Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alpine Pflanzen durch Klonung unsterblich

02.04.2009
Klimawandel und Mensch bedroht hohe Vielfalt der Gebirgsflora

Alpine Pflanzen leisten einen überraschend hohen Beitrag zur gesamten biologischen Vielfalt und können mehrere Jahrhunderte alt werden. Das berichtet das Buch "The Biology of Alpine Habitats", das soeben im Verlag der Oxford University Press erschienen ist.

Es bietet erstmals fundierten Einblick in den aktuellen Wissensstand über weltweite alpine Lebensräume. "Das Buch wurde für die internationale Fachwelt der Ökologen sowie für interessierte Laien geschrieben", betont der Autor Georg Grabherr, Leiter des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien im pressetext-Interview. Ein Schwerpunkt des Werks ist die Gefährdung der biologischen Vielfalt durch den Klimawandel.

Hochgebirgsregionen verfügen trotz ihrer kargen Lebensumstände über eine hohe biologische Vielfalt. Jede fünfte der 11.000 verschiedenen Blütenpflanzen Europas lebt an oder oberhalb der Waldgrenze, wobei die höchste Diversität in den Alpen, in den Pyrenäen sowie im Kaukasus festzustellen ist. Dieser hohe Artenreichtum beruht einerseits auf der geringen Umgestaltung der Gebirgsregionen durch den Menschen, andererseits auf dem hohen Anpassungspotenzial der Pflanzen. "Außer den Bäumen können in den hohen Regionen praktisch alle Pflanzengruppen existieren", so Grabherr. Einige der Pflanzen seien so robust, dass ihre größte Bedrohung die Zerstörung durch Planierraupen darstellt, während sie der Klimawandel kaum berührt. "Teilweise haben sie ein so hohes Alter, dass sie bereits mehrere Klimaschwankungen überdauert haben", so der Ökologe.

Das hohe Alter bestimmter Gebirgspflanzen ist eine der überraschendsten Erkenntnisse, die das Buch beschreibt. "Vor allem die wichtigen Arten, die auf Bergen die Urwiesen bilden, leben durch die Bildung von Klonen praktisch ewig weiter und können so Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren alt werden. Dazu bildet der neu gewachsene Keimling einen Horst und stirbt nach bestimmter Zeit im Zentrum ab, während die Ränder weiterwachsen", so Grabherr. Der Nachweis dafür gelang durch die Beobachtung der horizontalen Ausbreitung von Pflanzen. Als Beispiel führt Grabherr die Krummsegge an, ein ab 2.000 Höhenmetern anzutreffendes Sauergras. "Ihr Wachstum an beiden Rändern beträgt einen Millimeter pro Jahr, somit ist ein Horst von zehn Zentimetern 50 Jahre alt." Bisher habe man 120 Jahre alte Horste dokumentiert, ineinander gewachsene Horste auf den meisten Urwiesen seien jedoch wesentlich älter. "Wüstenpflanzen erreichen durch dieselbe Klon-Strategie übrigens ein Alter von bis zu 11.000 Jahren."

"Das genaue Wissen um die Gebirgspflanzen ist für den Menschen aus mehreren Gründen wichtig", so Grabherr. Einerseits seien sie wichtige Indikatoren für die Reaktion der Natur auf den Klimawandel, da die Hochgebirge zu den Regionen mit den wenigsten menschlichen Einwirkungen zählen, ganz im Gegensatz zum Flachland. "Fünfzig Jahre Ackern mit Gülle bildet für die unmittelbare Natur eine viel stärkere Einflussnahme, als sie jemals ein Klimawandel bewirken kann", so Grabherr. Zweitens könne nur so der drohende Verlust an Biodiversität in Gipfelregionen erkennbar gemacht werden. "In den Australischen Alpen oder in den nördlichen Kalkalpen beträgt die alpine Zone nur 200 Höhenmeter oder weniger, was der Verschiebung der Klimazonen bei nur einem Grad Temperaturunterschied entspricht. Prognosen sprechen jedoch von einer bevorstehenden Klimaerwärmung von drei oder vier Grad."

Die aktuelle globale Erwärmung stellt für Gebirgspflanzen eine Situation dar, die nie zuvor beobachtet wurde, betont Grabherr. "Bisher waren die Auswirkungen von Veränderungen stets lokal begrenzt, etwa infolge der Errichtung von Schipisten am Berg. Nun sind sie jedoch global." Forschungsprojekte wie die in Wien gestartete internationale Initiative GLORIA http://www.gloria.ac.at , deren Leiter und Mitbegründer Grabherr ist, zeigen immer deutlicher, dass bestimmte Kältepflanzen im Gebirge in stets höhere und kühlere Regionen wandern, bis sie keinen Lebensraum mehr finden und aussterben. "Diese Migration ist jedoch ein Prozess, der langsamer als der Klimawandel erfolgt. Für diesen Nachweis braucht es Langzeit-Beobachtungen über viele Jahrzehnte", so der Wiener Ökologe. Befriedigende Konzepte zur Rettung dieser Pflanzen gebe es keine, abgesehen vom Versuch, Samen aller weltweiten Pflanzen in großen Samenbanken zu speichern. Diese Strategie bezeichnet Grabherr als teuer und unsicher, denn niemand könne garantieren, dass die Samen in 50 Jahren noch existieren. "Zudem nützt es der Biodiversität wenig, wenn eine Pflanze in der Samenbank schlummert, jedoch in der Natur bereits ausgestorben ist." Die Vielfalt der alpinen Flora sei so groß, dass ein Überleben nach dem Arche-Noah-Prinzip undenkbar sei, so der Buchautor abschließend zu pressetext.

Johannes Pernsteiner | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at/cvl

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Antarktisches Meereis: mehr Schutz als Vorratskammer für Krilllarven
22.11.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

nachricht Das Schweigen der Hummeln
15.11.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften