Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pflanzen in Städten sind enger verwandt und kurzlebiger als auf dem Land

18.04.2012
Auch in US-amerikanischen Städten wachsen mehr Pflanzenarten als auf dem Land.

Die Pflanzenarten in der Stadt sind jedoch stärker untereinander verwandt und übernehmen oft ähnliche Funktionen. Dadurch sind Ökosysteme in der Stadt empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen.


Die Existenz funktionierender Ökosysteme in Städten fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stadtbewohner. Im Bild die Skyline von Leipzig.

Foto: André Künzelmann/UFZ (Nutzungsbeschränkung: kostenfrei bei redaktioneller Nutzung, Verwendung nur unter Angabe der Quelle und nur im Zusammenhang mit dem UFZ)

Zu diesem Ergebnis kommen deutsche und US-amerikanische Ökologen durch eine Feldstudie in Minneapolis (Minnesota), die von Jeannine Cavender-Bares, Professorin an der Universität Minnesota geleitet wurde. Damit bestätigen sich Ergebnisse, die ein Team um Dr. Sonja Knapp vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) bereits 2008 in Deutschland aus statistischen Daten gewonnen hatte.

Die Ergebnisse sind jetzt als Vorabdruck im Fachblatt ECOLOGY erschienen und in der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins NATURE zitiert worden.

Die jüngste Studie verglich die Vielfalt der Vegetation in den Gärten der Metropolregion Minneapolis-St. Paul im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten mit der Vegetation in dem benachbarten Naturschutzgebiet Cedar Creek, das Teil eines ökologischen Langzeit-Beobachtungsnetzwerkes ist, das von der U.S. National Science Foundation (NSF) gefördert wird. Weltweit wächst die Fläche, die Städte inzwischen einnehmen. Damit wird es immer wichtiger, die Auswirkungen der Gärten auf die Biodiversität und die Ökosystemdienstleistungen zu verstehen. Die Forscher des UFZ in Halle, der Universitäten Minnesota und California, des Whittier Colleges in California und des Max-Planck-Institutes für Biogeochemie in Jena wollten daher herausbekommen, was die städtische Artenvielfalt in Privatgärten von der natürlichen unterscheidet. Dabei zeigte sich mithilfe der neuen globalen Datenbank zu Pflanzeneigenschaften TRY, dass die typische Gartenpflanze kurzlebig und schnellwachsend ist, kleine Samen produziert, diese vom Menschen verbreiten lässt und gut an hohe Temperaturen angepasst ist.
Kritisch sehen die Wissenschaftler den beobachteten Trend von der Insekten- zur Selbstbestäubung: "Wenn Selbstbestäuber durch die Stadtumwelt unterstützt werden und deshalb in der regionalen Artenzusammensetzung eine zunehmende Rolle einnehmen, dann könnte es zu einem Dominoeffekt kommen: Mehr selbstbestäubende Pflanzen wie der Purpur-Storchschnabel würden für weniger Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge sorgen", warnt Sonja Knapp. Kritisch sehen viele Forscher inzwischen auch das Potenzial für invasive Arten, die sich von den Gärten aus verbreiten können. Mehr einheimische Pflanzen anzubauen könnte jedoch einen positiven Effekt auf die die verwandtschaftliche Vielfalt der Stadtvegetation haben und die Evolution dort beflügeln, meinen die Forscher. „Die Auswahl, die Stadtbewohner treffen, wenn sie entscheiden, welche Pflanzen in ihren Gärten oder Höfen kultiviert werden, könnte die Funktion und die Vitalität größerer Ökosysteme beeinflussen“, schreibt NATURE in seinem „Research Highlights“ als Begründung, weshalb diese Studie aus Minneapolis über die Stadtgrenzen hinaus wichtig ist. "Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Städter ihre Gärten überprüfen sollten und eine höhere Anzahl an einheimischen Arten beherbergen könnten", sagt Cavender-Bares.

Bei der vorausgegangenen Untersuchung 2008 in Deutschland werteten die Forscher 14 Millionen Einträge der bundesweiten Datenbank FLORKART aus, die mehrere tausend ehrenamtliche Helfer in den letzten Jahren zusammengetragen haben. Der Naturschutz müsse sich wegen der verändernden Umweltbedingungen nicht nur um den Erhalt einer möglichst großen Anzahl an Arten, sondern auch um deren verwandtschaftliche (also phylogenetische) Vielfalt kümmern. Da die Urbanisierung bereits weit fortgeschritten ist und noch weiter fortschreiten werde, sei es nötig, Strategien zum Schutz der Artenvielfalt auch innerhalb von Städten zu entwickeln, schrieben die Wissenschaftler 2008 im Fachblatt Ecology Letters.
Der Verlust an phylogenetischer Information verringert die Chancen von Artengemeinschaften, auf Veränderungen in der Umwelt zu reagieren und könnte langfristig die Funktionen von städtischen Ökosystemen negativ beeinflussen. Diese Vermutung konnte nun anhand der Daten aus Minneapolis bestätigt werden.
Tilo Arnhold

Publikation:
Knapp, S., Dinsmore, L., Fissore, C., Hobbie, S. E., Jakobsdottir, I., Kattge, J., King, J., Klotz, S., McFadden, J. P. & Cavender-Bares, J. (2012): Phylogenetic and functional characteristics of household yard floras and their changes along an urbanization gradient. Ecology, in Press
http://dx.doi.org/10.1890/11-0392.1

A look at backyard biodiversity.
Nature 484, 144 (12 April 2012); doi:10.1038/484144b
http://dx.doi.org/10.1038/484144b

Weitere fachliche Informationen:
Dr. Sonja Knapp
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0345-558-5308
http://www.ufz.de/index.php?de=7278
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1269
E-mail: presse@ufz.de

Weiterführende Links:
Vegetation der Städte ähnelt sich - Neue Studie zeigt, dass Pflanzen in Städten stärker untereinander verwandt sind als auf dem Land (Pressemitteilung vom 18. September 2008)
http://www.ufz.de/index.php?de=17194
TRY Initiative on Plant Traits:
http://www.try-db.org/pmwiki/index.php

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 1000 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 33.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

http://www.helmholtz.de

Tilo Arnhold | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/
http://www.ufz.de/index.php?de=30376
http://www.helmholtz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie