Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tropenkrankheit: Neue Behandlung in Sicht

23.02.2009
Zu den wohl furchtbarsten Plagen in Afrika gehört der Buruli-Ulkus.

Diese Krankheit sucht besonders die Armen in den ländlichen Regionen heim und trifft häufig Kinder. Die Betroffenen leiden unter großflächigen Hautgeschwüren, die oft zu Entstellungen führen. Hoffnung gibt nun eine neue Behandlungsmethode, die Wissenschaftler aus Würzburg mitentwickelt haben.

Auslöser des Buruli-Ulkus ist ein Verwandter des Lepra-Erregers, das so genannte Mycobakterium ulcerans. Es nistet sich in der Haut des Menschen ein und verursacht dann die schlimmen Geschwüre. Die neue Behandlungsmethode nutzt einen großen Schwachpunkt der Erreger aus: Die sterben ab, wenn sie für längere Zeit einer höheren Temperatur ausgesetzt sind.

Wärme tötet Erreger ab

Um die Bakterien zu bekämpfen, benutzen die Wissenschaftler Wärmepakete - vergleichbar mit den kleinen Kissen, die im Winter die Hände in der Manteltasche so schön warm halten. In einer ersten Studie bekamen sechs Buruli-Patienten mehrere Wochen lang Verbände mit solchen Wärmepaketen aufgelegt, drei Mal am Tag wurde gewechselt.

Auf der Hautoberfläche sorgten die Wärmepakete für etwa 40 Grad Celsius - eine Temperatur, die die Bakterien ausreichend schädigt, die Patienten aber nicht belastet. Die Ergebnisse waren überzeugend: Alle Geschwüre heilten, Rückfälle gab es in den ersten 18 Monaten nach dem Abschluss der Behandlung bislang nicht.

Ergebnis in der PLoS veröffentlicht

Über diesen Erfolg berichten Privatdozent Thomas Junghanss und seine Arbeitsgruppe vom Universitätsklinikum Heidelberg mit ihren Partnern aus Würzburg, der Schweiz und Kamerun in der Zeitschrift Neglected Tropical Diseases, die in der Public Library of Science (PLoS) erscheint.

Mehrere Partner am Erfolg beteiligt

Neben den Heidelbergern waren beteiligt: Professor Gerd Pluschke und Daniela Schütte vom Schweizerischen Tropeninstitut in Basel, Alphonse Um Book und sein Team von Leprosy Relief Emmaus-Switzerland, Regionalbüro für Afrika in Yaoundé (Kamerun).

Mit im Team waren vom Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE Bayern) in Würzburg die Physiker Helmut Weinläder und Stefan Braxmeier sowie der Ingenieur Dr. Martin Hellmann, der mittlerweile in Kassel tätig ist. Das ZAE kooperiert eng mit der Universität Würzburg; sein wissenschaftlicher Leiter Professor Vladimir Dyakonov ist zugleich Inhaber eines Lehrstuhls für Physik.

Was die Würzburger beigetragen haben

Gefüllt sind die Wärmepakete, die zur Behandlung des Buruli-Ulkus verwendet werden, mit einem Latentwärmespeicher-Material. In Fachkreisen wird es phase change material (PCM) genannt. Auf diesem Gebiet forschen Helmut Weinläder und Stefan Braxmeier am ZAE Bayern, das auf dem Campus der Würzburger Universität angesiedelt ist.

"Wir haben uns um die thermischen Eigenschaften des Verbandes gekümmert", sagt Helmut Weinläder. Er erklärt, wie raffiniert die Wärmepakete funktionieren: Zuerst müssen sie "aufgeladen" werden - ganz einfach, indem man sie in kochendes Wasser legt. Danach lassen sich die Pakete bis auf Raumtemperatur abkühlen, wobei ihre Füllung nicht wieder fest wird, sondern flüssig bleibt.

Sobald die Pakete gebraucht werden, lassen sie sich über einen Starterknopf aktivieren: "Dadurch bildet sich ein Kristallistationskeim, die Flüssigkeit wird langsam fest und gibt dabei Wärme ab", sagt der Würzburger Energieforscher.

Wie die Forschung weitergeht

Die Volkswagen-Stiftung hat die ersten Studien unterstützt. Nachdem diese derart ermutigende Ergebnisse geliefert haben, fördert die Stiftung nun auch die weiteren Arbeiten der Gruppe mit rund 900.000 Euro.

Was es als nächstes zu tun gibt? Die Wissenschaftler müssen ihre Methode an einer größeren Zahl von Patienten erproben und die Funktionsmechanismen im Detail erforschen. Unter anderem sind genaue Schemata für die Wärmedosierung zu entwickeln und den verschiedenen Stadien der Krankheit anzupassen. Außerdem wird es darum gehen, Mediziner und klinisch tätiges Personal in Afrika auszubilden und die erforderliche Labordiagnostik in ländlichen Regionen einzurichten.

Nachteile der bisherigen Therapie

Die bisherige Standardbehandlung des Buruli-Ulkus besteht in der chirurgischen Entfernung der befallenen Gewebepartien mit einer anschließenden Hauttransplantation. Das ist teuer, risikoreich und geht mit hohen Rückfallquoten einher.

Der Einsatz von Antibiotika wurde immer wieder erwogen. Die über mehrere Wochen erforderliche tägliche Spritze bringt jedoch ebenso Probleme mit sich; beispielsweise können sich dadurch bei den Erregern Resistenzen entwickeln. Mit der Wärme-Methode dagegen könne erstmals eine einfache und kostengünstige Behandlung etabliert werden, die gerade in den betroffenen ländlichen Regionen gut einsetzbar wäre, schreibt die Volkswagen-Stiftung in einer Pressemitteilung.

T. Junghanss, A. um Boock, M. Vogel, D. Schütte, H. Weinläder, G. Pluschke: "Phase change material for thermotherapy of Buruli ulcer: a prospective observational single centre proof-of-principle trial", 17. Februar 2009, PLoS Negl Trop Dis 3(2): e380. doi:10.1371/journal.pntd.0000380

Ansprechpartner:
PD Dr. Thomas Junghanss, Universitätsklinikum Heidelberg, T (0237)-9042341, Thomas.Junghanss@urz.uni-heidelberg.de

Dr. Helmut Weinläder, Bayerisches Zentrum für Angewandte Energieforschung e.V., Würzburg, T (0931) 7056448, weinlaeder@zae.uni-wuerzburg.de

Links
Der Originalartikel auf PLoS:
http://www.plosntds.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pntd.0000380
Presseinformation der Volkswagen-Stiftung:
http://www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20090217

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CAST-Projekt setzt Dunkler Materie neue Grenzen

23.05.2017 | Physik Astronomie

Heiße Materialien: Fachartikel zum pyroelektrischen Koeffizienten

23.05.2017 | Physik Astronomie