Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verdächtige Fette - Genabschnitte für Herze

05.07.2010
In einer ausgedehnten Studie unter Federführung von Wissenschaftlern der Medizinischen Fakultät Leipzig und des Universitätsklinikums konnte erstmals ein Zusammenhang zwischen bestimmten genetischen Faktoren gezeigt werden, die gleichzeitig den Anteil von pflanzlichen Sterolen im Blut und die koronare Herzerkrankung beeinflussen. Diese Daten sind von Bedeutung, weil pflanzliche Sterole häufig in Lebensmitteln zugesetzt werden. Bei Menschen mit bestimmten genetischen Konstellationen könnte dies negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Wirkungsweise von Phytosterolen

Pflanzliche Sterole (Phytosterole) sind Bestandteil der Zellwand von Pflanzen. Sie kommen in pflanzlichen Fetten oder Ölen vor, wie sie aus Sonnenblumensamen, Weizenkeimen oder Sojabohnen gewonnen werden. Sie sind strukturell dem Cholesterin ähnlich und hemmen seine Aufnahme im Darm.

Aufgrund dieser cholesterinsenkenden Wirkung ist es weit verbreitet, pflanzliche Sterole sogenannten "funktionellen Lebensmitteln" wie Margarine oder Joghurts künstlich zuzusetzen. Der menschliche Organismus verfügt über sehr effiziente Mechanismen, solche für den Stoffwechsel nicht benötigten Stoffe, sofort wieder auszuscheiden.

Ausgangspunkt für die Leipziger Studien

Bekannt ist, dass neben nahrungsbedingten Erhöhungen auch die Genetik eine Rolle spielt. Es ist individuell festgelegt, ob jemand generell zu einem hohen oder niedrigen Sterolspiegel im Blut neigt, ähnlich wie bei Cholesterin. Bislang konnte man auf dem DNA-Strang jedoch noch nicht den verantwortlichen Abschnitt lokalisieren, der für die unterschiedliche Ausprägung verantwortlich ist.

Ziel der Studie unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Thiery und Prof. Dr. Daniel Teupser war außerdem die Frage, ob genetische Unterschiede bei der Sterolregulation einen Einfluss auf das Risiko von Herzgefäßerkrankungen haben.

Verlauf der Studie

Zunächst wurden über 4.000 Blutproben untersucht. Bei jeder dieser Proben wurden 500.000 der häufigen Genvarianten bestimmt und geprüft, welche für einen hohen oder niedrigen Sterolspiegel stehen. Dadurch fanden die Forscher drei voneinander unabhängige Genabschnitte, die etwa 10% der unterschiedlichen Sterolspiegel erklärten.

In einem nächsten Schritt wurde untersucht, ob die gefundenen Genabschnitte einen Einfluss auf die koronare Herzerkrankung haben. Dafür wurde die Studie auf 27.000 Patientenproben ausgedehnt, darunter Proben aus der Leipziger Herzstudie. Besonders hervorzuheben, die Proben stammen je zur Hälfte von Herzerkrankten und Gesunden. Die Untersuchungen wurden in enger Kooperation mit Wissenschaftlern der Universitäten Lübeck, Regensburg, München und Erlangen durchgeführt sowie mit Kooperationspartnern in Großbritannien und Frankreich.

Die Ergebnisse zeigten, dass alle drei Genabschnitte tatsächlich einen Effekt auf das Risiko der koronaren Herzerkrankung hatten. Zwei der Genabschnitte lagen in einem bekannten Lipidtransferprotein (ABCG8), der dritte Genabschnitt in dem für die Blutgruppe verantwortlichen Gen AB0. Letzterer war ein unerwarteter und für die Wissenschaft völlig neuer Befund. Demzufolge neigen Träger der Blutgruppen A, B und AB zu höheren Sterolspiegeln und gleichzeitig zu einem höheren Risiko für eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Dagegen ist Blutgruppe 0 besonders geschützt vor einem hohen Sterolsoiegel ebenso wie Herzgefäßerkrankungen.

Relevanz der Befunde

Prof. Dr. Daniel Teupser, Professor für Klinische Chemie und Funktionelle Genetik, fasst zusammen: "Durch die aufwendigen Leipziger Forschungen konnte erstmals eine direkte Verbindung zwischen den für den Transport pflanzlicher Sterole wesentlichen Lipidgenen und der koronaren Herzerkrankung gezeigt werden. Menschen mit einer bestimmten genetischen Variante scheiden Phytosterole schlechter aus, haben dadurch einen höhere Sterolspiegel und somit ein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dieser Befund steht im Widerspruch zu den Empfehlungen medizinischer Fachgesellschaften, die eine Nahrungsmittelergänzung mit pflanzlichen Sterolen befürworten."

Prof. Dr. Joachim Thiery, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik, ergänzt: "Die Veröffentlichung ist seit über einem Jahr durch einen außergewöhnlich harten Prüfungsprozess gelaufen, was Rückschlüsse auf die Brisanz des Themas zulässt. Aufgrund der Forschungsergebnisse kann die weit verbreitete Auffassung, dass Produkte mit Ersatzstoffen für tierische Fette grundsätzlich gesundheitsfördernd sind, nicht mehr aufrecht erhalten werden. Für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung sind sie sogar als schädlich einzustufen. Die gefundenen Zusammenhänge bedürfen nun einer tiefer gehenden Funktionsaufklärung, die in Leipzig jetzt im Rahmen der Landesexzellenzinitiative LIFE stattfinden wird."

Ob jemand zur Risikogruppe gehört und die entsprechende Variante in sich trägt, ist durch einen genetischen Test herauszufinden, der jedoch bis jetzt nicht allgemein verfügbar ist. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte deshalb bei Lebensmitteln mit Phytosterolzusätzen zurückhaltend sein.

Fachveröffentlichung: "Genetische Regulation der Blutspiegel pflanzlicher Sterole und die Assoziation genetischer Varianten des Sterolstoffwechsels mit der koronaren Herzerkrankung" Link:

http://circgenetics.ahajournals.org/cgi/content/abstract/CIRCGENETICS.109.907873v1?papeto

Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Daniel Teupser
Telefon: +49 341 97-22413
E-Mail: daniel.teupser@medizin.uni-leipzig.de

Prof. Dr. Joachim Thiery
Telefon: +49 341 97-22200
E-Mail: thiery@medizin.uni-leipzig.de

Diana Smikalla | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/ILM

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise