Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verlustreich für Mensch und Fisch - Tiefseefischerei ist wirtschaftlich und ökologisch unrentabel

13.09.2011
Die Polargebiete und die offenen Ozeane haben sie längst erobert, jetzt erschließen sich die großen Fischfangflotten ein neues Jagdrevier: Die Tiefsee.

In der renommierten Fachzeitschrift „Marine Policy“ warnen Fischereibiologen aus sieben Ländern, darunter auch Dr. Rainer Froese vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR), vor den möglichen Folgen. Denn die auf den ersten Blick ertragreichen Fischbestände in den Tiefen der Ozeane könnten noch viel schneller vernichtet sein als Bestände in küstennahen Gewässern.

Fischereibiologen warnen regelmäßig vor dem Zusammenbruch von Fischbeständen. Doch die Auslagen in Europas Fischgeschäften sind gut gefüllt. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich schnell auf, wenn man weiß, dass die großen Fischfangflotten immer neue Fischbestände in immer neuen Meeresgebieten ausbeuten. Längst fangen europäische Trawler in großem Maßstab vor afrikanischen und asiatischen Küsten, in der Arktis und Antarktis, und japanische Fangflotten durchziehen den gesamten Indischen und Pazifischen Ozean auf der Suche nach lohnenden Schwärmen.

Weil die Erträge trotzdem zurückgehen, sind die Fischereiindustrien mittlerweile dabei, ein weiteres Feld abzuernten: Die Tiefsee. „Bevor dort unreparierbare Schäden entstehen, wollten wir untersuchen, ob Tiefseefischerei überhaupt nachhaltig betrieben werden kann“, erklärt Dr. Rainer Froese vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR).

Zusammen mit Kollegen aus den USA, aus Kanada, Großbritannien, Portugal, der Schweiz und Neuseeland kommt er zu einem klaren Ergebnis: „Die Tiefseefischerei sollte mit ganz wenigen Ausnahmen eingestellt werden“, fasst er die gemeinsame Studie zusammen, die online in der renommierten Fachzeitschrift „Marine Policy“ erschienen ist und international bereits Aufmerksamkeit erregt hat. Ende der Woche wird sie Diskussionsgrundlage für einen Workshop der Vereinten Nationen in New York zum Thema „Nachhaltige Fischerei“ sein.

Die Studie legt dar, dass Tiefseefischerei gleich aus mehreren Gründen problematisch ist. Die tieferen Regionen der Ozeane sind zum größten Teil auch für marine Organismen lebensfeindlich. Das Leben konzentriert sich daher an bestimmten Orten, zu Beispiel an Unterwasserbergen, deren Gipfel relativ dicht unter der Wasseroberfläche liegen. An den Bergflanken steigen nährstoffreiche Strömungen auf, die zusammen mit dem Licht von oben eine ausreichende Lebensgrundlage für Korallen, Kleinstlebewesen und Fische bedeuten. So begrenzt diese Oasen des Lebens in der Tiefsee sind, so schnell sind sie auch zerstört. Tiefseetrawler arbeiten vielfach mit Grundschleppnetzen, die an einem neu erschlossenen Unterwasserberg zunächst die Bodenlebensgemeinschaften vernichten und erst anschließend die begehrten Fische fangen. „Zurück bleibt eine öde Landschaft“, sagt Froese. Zudem ist die Art der Fischerei extrem aufwendig. Da erst ein Bruchteil der Meeresboden exakt kartiert ist, sind die Trawler mit modernster Sonartechnologie ausgestattet. „Da wäre so manches Forschungsschiff neidisch“, sagt Froese.

Trotz der hohen Investitionen in Technik und die weiten Anfahrten schien sich die Tiefeseefischerei zunächst zu lohnen. Tiefseefische können sehr groß und schwer werden. Der Riesen-Antarktisdorsch zum Beispiel, der in bis zu 1600 Metern Wassertiefe vorkommt, bringt es auf bis zu 175 Zentimeter Länge und bis zu 80 Kilogramm Gewicht. Wegen der niedrigen Temperaturen und der wenigen verwertbaren Nährstoffe in der Tiefe wachsen diese Fische aber extrem langsam. „Weil neue Generationen nicht rechtzeitig nachwachsen können, ist ein Bestand von Tiefseefischen viel schneller überfischt, als ein küstennaher Bestand“, betont Froese. So gilt der häufig gehandelte Granatbarsch schon heute als extrem gefährdet. Neuseeland und Australien haben als Konsequenz den Fang dieser Art auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. „Insgesamt muss man sagen, dass diese extrem teure Fischerei in bisher wenig erforschten Regionen schwere Schäden an der globalen Artenvielfalt anrichtet, die eigentlich das Erbe der gesamten Menschheit ist“, sagt Froese. So können er und seine Kollegen nur sehr wenige Tiefseefischereien als ökologisch und ökonomisch sinnvoll einstufen. „Dabei handelt es sich um Fischereien, die mit wenig Technik und in begrenztem Rahmen ausgeführt werden“, sagt Froese. Er und seine Kollegen hoffen nun auf entsprechende Resolutionen der Vereinten Nationen, damit das Leben der Tiefsee nicht zerstört wird, bevor wir es richtig kennen gelernt haben.

Originalarbeit:
Norse, E.A., S. Brooke, W.W.L. Cheung, M.R. Clark, I. Ekeland, R. Froese, K.M. Gjerde, R.L. Haedrich, S.S. Heppell, T. Morato, L.E. Morgan, D. Pauly, R. Sumaila, R. Watson: Sustainability of deep-sea fisheries, Marine Policy, 36 (2), 307-320, ISSN 0308-597X, 10.1016/j.marpol.2011.06.008 (gedruckt: März 2012).

Online: (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X11001102)

Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/
http://www.fishbase.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer
20.10.2017 | Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

nachricht Forscher untersuchen Pflanzenkohle als Basis für umweltfreundlichen Langzeitdünger
20.10.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise