Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Taube sehen besser, Blinde tasten besser

16.11.2010
Ausfall eines Sinnes wird von anderer Fähigkeit kompensiert

Der Ausfall eines Sinnes bei Menschen wird durch einen anderen Sinn teilweise kompensiert. Das beweisen zwei aktuelle Studien bei Gehörlosen und Blinden. Taube sehen besser und können auf Objekte am Rand ihres Sehfeldes weit schneller reagieren als Hörende. Blinde übertreffen Sehende hingegen deutlich in der Fähigkeit, Dinge zu ertasten.

Gehörlose holen Sehrückstand auf

Für die erste Studie, die Forscher der University of Sheffield in der Zeitschrift "Development Science" veröffentlichten, wurden gehörlose und hörende Kinder verschiedenen Alters vor eine mit 96 kleinen Lichtern ausgestattete Halbkugel gesetzt. Sie sollten sich auf einen Ring im Zentrum konzentrieren, in dem zugleich eine Kamera zur Augenbeobachtung installiert war. Die Lichter leuchteten nach dem Zufallsprinzip kurz auf und die Aufgabe lautete, mit einem Joystick möglichst schnell deren Position anzugeben.

Der Text offenbarte deutliche Altersunterschiede. Taubgeborene Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren reagierten langsamer als sehende Gleichaltrige, Elf- bis Zwölfjährige lagen gleichauf. Im Jugend- und Erwachsenenalter waren die Gehörlosen den Hörenden in der Reaktionszeit eindeutig überlegen. Das deutet laut der Studienleiterin Charlotte Codina auf eine besondere Reifung des Sehens bei Gehörlosen. "Eltern gehörloser Kinder sollten jedoch auch wissen, dass die Reaktionszeit bei Gehörlosen Kindern etwa im Straßenverkehr länger ist", so die Forscherin.

Vorteil für bestimmte Berufen

Für erwachsene Gehörlose könnte dies jedoch auch Vorteile bedeuten, etwa in Berufen, in denen schnell auf Situationen reagieren muss oder viele Aktivitäten abdeckt. Codina nennt Schiedsrichter, Lehrer oder die Videoüberwachung als Beispiele. Wolfgang Gams vom österreichischen Gehörlosenbund http://www.oeglb.at ergänzt, dass in einer ganzen Reihe von Berufen die visuelle Wahrnehmung besonders entscheiden. "Das ist zum Beispiel in der Architektur, darstellenden Kunst, Bildhauerei, Malerei, Theater, Film, Video, Regie, Schauspiel und in der Moderation, aber auch in Pädagogik und in der Gebärdensprache der Fall", so der Experte gegenüber pressetext.

Sehsinn und visuelle Wahrnehmung sind bei Menschen ohne intaktem Hörsinn allgemein intensiver, betont Gams. "Die Augen werden kaum von Höreindrücken gestört oder abgelenkt, was bei der Wahrnehmung durchaus ein Vorteil sein kann." Zurück gehen dürfte dies auf die Lernentwicklung und Umbildung des Gehirns. "Man darf aber nicht vergessen, dass Gehörlose auch sehr gut spüren und Situationen erfassen können, ohne Inhalte zu hören."

Blindgeborene sind Meister der Blindenschrift

Erst vor wenigen Wochen präsentierten Forscher um den Kanadier Daniel Goldreich von der McMaster University http://www.mcmaster.ca ein sehr ähnliches Ergebnis, allerdings bei Blindgeborenen. Laut ihrer Studie, die im "Journal of Neuroscience" veröffentlicht wurde, verarbeiten Blinde haptische Informationen - also jene des Tastsinns - deutlich schneller als Sehende oder Personen, die das Augenlicht erst später verloren haben. Wer von Geburt an blind ist, ertastet daher Blindenschrift am besten.

Die Wissenschaftler um liefern dafür zwei mögliche Erklärungen. Entweder hat das lebenslange Erlernen von Blindenschrift die Sensibilität deutlich erhöht - oder das Gehirn nutzt Teile des Sehzentrums, um Informationen von anderen Sinnen zu verarbeiten.

Johannes Pernsteiner | pressetext.redaktion
Weitere Informationen:
http://www.oeglb.at
http://www.mcmaster.ca

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften