Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Badestrände bringen Nahrungskette in den Seen durcheinander

18.08.2011
Von Menschen veränderte Ufer sind mitverantwortlich für den schlechten ökologischen Zustand von Gewässern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie an drei norddeutschen Seen, bei der Wissenschaftler natürliche Ufer mit verbauten Ufern verglichen hatten.

Dabei zeigte sich, dass an Seen mit großen Badestränden das Nahrungsnetz regelrecht verkümmert war. Dort fanden die Wissenschaftler wesentlich weniger Kleintiere vor als in Seen mit natürlichen Ufern. Der Schutz der Seeufer sollte sich auf die Erhaltung der natürlichen Strukturen konzentrieren.

Zudem könnte die Wiederherstellung von Totholz-, Schilf- und Wurzellebensräumen eine kostengünstige Maßnahme sein, um die ökologische Qualität der Ufer zu verbessern, schreiben die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der brasilianischen Bundesuniversität von Sao Joao del-Rei im Fachmagazin Journal of Applied Ecology.

Die Uferzone von Seen unterliegt weltweit zunehmend Nutzungen, die zu deutlichen Veränderungen der Wasserqualität, der Uferstruktur und des Wasserstandes führen können. Die ökologischen Auswirkungen verschiedener Ufernutzungen sind jedoch bisher kaum beziffert worden, da vor allem die wirbellosen Kleinlebewesen im Flachwasserbereich (Makrozoobenthos) wenig untersucht wurden. „Daher fehlte bisher ein Verständnis dafür, in welchem Umfang sich vom Menschen verursachte Veränderungen der Uferstruktur auf die Struktur der Nahrungsnetze im Gewässer und den Anfang der Nahrungskette auswirken“, erklärt Dr. Mario Brauns vom UFZ. Er und seine früheren Kollegen vom IGB haben deshalb mithilfe von stabilen Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen analysiert, wer wen im See frisst und wie kompliziert diese Nahrungsketten aufgebaut sind. Unter die Lupe genommen wurden dabei drei Seen aus dem norddeutschen Tiefland: der Grienericksee bei Rheinsberg und der Unterruckersee bei Prenzlau im nördlichen Brandenburg sowie der Lange See in Berlin-Köpenick. Alle drei Seen haben sowohl natürliche Ufer als auch mit Spundwänden verbaute Ufer und Badestrände.

Hier zeigte sich, dass das Fehlen von Habitaten wie Totholz und Wurzeln an Spundwänden und Badestellen neben einer signifikant geringeren Artenzahl des Makrozoobenthos auch zu einer deutlich geringeren Anzahl an Nahrungsquellen führte. Dies hatte den Verlust der Verbindungen zwischen Nahrungsquellen und Konsumenten zur Folge, so dass die Komplexität des Nahrungsnetzes an stark degradierten Ufern bis zu vierfach geringer war als an natürlichen Ufern. „Gleichzeitig waren Falllaub und Biofilme für das Nahrungsnetz an natürlichen Ufern wichtiger als an degradierten Ufern.

„Mit dieser Arbeit konnte gezeigt werden, dass die Zusammensetzung der Kleinlebewesen im Flachbereich von Tieflandseen überwiegend von der Uferstruktur geprägt ist“, fasst Dr. Martin Pusch vom IGB zusammen. Aufgrund dieser starken Abhängigkeit führen Nutzungen der Uferbereiche durch den Menschen zu einer deutlichen Reduktion der Artenzahl, erheblichen Veränderungen der Artenzusammensetzung des Makrozoobenthos sowie zu Veränderungen in der Struktur und Basis des Nahrungsnetzes im See. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines wissenschaftlich fundierten Verfahrens zur Bewertung der derzeitigen Beeinträchtigungen von Uferzonen durch menschliche Nutzungen.

„Unsere Ergebnisse bieten auch einen ersten Ansatz für kostengünstige Wiederherstellungsmaßnahmen: Spundwände, die an Seeufern zum Schutz vor Erosion errichtet worden sind, könnten etwa durch besser angepasste Pfostenpalisaden ersetzt werden. Solche Maßnahmen wurden zum Beispiel am Bodensee erfolgreich umgesetzt, wo Doppelpalisaden aus Pfosten den Schilfgürtel vor Erosion schützen“, berichten Dr. Brauns und Dr. Pusch. Daran, dass die Kommunen Badestrände zurückbauen, glauben die Forscher nicht. Aber sie appellieren, deren Ausdehnung zu beschränken, um die ökologischen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Publikation:
Mario Brauns, Björn Gücker, Carola Wagner, Xavier-F. Garcia, Norbert Walz, Martin T. Pusch (2011): Human lakeshore development alters the structure and trophic basis of littoral food webs. Journal of Applied Ecology, Volume 48, Issue 4, pages 916–925, August 2011.

DOI: 10.1111/j.1365-2664.2011.02007.x

http://dx.doi.org/10.1111/j.1365-2664.2011.02007.x

Die Studie wurde durch ein Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin (NaFöG) und die FAZIT-Stiftung gefördert.

Kontakt:
Dr. Mario Brauns, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ),
Standort Magdeburg,
Telefon: 0391-810-9222
Dr. Martin Pusch,
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Telefon: 030-64181-685

Christine Vollgraf | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de
http://dx.doi.org/10.1111/j.1365-2664.2011.02007.x

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Paradiese in Gefahr: Bayreuther Studierende forschen auf den Malediven zu Plastikmüll in den Meeren
13.04.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ozeanversauerung: Wie individuell sind die Reaktionen?
06.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten