Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimaschutz ist Artenschutz

16.05.2008
Der Klimawandel gefährdet die natürliche Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die Biodiversität der Erde.

Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) weisen im Vorfeld der UN-Biodiversitätskonferenz in Bonn darauf hin, dass Klima- und Artenschutz eng zusammenhängen. Die Klimarahmenkonvention umzusetzen ist notwendig, um viele Lebensräume und ihre Funktionen für den Menschen zu bewahren. Biodiversität zu schützen wird uns helfen, uns an den Klimawandel anzupassen, Klimafolgen abzumildern und Optionen für die Zukunft zu erhalten.

Der Mensch beansprucht weltweit zunehmend Lebensraum. Im Jahr 2000 hat die Menschheit rund ein Viertel der weltweiten Netto-Produktion von Biomasse geerntet, verbrannt oder ihr Wachstum durch die veränderte Landnutzung verhindert. Wo natürliche Vegetation Ackerland, Städten oder Straßen weichen musste, wie im dicht besiedelten Europa und nun in vielen Tropenwaldgebieten, und wo Gewässer intensiv genutzt werden, ist das Überleben vieler Arten gefährdet. „Der Klimawandel wird diese Situation verschärfen, indem er die Verbreitungsgebiete vieler Pflanzen und Tiere weiter einschränkt und natürliche Prozesse in den Lebensräumen stört“, sagt Wolfgang Cramer, Leiter des PIK-Forschungsbereichs „Erdsystemanalyse“. Global sind vor allem arktische Lebensräume und Küstenökosysteme wie Korallenriffe und Mangrovenwälder bedroht. Neben „Hotspots“, meist tropischen Lebensräumen mit reicher Artenfülle, sind auch Kulturlandschaften als wertvolle Reservoirs der Biodiversität durch den Klimawandel gefährdet.

Computersimulationen des PIK für den vierten Sachstandsbericht des UN-Klimarates IPCC zeigen, dass der Klimawandel fast alle Ökosysteme der Erde großräumig verändern wird. In weite Bereiche der baumlosen Tundra dringt Wald vor, während sich die Waldzone vom südlichen Rand her aufgrund zunehmender Trockenheit auflockert. In Mischwäldern nehmen Laubbäume gegenüber Nadelbäumen zu. Trockenheit verändert die Ökosysteme des südlichen Afrikas und könnte auch südamerikanische Regenwaldgebiete gefährden. „Der Druck auf die Ökosysteme der Erde nimmt dramatische Ausmaße an, wenn nicht klug umgesteuert wird“, sagt Wolfgang Lucht, Leiter des PIK-Forschungsbereichs „Klimawirkung und Vulnerabilität“. Wenn die Ökosysteme durch die Landnutzung auf inselartige Schutzgebiete zurückgedrängt werden, können sie bei raschem Klimawandel nicht mehr „ausweichen“ und an anderer Stelle neu entstehen. „Auch daher ist es so wichtig, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen“, sagt Lucht.

„In Deutschland sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität bislang weniger dramatisch“, sagt Katrin Vohland, die am PIK gemeinsam mit Wolfgang Cramer das Projekt „Biodiversität und Vulnerabilität von Ökosystemleistungen“ leitet. Dieses Projekt untersucht wie Klima- und Landnutzungswandel auf regionale Ökosysteme wirken und welche Handlungsoptionen zur Anpassung bestehen. In einigen Regionen Deutschlands nimmt Trockenheit zu und gefährdet Feuchtgebiete. Zudem schwinden an kältere Bedingungen angepasste Arten, wie etwa alpine Pflanzen oder von der vergangenen Eiszeit übrig gebliebene Vorkommen einzelner Arten. Wärmeliebende Pflanzen und Tiere wie etwa Libellen und Schmetterlinge aus dem Mittelmeerraum wandern dagegen nordwärts, sodass die Artenzahlen in einigen Gebieten zunehmen. Schreitet der Klimawandel aber ungebremst fort, wird langfristig der Verlust von Biodiversität und ihren Funktionen überwiegen, da sich das Klima schneller verändern würde, als Arten ihr Verbreitungsgebiet anpassen könnten.

Die größte direkte Gefährdung der Biodiversität ist jedoch die Landnutzung durch den Menschen. Bei einem weiteren Bevölkerungswachstum um zwei Milliarden Menschen bis 2050 werden noch mehr Flächen beansprucht werden. Die Landwirtschaft wird zudem weiter intensiviert werden, um die Ernährung zu sichern. Die Nachfrage nach Agrargütern und Naturprodukten wird vor allem in den Zentren wirtschaftlichen Wachstums überproportional steigen. „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Landnutzung weltweit koordiniert werden muss, damit das Dreieck aus Naturschutz, Nahrungsmittelproduktion und künftigem Bioenergieanbau nicht instabil wird“, sagt Lucht. Marktmechanismen allein würden dafür nicht ausreichen. Die Computersimulationen zum verbleibenden Platz für Bioenergie-Plantagen zeigen, dass bei strengen Schutzmaßnahmen 10 bis 15 Prozent des heutigen globalen Primärenergiebedarfs umweltverträglich aus Biomasse gewonnen werden könnten.

Die Organisationen der internationalen Staatengemeinschaft müssen entschlossen handeln, um den Klimawandel und den Verlust von Biodiversität zu begrenzen. Dies sollte auf der Basis erdsystemanalytischer Wissenschaft geschehen, die alle relevanten Faktoren im Zusammenhang betrachtet: Natur- und Umweltschutz, Demographie, Technologie, Ernährungssicherung, Energieproduktion und das Klima.

Das PIK untersucht gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern die Risiken des Klimawandels für Naturschutzziele: Im Rahmen eines vom Bundesamt für Naturschutz finanzierten Verbundprojekts für Naturschutzgebiete in Deutschland und im Projekt „ALARM“ für die Europäische Union. Ziel der Untersuchungen sind Anpassungsstrategien für Schutzkonzepte wie das pan-europäische Naturschutznetzwerk Natura 2000. International unterstützt das PIK strategische Überlegungen zu Kompensationsprogrammen für vermiedene Entwaldung, insbesondere in tropischen Ländern (REDD). In der Leibniz-Gemeinschaft, zu der das PIK gehört, werden in den Großprojekten „Biosphäre und Gesellschaft“ sowie „BioEnergyPlanet“ Veränderungen der Lebensräume der Erde durch den Klimawandel und die zunehmende Landnutzung untersucht.

Uta Pohlmann | PIK Potsdam
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de
http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen

Weitere Berichte zu: Biodiversität Klimawandel Landnutzung Ökosystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie