Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Über eine mögliche Bedrohung der Fischbestände der Ostsee durch die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi

21.12.2006
Gemeinsame Presseinformation des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und der Bundesforschungsanstalt für Fischerei, Hamburg und Rostock

Seit Ende November 2006 berichten Meeresforscher, Naturbeobachter und Taucher aus der westlichen Ostsee über eine fortschreitende Invasion der Rippenqualle Mnemiopsis leidyi. Eingeschleppt wurde sie vermutlich mit Ballastwasser. Die Aufmerksamkeit ist relativ groß, weil diese Art, die ursprünglich aus dem Brackwasserbereich der nord- und südamerikanischen Ostküste stammt, im Schwarzen Meer, wo sie in den achtziger Jahren eingetragen wurde, die pelagischen Fischbestände drastisch dezimiert hatte. Diese Gefahr besteht im Ostseeraum mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, denn die Rahmenbedingungen, die die Rippenqualle hier vorfindet, unterscheiden sich in einigen wichtigen Punkten von denen im Schwarzen Meer.

Bei Wassertemperaturen um 25°C zeigte Mnemiopsis leidyi im Schwarzen Meer optimale Vermehrungsraten. Diese Werte treten im Schwarzen Meer regelmäßig während der Sommermonate auf und sind damit vermutlich ein wesentlicher Grund für die dortige rasche Vermehrung der Rippenqualle. Das Wasser der zentralen Ostsee erreicht selbst im Hochsommer diese Werte nicht. Vor allem im Frühjahr, wenn die Fischbrut heranwächst und ein starkes Anwachsen der potentiellen Fraßfeinde also kritisch wäre, sind die Temperaturen in der Ostsee für die Rippenqualle ungünstig. Mit Erwärmung des Wassers bis zum Juli sind aber auch die Fischlarven bereits soweit angewachsen, dass sie als Beute für die Rippenquallen nicht mehr in Frage kommen.

o Im Schwarzen Meer waren zur Zeit des ersten Auftretens von Mnemiopsis leidyi die pelagischen Fischbestände durch Überfischung bereits stark geschwächt. Das Auftreten eines Nahrungskonkurrenten und Räubers beschleunigte daher den Kollaps dieser Bestände. In der westlichen Ostsee sind die wichtigsten Vertreter der pelagischen Fischbestände, die Heringsartigen, jedoch derzeit nicht überfischt, deshalb ist keine unmittelbare Bedrohung der Heringe und Sprotten durch einen zusätzlichen Räuber zu erwarten.

Trotzdem ist es erforderlich, die Entwicklung im Auge zu behalten, denn Mnemiopsis leidyi zeichnet sich durch eine große Widerstandsfähigkeit, hohes Regenerationsvermögen und eine schnelle Reproduktion aus. Eine wichtige Frage wird sein, ob die jetzt beobachteten Tiere den Winter überstehen. Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde wird deshalb seine regelmäßigen Ausfahrten zur Überwachung der Meeresumwelt der Ostsee nutzen, um die Entwicklung von Mnemiopsis im Laufe des Winters und Frühjahrs zu verfolgen. Um das Beobachtungsnetz zu optimieren, wurden außerdem unter den Sporttauchern Mecklenburg-Vorpommerns Informationen zu Mnemiopsis verteilt und um Meldung eventueller Beobachtungen gebeten.

Eine ideale Möglichkeit, den unmittelbaren Einfluss des Einwanderers auf den Fischnachwuchs in der westlichen Ostsee zu messen, bietet der Rügen-Heringslarven-Survey des Instituts für Ostseefischerei Rostock der Bundesforschungsanstalt für Fischerei. Während dieser surveys wird seit 1977 über die gesamte Laichzeit (März-Juni) die Larvenhäufigkeit des Herings der westlichen Ostsee aufgenommen. Die Untersuchung findet im wöchentlichen Abstand im wichtigsten Laichgebiet dieses Heringsbestandes, dem Greifswalder Bodden, statt. Nirgendwo sonst in der Ostsee sind im Jahresverlauf höhere Dichten von Fischlarven zu finden. Durch die Berechnung von Sterblichkeiten einzelner Larvenklassen lassen sich so die Auswirkungen von Nahrungskonkurrenz oder Fraßdruck durch Mnemiopsis kleinräumig und mit hoher zeitlicher Auflösung bestimmen. Spätestes im Frühsommer 2007 werden die Meeresforscher die Gefährlichkeit dieses Neulings für das Ökosystem Ostsee dann besser einschätzen können.

Kontakt:
Dr. Lutz Postel, Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), Tel.: 0381 5197 206; email: lutz.postel@io-warnemuende.de
Dr. Christopher Zimmermann, Institut für Ostseefischerei Rostock der Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFA), Tel.: 0381/81161-15

email christopher.zimmermann@ior.bfa-fisch.de

Dr. Barbara Hentzsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.io-warnemuende.de

Weitere Berichte zu: Fischbestand Fischerei Mnemiopsis Ostsee Rippenqualle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie