Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schutz der biologischen Vielfalt von Nutztieren: Globaler Aktionsplan ist ein wichtiger erster Schritt

10.09.2007
Öko-Institut: Der Erfolg hängt aber von der Umsetzung ab / Kritik an vagen Finanzierungsplänen

In den vergangenen Jahrzehnten sind weltweit fast 700 der 7.616 anerkannten Nutztierrassen ausgestorben, davon allein in den letzten sechs Jahren neun Prozent. Rund ein Fünftel aller Nutztierrassen gilt nach Einschätzung der UN Landwirtschaftsorganisation (FAO) als gefährdet, und auch die genetische Diversität innerhalb von Rassen und Linien nimmt ab.

Doch nun hat die internationale Staatengemeinschaft den dringenden Handlungsbedarf anerkannt und am vergangenen Freitag einen globalen Aktionsplan zum Schutz der biologischen Vielfalt bei landwirtschaftlich genutzten Tieren verabschiedet. "Dies ist ein erster und wichtiger Schritt, um die Vielfalt von Nutztierrassen zu erhalten", begrüßt Franziska Wolff, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Öko-Institut in Berlin, die Entscheidung. Die Expertin hat an den Verhandlungen in Interlaken/Schweiz teilgenommen.

Aus Sicht des Öko-Instituts kommt der Plan der Agrobiodiversität und der Umwelt, der globalen Ernährungssicherheit und dem Kampf gegen Armut gleichermaßen zugute. Jedoch: "Viel hängt von der Umsetzung ab", sagt Franziska Wolff. Bisher ist die Zusage für eine internationale Finanzierung des Planes vage. "Außerdem reichen Schutzprogramme nicht aus, solange die industrielle Agrarproduktion Vielfalt in großem Maßstab vernichtet", kritisiert die Expertin vom Öko-Institut mit Verweis auf Erkenntnisse aus dem FAO-Bericht.

Mit dem Aktionsplan verpflichten sich die FAO-Mitgliedsländer zu verstärkten Aktivitäten in den Bereichen Charakterisierung, Bestands- und Risikomonitoring sowie Erhaltung, nachhaltige Nutzung und Entwicklung tiergenetischer Vielfalt. Gleichzeitig versprechen sie, ihre Politiken zu verbessern und Kapazitäten zur Bekämpfung des Problems auszubauen. Rechtlich bindend ist der Aktionsplan allerdings nicht.

Weiteres Problem: Mit dem Export industrieller Agrarproduktionssysteme in Entwicklungsländer verschlechtern sich die Bedingungen für eine angepasste und agrobiodiverse Tierhaltung dort. Zwar erkennt der globale Aktionsplan den Beitrag an, den lokale Gemeinschaften, Bauern und Pastoralisten über Jahrhunderte durch die Entwicklung von Tierrassen geleistet haben. In Zukunft wird es allerdings darauf ankommen, deren Zucht- und Produktionsbedingungen konkret zu schützen. Zivilgesellschaftliche Kräfte schlagen hierfür unter anderem das Konzept der 'Lifestock Keepers' Rights' vor.

Miriam Dross, Umweltrechtsexpertin am Öko-Institut, stellt fest: "Auch Deutschland muss seine Hausaufgaben machen." Sie weist darauf hin, dass das Fachprogramm für tiergenetische Ressourcen keine Finanzierung besitzt und die Länderzuständigkeit für Tierzuchtangelegenheiten eine Förderung für alte und wenig genutzte Rassen erschwert. Auch das novellierte Tierzuchtrecht stützt Erhalt, Nutzung und Entwicklung der Nutztierrassenvielfalt nicht ausreichend.

KonsumentInnen können ebenfalls ihren Beitrag dazu leisten, die Vielfalt von Nutztiere zu erhalten: Indem sie beispielsweise in den Geschäften gezielt nach Fleisch von seltenen Schweine-, Rinder- oder Schafrassen fragen.

Hintergrund des globalen Aktionsprogramms:

Während in den Ländern des Südens noch eine größere Vielfalt von Nutztierrassen auf den Weiden und in den Ställen steht, ist in Europa und

Nordamerika bereits ein Großteil der Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Rassen unwiederbringlich verloren. Über ein Drittel der verbleibenden europäischen Geflügel- und Säugetierrassen werden von der FAO als gefährdet gewertet.

In Deutschland existieren heute nur noch fünf von mindestens 35 ehemals einheimischen Rinderrassen. Die landwirtschaftliche Nutzung ist dabei auf sehr wenige Hochleistungsrassen beschränkt, deren genetische Vielfalt durch hochselektive Züchtung immer weiter zurückgeht. Bei den Milchrindern Holstein Friesian kommen beispielsweise einzelne "Spitzenvererber" bis zu eine Million mal als Vatertier zum Einsatz. Bei Hühnern und Schweinen führen Züchtungsstrategien der Industrie ebenfalls zu ausgeprägter so genannter "genetischer Erosion". Zudem sind Bauern durch die bei diesen Tieren dominierende beziehungsweise voranschreitende Hybridzüchtung hier immer weniger selbst züchterisch tätig, was Vielfalt abermals mindert.

Weitere Informationen zum Thema:
http://www.agrobiodiversitaet.de
http://www.g-e-h.de
http://www.fao.org/AG/againfo/programmes/en/genetics/angrevent2007.html
Ansprechpartnerin:
Franziska Wolff, Forschungsbereich Umweltrecht & Governance, Öko-Institut e.V., Büro Berlin, Telefon +49- (0)30-280 486-71, Fax +49-(0)30- 280 486-88, E-Mail f.wolff@oeko.de

Das Öko-Institut ist eine der europaweit führenden, unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtungen für eine nachhaltige Zukunft. Es ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten.

1977-2007
30 Jahre Öko-Institut - Nachhaltig in die Zukunft!
Jetzt mit neuer Internet-Präsenz - http://www.oeko.de.
Das Öko-Institut ist 2007 einer von 365 Orten im Land der Ideen: http://www.oeko.de/landderideen

Christiane Rathmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.oeko.de

Weitere Berichte zu: Aktionsplan Expertin FAO Nutztierrassen Rassen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Paradiese in Gefahr: Bayreuther Studierende forschen auf den Malediven zu Plastikmüll in den Meeren
13.04.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ozeanversauerung: Wie individuell sind die Reaktionen?
06.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten