Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Welche Schwangere braucht eine Rhesus-Prophylaxe?

21.08.2008
Ein sicherer Test kann Klarheit bringen.

EU-geförderte Studie: Forscher der Universitätsmedizin Göttingen haben Labormethoden getestet, die in der Schwangerschaft das tatsächliche Risiko einer Rhesus-Unverträglichkeit vorhersagen können.

Die Ergebnisse sind jetzt in der online-Ausgabe der renommierten Zeitschrift "TRANSFUSION" erschienen.

Rhesusfaktor D-positiv oder D-negativ - welche Blutgruppe hat mein Kind? Die Antwort auf diese Frage hat für Schwangere mit "Rh-negativ", die selbst keinen Rhesusfaktor D auf den roten Blutkörperchen haben, eine besondere Bedeutung: Hat ihr Kind einen anderen Rhesusfaktor-Status als sie selbst, dann besteht Lebensgefahr für das Kind. Hier hilft eine vorbeugende Behandlung mit einer so genannten Anti-D-Prophylaxe.

In Deutschland wird sie für alle Schwangeren mit dem Rhesusfaktor D-negativ empfohlen. In vielen Fällen könnte jedoch auf eine solche Behandlung verzichtet werden. Voraussetzung ist: Der Rhesusfaktor des kindlichen Blutes müsste sicher vorausgesagt werden können. Eine sehr zuverlässige Methode dafür haben jetzt Prof. Dr. Tobias Legler von der Abteilung Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Göttingen und seine Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit den europäischen Spezialisten im EU-Exzellenzwerk SAFE ("The Special Non-Invasive Advances in Fetal and Neonatal Evaluation Network) gefunden. In der von der EU geförderten Studie kamen sie zu dem Ergebnis: Wenn ein Magnetspitzen-Roboter eingesetzt wird, um die DNA des Feten aus dem Blut der Mutter zu isolieren, dann fallen die Vorhersage-Ergebnisse äußerst zuverlässig aus. In fast allen Rhesus positiven Fällen (Feten) stimmte der so durchgeführte vorgeburtliche Test mit der Untersuchung beim Neugeborenen überein. Die Ergebnisse sind jetzt in der online-Ausgabe der renommierten Zeitschrift "TRANSFUSION" erschienen.

"Wir wollten wissen, mit welcher Sicherheit die Untersuchung fetaler DNA in mütterlichem Blut vorhersagen kann, ob eine Anti-D-Prophylaxe vor der Geburt benötigt wird. Wir wollten auch wissen, wie sicher die jetzige Rhesusfaktor-Bestimmung bei Neugeborenen ist", sagt Prof. Legler. Seine Arbeitsgruppe und Forscherkollegen aus der Abt. Gynäkologie und Geburtshilfe und der Abt. Humangenetik der Universitätsmedizin Göttingen haben 1.113 Blutproben von Schwangeren aus ganz Deutschland untersucht. Für die bisher größte Untersuchung dieser Art in Deutschland verwendeten die Forscher Blutproben, die im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge entnommen wurden.

Das Ergebnis: Die von den Göttinger Forschern untersuchte Methode zur Nukleinsäure-Extraktion ist sehr zuverlässig: In 99,8 Prozent aller Rhesus positiven Fälle stimmte der vorgeburtliche Test mit dem Test beim Neugeborenen überein. Damit ist die Methode vergleichbar gut wie die seit Jahrzehnten etablierte Blutgruppenbestimmung: Nach der Geburt wurden mit der herkömmlichen Blutgruppenbestimmung 99,5 Prozent aller Rh-positiven Fälle korrekt nachgewiesen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: 35 Prozent aller Kinder von Frauen mit Rhesusfaktor D negativ hatten selbst Blut mit Rhesusfaktor D-negativ (Rh-negativ). "Diese Mütter hätten keine Anti-D-Prophylaxe gebraucht", sagt Legler. "Hochgerechnet sind das auf Deutschland bezogen rund 46.000 Frauen pro Jahr, die eine Rhesus-Prophylaxe bekommen, obwohl sie diese nicht benötigen."

Angewandt wird die von den Göttinger Forscher jetzt untersuchte Methode zur Nukleinsäure-Extraktion bereits bei Schwangeren, die nachweisbar Anti-D-Antikörper haben. "Unser Labor an der Universitätsmedizin Göttingen ist das einzige bundesweit, das dieses nicht-invasive Verfahren bei solchen Risiko-Schwangeren routinemäßig durchführt", sagt Professor Legler. "Das untersuchte Nachweisverfahren können wir allerdings noch nicht für alle Schwangeren mit Rhesusfaktor negativ anbieten. Dazu müssten erst die entsprechenden Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen und der Bundesärztekammer angepasst werden."

HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Bei etwa 17 Prozent der Bevölkerung in Deutschland fehlt der Rhesusfaktor D (Rh-Faktor D) auf den roten Blutkörperchen. Diese Blutgruppe wird als "Rh-negativ" bezeichnet. Wird das Immunsystem dieser Menschen mit roten Blutkörperchen konfrontiert, die den Rh-Faktor D tragen (="Rh-positiv") kommt es zu einer Abwehrreaktion. Es werden so genannte Anti-D Antikörper gebildet. Schwerwiegende Komplikationen sind die Folge. Die Gabe von Anti-D Antikörpern (Anti-D-Prophylaxe) nach der Geburt führte seit Ende der 60iger Jahre zu einem deutlichen Rückgang des Krankheitsbildes. Seit Anfang der 90iger Jahre erhält in Deutschland jede Schwangere mit Rhesusfaktor D negativ eine Anti-D-Prophylaxe in der 28. bis 30. Schwangerschaftswoche. Seitdem sank die Zahl der Neugeborenen mit Rhesusunverträglichkeiten weiter ab.

Originalveröffentlichung: "The determination of the fetal D status from maternal plasma for decision on Rh prophylaxis is feasible" by Sina P. Müller, Iris Bartels, Werner Stein, Günther Emons, Kai Gutensohn, Michael Köhler and Tobias J. Legler, Transfusion, August 2008 (Epub ahead of print: http://www3.interscience.wiley.com/journal/121372676/abstract

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität, Abt. Transfusionsmedizin
Prof. Dr. Tobias Legler, Telefon 0551/39-22750, tlegler@med.uni-goettingen.de
Robert-Koch-Straße 40, 37073 Göttingen
Infos zum EU-Exzellenznetzwerk SAFE: http://www.safenoe.org/

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de
http://www.safenoe.org/
http://www3.interscience.wiley.com/journal/121372676/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften