Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Akzente aus Würzburg für die Verhaltensforschung

20.09.2000


Bis in die späten 60er Jahre war die Verhaltensbiologie eine Wissenschaft, die wesentlich von deutschen Forschern geprägt war. Heute ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Vor diesem Hintergrund haben
Wissenschaftler der Universität Würzburg einen Sonderforschungsbereich initiiert, der in Deutschland neue Akzente setzen und die Verhaltenswissenschaften hier wieder aufleben lassen soll.

Der Sonderforschungsbereich (SFB) 554 "Mechanismen und Evolution des Arthropodenverhaltens: Gehirn - Individuum - Soziale Gruppe" hat seine Arbeit am 1. Juli 2000 aufgenommen. Sprecher ist der Verhaltensphysiologe Prof. Dr. Bert Hölldobler, sein Stellvertreter ist der Genetiker Prof. Dr. Martin Heisenberg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den SFB in den ersten drei Jahren seines Bestehens mit rund 5,6 Millionen Mark.

Warum sind die deutschen Beiträge zur Verhaltensbiologie in den vergangenen Jahrzehnten spärlicher geworden? Den Würzburger Wissenschaftlern zufolge liegt dies nicht etwa daran, dass die wesentlichen Fragen beantwortet wären und sich deshalb kein moderner Wissenschaftler mehr damit befassen wollte. Ganz im Gegenteil: Im selben Zeitraum habe die angloamerikanische Verhaltensforschung einen Aufbruch mit steigender Dynamik erlebt. Fruchtbare Perspektiven hätten sich dort durch das Zusammentreffen bislang getrennter Disziplinen - Evolutionsbiologie, Ökologie, Genetik und Neurobiologie - ergeben. Die deutsche Biologie habe dazu wenig beigetragen, ja sie habe viele Entwicklungen sogar verpasst.

An der Universität Würzburg sind die genannten Disziplinen in Form von international bekannten Forschergruppen vertreten. Im Rahmen des neuen SFB wird nun ihre Verbindung angestrebt. Im Mittelpunkt stehen Gliedertiere (Arthropoden) wie Fliegen, Zikaden, Ameisen oder Bienen. An ihnen soll das Verhalten auf individueller Ebene und in der sozialen Gruppe sowie die Steuerung des Verhaltens durch das Gehirn untersucht werden.

Beteiligt sind sechs Lehrstühle, wobei diejenigen für Genetik und Neurobiologie (Prof. Dr. Martin Heisenberg), Verhaltensphysiologie und Soziobiologie (Prof. Dr. Bert Hölldobler) sowie für Tierökologie und Tropenbiologie (Prof. Dr. Karl Eduard Linsenmair) die Teilprojekte wesentlich tragen. Mit im Boot sind zudem die Lehrstühle für Botanik II - Ökophysiologie und Vegetationsökologie (Prof. Dr. Markus Riederer), Informatik VI (Prof. Dr. Frank Puppe) und Lebensmittelchemie (Prof. Dr. Peter Schreier).
Im Themenblock "Neurogenetik" analysieren die Wissenschaftler Gehirnstrukturen und ihre verhaltensrelevanten Funktionen. Sie kooperieren eng mit ihren Kollegen, die im Block "Gehirn und Verhalten" drei große Bereiche bearbeiten: die Neuroethologie der Geruchswahrnehmung, die zentralnervöse Kontrolle des Laufverhaltens sowie Gehirnstrukturen, die für Lernen und Gedächtnis bei der räumlichen Orientierung verantwortlich sind.

Drei weitere Blöcke befassen sich mit den Themen "Sexualverhalten und sexuelle Selektion", "Soziale Organisation und Kommunikation" sowie "Furagieren und Kommunikation". Sie alle sollen dazu beitragen, die Evolution und ökologische Anpassung komplexer Verhaltensweisen besser zu verstehen. Diese drei Ansätze sollen entscheidend von den Möglichkeiten der so genannten Multiagentensimulation profitieren: Mit ihr lassen sich zum Beispiel die Faktoren ergründen, die für die Evolution von der vereinzelten hin zur sozialen Lebensweise entscheidend sind. Das entsprechende Fachwissen wird eingebracht vom Lehrstuhl für Informatik VI.

Die am SFB beteiligten Botaniker befassen sich schwerpunktmäßig mit der Funktion von Wachsschichten als Barrieren und als Vermittler bei Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren. Damit können sie ideal an die zoologischen Arbeiten anknüpfen, denn auch die Körperoberfläche der Insekten ist mit Wachsen beschichtet. In jüngerer Zeit hat sich herausgestellt, dass Insekten die Zusammensetzung dieser Wachsgemische verändern können und dass diese Schichten Signalfunktionen für die Tiere haben. Wachse, aus denen die Waben des Bienennestes gebaut sind, spielen auch bei der Kommunikation der Honigbienen eine Rolle.

Der Lehrstuhl für Lebensmittelchemie befasst sich mit der Chemie von aromatischen Verbindungen. Folglich interessiert sich diese Forschungsgruppe besonders stark für die Düfte und Duftsignale, die von Pflanzen und Insekten abgegeben werden. Auf chemischen Signalen gründet zudem auch ein großer Teil der Kommunikation beim Sexual- und Sozialverhalten.

Zum wissenschaftlichen Programm tragen außerdem zahlreiche weitere Kooperationen mit Einrichtungen bei, die nicht unmittelbar am SFB 554 beteiligt sind, etwa die Lehrstühle für Zoologie I (Zell- und Entwicklungsbiologie), Botanik I (Molekulare Pflanzenphysiologie und Biophysik), Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie sowie die Institute für Humangenetik und Biochemie ebenso wie die Abteilung für Biochemie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Bert Hölldobler, T (0931) 888-4308, Fax (0931) 888-4309, E-Mail: bert.hoelldobler@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich |

Weitere Berichte zu: Genetik Insekt Verhaltensforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index
21.08.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht Fernerkundung für den Naturschutz
17.08.2017 | Hochschule München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

22.08.2017 | Physik Astronomie

Forscher beschreiben neuartigen Antikörper als möglichen Wirkstoff gegen Alzheimer

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Virus mit Eierschale

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie