere Gesundheit haben. „Wir wissen nicht, woran das liegt“, sagt Gabriele Doblhammer-Reiter. Aber es gibt Hypothesen.

Frauen schenken ihrer Gesundheit mehr Beachtung. Männer würden schon in früheren Jahren mehr unter Krankheiten leiden, an denen man schneller sterbe. Als Beispiel nennt Doblhammer-Reiter Schlaganfall oder Herzinfarkt. Frauen haben beispielsweise häufiger Rheuma oder Erkrankungen des Stützapparates. „Daran stirbt man nicht, die Gesundheit kann jedoch stark beeinträchtigt sein“, so Doblhammer-Reiter.

Das Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels forscht zu den drei demografischen Prozessen Mortalität, Fertilität und Migration. Es geht um das immer älter werden der Menschen, die konstant niedrige Geburtenrate und die hohe Migration. „Wir analysieren unter anderem den Pflegebedarf, die Häufigkeit von Demenzerkrankungen und haben den Geburtenmonitor für Deutschland entwickelt“, sagt Doblhammer-Reiter. Monatlich fließen dabei die aktuellsten Zahlen zur Geburtenhäufigkeit in Deutschland zusammen.

Letztes Jahr ist erstmals seit der Wiedervereinigung im Osten die Geburtenziffer wieder höher als im Westen gewesen. Herausgefunden haben die Forscher auch, dass Migranten in Deutschland eine höhere Lebenserwartung haben als ihre Landsleute in der Heimat oder als die Deutschen. Die Professorin erklärt sich das unter anderem damit, dass „Migranten eine gesundheitsselektierte Bevölkerung“ sind. Beispielsweise seien in den 60er Jahren nur Gastarbeiter angeworben worden, die auf ihre Gesundheit hin untersucht worden waren. Das Paradoxe: „Obwohl Migranten länger leben, haben sie eine schlechtere Gesundheit“.

Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern haben die niedrigste Lebenserwartung in Deutschland, während Menschen in Baden-Württemberg und Bayern am ältesten werden. Das ist seit Jahrzehnten so. Die Erwartung der Forscher war, dass sich dieses Muster auch in historischen Daten wiederfinden würde. Die neueste Forschung dazu zeigt jedoch, dass im 18. und 19. Jahrhundert Mecklenburger eine höhere Lebenserwartung hatten als die Menschen in den südlichen Bundesländern. Doblhammer-Reiter hat dafür folgende Erklärung. „Die Ursache lag einerseits in der hohen Säuglingssterblichkeit im Süden Deutschlands, da in katholischen Ländern Neugeborene generell seltener gestillt wurden und damit häufiger an Magen- und Darminfekten starben. Andererseits unterband die dünne Besiedlung in Mecklenburg die Verbreitung von Infektionskrankheiten, die historisch gesehen, die Haupttodesursache darstellten.“

Über weitere Ursachen wird am Donnerstag und Freitag (7.10. und 8.10.2010) auf einer internationalen Tagung in Rostock zum Thema „Altern in historischer Perspektive“ beraten. Die Tagung ist eine gemeinsame Veranstaltung des Rostocker Forschungsverbundes „Historische Demographie“ in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Multimedia und Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften der Universität Rostock, dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung und dem Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels.

Mit dieser zweitägigen Tagung präsentiert der Rostocker Forschungsverbund Historische Demographie Ergebnisse der Arbeit des Landes-Exzellenzförderprojekts „A History of Aging Societies“. Darüberhinaus konnten international anerkannte Wissenschaftler, wie Pat Thane (London) und Josef Ehmer (Wien), zu Vorträgen im Rahmen der Tagung gewonnen werden. Themen werden unter anderem demographische Entwicklungen in Mecklenburg und insbesondere Rostock seit dem 19. Jahrhundert, die Frage nach den Merkmalen einer alternden Gesellschaft sowie die diskursive Behandlung des Themas Altern in Wissenschaft und Presse sein.

Kontakt
Universität Rostock
Presse+Kommunikation
Dr. Ulrich Vetter
Telefon: +49 (0) 381 498 1013
E-Mail: ulrich.vetter(at)uni-rostock.de
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter
Universität Rostock
Rostock Center for the Study of Demographic Change
Max Planck Institute for Demographic Research
Telefon: +49 (0) 381 2081 124 oder +49 (0) 381 498 4393
E-Mail: gabriele.doblhammer-reiter(at)uni-rostock.de

Ingrid Rieck | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

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