Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auswirkungen von El Niño in der Sechura-Wüste: Pflanzengesellschaften im Wartestand

12.09.2000


Das viel erforschte, aber noch immer nicht ganz erklärte El Niño-Phänomen zeigt sich in der Sechura-Wüste in Nordperu durch stark erhöhte Niederschläge. Während des letzten Jahrhundert-Niño-Ereignisses

von 1997/98 lagen die Niederschläge um bis zu 7000% über dem Durchschnitt. Die von Prof. Dr. Michael Richter (Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg) vor, während und nach diesem "Hyper-Niño" erhobenen Daten wurden von Michaela Block graphisch aufbereitet. Sie zeigen den Einfluss der erhöhten Niederschläge auf die Vegetation.

Durch sehr gute Vorhersagen war es möglich, schon im Oktober 1997, vor dem Einsetzen des El Niño, 25 Untersuchungsflächen an fünf Standorten einzurichten. Eine umso glücklichere Situation, als sich das Ereignis zu einem Jahrhundert-Hyper-Niño entwickelte. Die Flächen wurden im folgenden jeweils im März und im Oktober kontrolliert. Ziel ist die Erfassung der El Niño-bedingten Veränderung der Pflanzengemeinschaften.

Das El Niño-Phänomen tritt in unregelmäßigen Abständen von mehreren Jahren um die Weihnachtszeit auf. Dieses seit langem bekannte "Christkind" wurde in zahlreichen Arbeiten untersucht, wobei bis heute die genauen Gründe für das Einsetzen der El Niño-Situationen nicht geklärt sind. Weitgehend bekannt sind dagegen die zugrunde liegenden Mechanismen. Eine Umstellung der ozeanisch-atmosphärischen Zirkulation im tropischen Pazifik führt zu einer Ostwertsverlagerung warmer Wassermassen aus dem Westpazifik. Hierbei wird das Aufsteigen des kalten Wassers im Humboldt-Strom vor der Küste Südamerikas unterdrückt. Dadurch können die feuchtwarmen Luftmassen, die sonst an dieser Wetterbarriere aufgehalten werden, ungehindert auf die Küste treffen und sich dort abregnen. Das führt in El Niño-Jahren zu sehr starken Niederschlägen während der sonst nur sehr schwach ausgeprägten Regenzeit des Südsommers (Januar-März). Besonders stark treffen diese Verhältnisse den sehr trockenen Bereich Nordperus. Während des letzten Ereignisses 1997/98 überstiegen dort die Niederschläge den langjährigen Mittelwert um bis zu 7000%.

Bei der Auswahl der Untersuchungsstandorte wurden zum einen Bodenunterschiede berücksichtigt: Hammada (Steinwüste), Sserir (Kieswüste), Erg (Sandwüste), zum anderen ein Gradient zunehmender Feuchte von der Küste zum Inland: Paita, Piura und Chulucanas. Zur Charakterisierung der Vegetationsdynamik wird hier exemplarisch der Standort Chulucanas herangezogen. Er befindet sich etwa 80 km von der Küste entfernt in 175 m ü. NN und weist in Normaljahren mittlere Niederschläge um 200 mm/Jahr auf. Die Pflanzendecke ist eine weitständige Baumsavanne.

Im April 98 zeigt sich, dass neben dieser Grundgesellschaft eine zusätzliche "Gesellschaft im Wartestand" existiert, die nur nach Niño-Ereignissen (1997/98 in Chulucanas 1800 mm) auftritt. Erstaunlicherweise handelt es sich bei den neu auftretenden Arten nicht um speziell angepasste Einheimische dieses Ökosystems, sondern vielmehr um Ruderalarten (Pflanzen der Schuttplätze und Wegränder) aus ganz Mittel- und Südamerika oder sogar Europa und Afrika. Der spontane Anstieg der Vegetationsbedeckung nach den Niederschlägen geht in erster Linie auf Therophyten (Einjährige) zurück, deren Auftreten jedoch kurz ist. Chamaephyten (Zwergsträucher) reagieren verzögert und langfristiger. Phanerophyten (Sträucher u. Bäume) profitieren am längsten von den Niederschlägen, da die Arten über ein weitläufiges Wurzelsystem verfügen, und auf die erneuerten Grundwasservorräte zurückgreifen können. Das verstärkte Wachstum ist bei ihnen auch nach zwei Jahren noch deutlich erkennbar.


Regen als Ursache für Feuer

Die hohe Ansammlung von vertrockneter Phytomasse ermöglicht in der folgenden Trockenzeit Brände, in deren Folge eine weitere charakteristische Krautgesellschaft aufkommt - eine zweite "Gesellschaft im Wartestand". Post-Niño-Feuer müssen also als systemimmanente Störung angesehen werden. Einem regenbringenden Niño-Jahr folgt häufig ein Jahr mit ungewöhnlich kühlem Winter: La Niña-Arten, die im Oktober 1999 erstmals auftreten, scheinen auf diese Kälte zu reagieren und können als Fragmente einer dritten Gesellschaft im Wartestand gesehen werden.

Als Fazit ist herauszustellen, dass El Nino nicht nur einen Boom-Effekt schafft, sondern die Folgegemeinschaften auch ein Störungs-Regime bilden können. Offen ist noch, ob der Vegetationszustand letztendlich wieder das Ausgangsstadium erreicht. Es ist jedoch davon auszugehen, da sich an dem Wüstenklima, das in Normaljahren das Pflanzenwachstum begrenzt, wahrscheinlich nicht so schnell etwas ändern wird. Verschiedene Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass die extrem starken "Hyper"-Niños in zunehmend kürzeren Abständen auftreten. Ist das der Fall, so tritt auch diese ungewöhnlich dichte Vegetationsbedeckung häufiger auf. Langfristig führt das zu einer Veränderung des Arteninventars, da neue Ruderalarten hinzukommen, die sich auf neue Niño-Intensitäten einstellen.

* Kontakt:
Michaela Block, Prof. Dr. Michael Richter
Institut für Geographie, Kochstraße 4/4, 91054 Erlangen
Tel.: 09131/85 -22015

Gertraud Pickel |

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Mit Urzeitalgen zu gesundem Wasser: Wirtschaftliches Verfahren zur Beseitigung von EDC im Abwasser
27.04.2017 | Technische Universität Bergakademie Freiberg

nachricht Plastik – nicht nur Müll
26.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie