Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ganze Zahlen / Zahlentheoretiker aus Afrika, Amerika und Asien in Hildesheim

31.07.2014

Mathematische Theoriebildung darf nicht an der unmittelbaren Anwendbarkeit gemessen werden, sagt Mathematikprofessor Jürgen Sander.

Die Geschichte lehrt uns, dass manchmal Theorien nach Jahrhunderten ausgegraben werden und unerwartet praktischen Nutzen erfahren. Bestes Beispiel: Viele Bereiche der Zahlentheorie finden beim sicheren Übertragen von Daten Anwendung. Renommierte Fachwissenschaftler aus europäischen Ländern, Afrika, Asien und Amerika tauschen sich in dieser Woche an der Universität Hildesheim mit Nachwuchsmathematikern aus. Emails ersetzen den direkten Gedankenaustausch nicht. Derzeit arbeiten die Mathematiker der Uni Hildesheim an einem Band „6000 Jahre Zahlentheorie“.

In dieser Woche kommen Zahlentheoretiker an der Universität Hildesheim zusammen. Sie befassen sich im Grunde mit Eigenschaften ganzer Zahlen; so spielen etwa Primzahlen eine große Rolle, also jene Zahlen, die nur durch Eins und sich selbst teilbar sind – einfach gesagt. Die Phänomene, mit denen sich die 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Woche lang auseinandersetzen sind weitaus komplexer, sie behandeln Themen wie „automorphic L-functions“, arithmetische Funktionen, polynomiale Gleichungen und Carmichael-Zahlen.

Die Forscherinnen und Forscher kommen aus einem guten Dutzend europäischer Länder sowie Afrika, Amerika und Asien. „Wir bringen renommierte Fachwissenschaftler mit Nachwuchsmathematikern zusammen“, beschreibt Mathematikprofessor Jürgen Sander die Grundidee der siebten ELAZ-Konferenz (Elementare und Analytische Zahlentheorie). „Wissenschaftliche Kommunikation per Email ersetzt nicht den direkten Kontakt und den vielfältigen Gedankenaustausch während einer internationalen Tagung“, sagt Sander, der an der Universität Hildesheim in der Abteilung Algebra und Zahlentheorie forscht. Seine Doktoranden Martin Kreh und Jan-Hendrik de Wiljes haben die Konferenz mitorganisiert. Sie arbeiten beide an Fragestellungen aus der Zahlentheorie.

Auf der Konferenz erinnern die Fachleute an Professor Wolfgang Schwarz (1934 bis 2013). Der renommierte Frankfurter Zahlentheoretiker hat auch zur Geschichte der Zahlentheorie gearbeitet. Karl-Heinz Indlekofer von der Universität Paderborn, Lutz Lucht von der Technischen Universität Clausthal und Aleksandar Ivić von der Universität Belgrad sprechen über das wissenschaftliche Werk von Schwarz.

Kong Kar Lun von der University of Hong Kong referiert auf der Konferenz zum Beispiel über Dirichlet-Reihen. Johann Dirichlet führte unendliche Reihen als analytisches Hilfsmittel ein, um zahlentheoretische Probleme zu lösen. Izabela Petrykiewicz vom französischen Institut Fourier in Grenoble und Simon Kristensen von der Aarhus Universität sprechen über Fourierreihen. Nicola Oswald von der Universität Würzburg gibt einen Einblick in die Tagebücher von Adolf Hurwitz.

Der Hildesheimer Mathematiker Hurwitz hat Aussagen und Beweise in den Gebieten Funktionentheorie, Geometrie, Algebra und Zahlentheorie geliefert und schon während der Schulzeit erste wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Erst kürzlich hat eine Hildesheimer Mathematikstudentin Hurwitz‘ Biografie in einer Abschlussarbeit aufgearbeitet. Die Nachwuchswissenschaftler Mehmet Cenkci von der Akdeniz Universität in Antalya und Erikas Karikovas von der Universität Vilnius gehen in ihren Vorträgen auf Hurwitz‘ Arbeiten ein.

Die ELAZ-Tagungsreihe findet seit 2000 im zwei-Jahres-Rhythmus statt. 2016 wird sie vermutlich in Österreich ausgerichtet. Mathematische Theoriebildung dürfe nicht an der unmittelbaren Anwendbarkeit gemessen werden, sagt Jürgen Sander. Die Geschichte zeigt: Sie ist voller Theorien, die über Jahrhunderte als rein theoretisch galten, und auf einmal „nützliche, außermathematische Verwendung fanden“, sagt Sander. Mit der rasant wachsenden Fülle an elektronischen Datenübertragungen wurden in den vergangenen 50 Jahren etwa Verschlüsselungsverfahren wie RSA entwickelt, die heute weltweit eingesetzt werden, um Daten sicher zu versenden. Grundlage dafür ist die Zahlentheorie.

Derzeit arbeiten Mathematiker der Universität Hildesheim an einem Band „6000 Jahre Zahlentheorie“. Die Arbeitsgruppe „Geschichte der Mathematik“ (Meldung „Statt staubtrocken ziemlich lebendig") möchte darin verdeutlichen, wie zunächst Zahlen durch äußerst unterschiedliche Zeichen in den verschiedenen Kulturkreisen dargestellt wurden: Striche, Kerben, Zahlen in Keilschrift und Hieroglyphen, griechische und römische Zahlzeichen, indische und arabische Ziffern und Knoten der Inkas. Die Zahlentheorie als Lehre von der Teilbarkeit natürlicher Zahlen findet sich in ersten Ansätzen schon bei den Babyloniern, später bei den Griechen.

Noch heute stellt der „euklidische Algorithmus“ des griechischen Mathematikers Euklid einen Weg dar, um den größten gemeinsamen Teiler zweier Zahlen zu ermitteln. In Europa erfuhr die Zahlentheorie zu Beginn der Neuzeit Aufschwung. Viète, Fermat und Euler leisteten die Pionierarbeit für das Werk des Braunschweiger Mathematikers Carl Friedrich Gauß und seine zahlentheoretische Untersuchungen „Disquisitiones Arithmeticae“ von 1801. Sie lieferten die Grundlage für den gewaltigen Aufschwung der Zahlentheorie im 19. und 20. Jahrhundert und ihre Erweiterungen in Gestalt der Algebraischen, Analytischen und der Additiven Zahlentheorie. Dabei macht die Hildesheimer Forschergruppe deutlich:

Viele Bereiche der Zahlentheorie haben im Zeitalter der Computer unerwartet praktischen Nutzen zum Beispiel in der Kryptographie erfahren. Dabei geht es um die Sicherheit der Übertragung von Daten im Internet. Einst wurde die Zahlentheorie als „l’art pour l’art“ wegen ihrer Schönheit gepriesen, aber wegen ihrer geringen Anwendbarkeit oft gering geschätzt.

Weitere Informationen:

http://www.uni-hildesheim.de/fb4/institute/imai/forschung/geschichte-der-mathema... - Arbeitsgruppe „Geschichte der Mathematik“ an der Universität Hildesheim
http://www.uni-hildesheim.de/fb4/institute/imai/abteilungen/algebra-und-zahlenth... - Abteilung für Algebra und Zahlentheorie der Uni Hildesheim

Isa Lange | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Von Batterieforschung bis Optoelektronik
23.06.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht 10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge
22.06.2017 | Haus der Technik e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften