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Studienergebnisse: bessere Aufklärung der Bürger über Apparatemedizin in Deutschland

20.01.2011
Alle Menschen wollen, wenn es darauf ankommt, fortschrittliche Medizin und diese ist heute auch technikbasiert. Zwei Drittel der Bürger fühlen sich jedoch über Möglichkeiten der apparativen Medizin unterinformiert.

Mit dem Bildungsgrad steigt die Informationsnachfrage der Bürger zur bestmöglichen Apparatemedizin. Der Innovationstransfer von fortschrittlicher Apparatemedizin in die ärztliche Praxis, möglichst ohne Barrieren, braucht künftig auch aktiv nachfragende Bürger. Zu diesen Trendaussagen und zu Lösungsvorschlägen für die Stärkung des Verbraucherschutzes aus Sicht der Gesundheitsbürger, kommt eine neue Grundlagenstudie der Hochschule Augsburg, die soeben vorgelegt wurde.

Ermöglicht wurde das wissenschaftliche Hochschul-Projekt durch Siemens Deutschland, Sector Healthcare. Gemeinsam mit einem Team von 21 Studierenden analysierte der Augsburger Marketingdozent und Gesundheitsexperte Prof. Dr. Gerhard F. Riegl von Oktober bis Dezember 2010 Aussagen aus schriftlichen Befragungen von 1.043 erwachsenen Bundesbürgern. Davon ordneten sich nach eigenen Angaben 38 % als gesund und 60 % als krank ein. Ziel dieses Kommunikationsforschungsprojekts ist die Förderung des souveränen Bürgers für künftige Mitverantwortung, speziell auf dem Gebiet der apparativen Medizin und insbesondere in der Prävention. Untersuchungen dieser Art sind auch ein Beitrag zur viel propagierten besseren „Mensch-Technik-Kooperation“ am Beispiel des Gesundheitssektors. Dies steht auch hoch favorisiert auf der Agenda des Bundesforschungsministeriums.

Hohe Motivation zur Gesundheitsinformation in der Bevölkerung

Interesse an Gesundheitsthemen besteht bei 86 % der Bürger. Spezielle Themen zu Möglichkeiten von medizinischen Apparaten stehen dem mit 72 % Interesse in der Bevölkerung kaum nach. Menschen, die häufiger mit apparativer Medizin zu tun haben, steigern ihr Interesse sogar auf 80 %. Insgesamt fühlen sich jedoch 68 % der Menschen heute nicht genug über medizinische Apparate informiert. Dieses Informationsdefizit und die Intransparenz machen Patienten unsicher, verhindern Gespräche mit Ärzten auf Augenhöhe. Inanspruchnahmen von Vorsorgeuntersuchungen könnten auf die leichte Schulter genommen werden, zum Beispiel bei der Vorsorge für Männer.

Verständnis zur Diagnostik kommt noch vor dem Verständnis zur Medikation

Von der EU wird eine offenere Information der Bürger über verschreibungspflichtige Arzneimittel gefordert. Nicht weniger wichtiger ist jedoch der barrierefreie Zugang zu Leistungs- und Qualitätsmerkmalen der apparativen Medizin, die mit ihren Diagnosen den Verordnungen in der Regel voraus geht.

Orientierungsbedarf für Bürger im Gesundheits-Dschungel

Wenn es um Gesundheitsthemen geht, hat jeder Erwachsene im Schnitt 1,8 persönliche Informationsgeber und im Schnitt 2,0 mediale Quellen. Menschen unter 50 Jahre nutzen generell mehr Informationskanäle als ältere. Der meistgenannte persönliche Informationsgeber bei Gesundheitsthemen ist für 86 % immer noch der Arzt, danach folgen für 48 % Freunde und Verwandte. Bei den Medien sind die drei meist genannten Gesundheitsinformationsquellen: Zeitungen und Zeitschriften mit 62 %, an zweiter Stelle bereits das Internet mit 59 % und an dritter Stelle TV/Radio mit 46 %. Gesunde Bürger gehen 38 % mehr ins Internet zur Klärung ihrer Gesundheitsfragen als Kranke. Dafür nutzen Kranke deutlich mehr die klassischen Medien wie Zeitschriften, Zeitungen und TV/Radio.

Mitverantwortung der Bürger bringt Nachfragen

Drei Hauptthemen bewegen die Bürger, wenn es um ihre Gesundheit geht: Aufklärung zur Prävention und Früherkennung mit 67 %, konkrete Informationen zur Behandlung spezieller Krankheitsbilder mit 70% und die Funktionsweisen medizinischer Apparate (zum Beispiel Ultraschall, CT, Röntgen) mit 28%. Während sich Frauen am stärksten für Prävention interessieren, suchen Männer deutlich stärker nach Informationen zu speziellen Behandlungsmöglichkeiten oder zur Funktionsweise medizinischer Apparate.

Sensibilisierung der Bürger durch eigene Erfahrungswerte

Nach den Erkenntnissen der Studie sind Wissensstand und Informationsinteressen, speziell zu Apparatemedizinthemen, sehr stark abhängig von früheren Berührungen mit medizinischen Apparaten. Die meisten Erfahrungen sammeln die Bürger auf dem Gebiet der Apparatemedizin bei Fachärzten mit 87 %. Überraschend hoch sind mit 73 % apparative Erfahrungswerte in der Bevölkerung aus dem Krankenhaus. Bereits an dritter Stelle stehen Apparateerfahrungen beim Zahnarzt mit 67 %, noch vor dem Hausarzt mit nur 52 %.

Nachfrage-Impulse durch Kontakte mit der Medizin-Technik

Bezogen auf spezielle medizinische Apparate sammelten 95 % der Männer und Frauen ihre häufigsten Apparateerfahrungen mit Röntgengeräten. Dies ist quasi die Mutter der Apparatemedizin. Die größten Steigerungen des apparatemedizinischen Informationsinteresses bei Bürgern lösen erlebte MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztherapie) oder Bestrahlungen aus. Frauen haben außerhalb Röntgen 25 % mehr Erfahrung mit Ultraschallgeräten und mit insgesamt 62 % deutlich mehr Erfahrungen aus der Mammographie als Männer mit nur 4 %. 82 % der Bürger hatten im Durchschnitt in den letzten 12 Monaten 2,4 mal mit apparativen Untersuchungen oder Behandlungen zu tun (Gesunde 1,6 mal und Kranke 2,9 mal). 17 % hatten keine Berührungen mit medizinischen Apparaten in diesem Zeitraum. Es gibt 15 % „Vielnutzer“ mit mehr als viermaligem Apparate-Einsatz in 12 Monaten. Hoch-Interessierte an Apparateinformationen haben 32 % mehr mit medizinischen Apparaten zu tun als der Durchschnitt aller Bürger.

Uninformierte Bürger vernachlässigen ihre Mitwirkungsrechte

Mit dem Bildungsstand steigt die bewusste Wahrnehmung von Informationslücken über Apparatemedizin. Abiturienten spüren 46% Unterinformiertheit, aber Nicht-Abiturienten nur 35 %. Ähnlich melden Vielnutzer 25 % mehr Aufklärungsbedarf als Wenignutzer von Apparaten. Unterinformierte Bürger auf dem Gebiet der medizinischen Apparate vermissen im Schnitt Informationen zu 2,3 von 6 vorgegebenen Themen. Die drei meist vermissten Aufklärungsthemen und Suchbegriffe (Keywords) bei unterinformierten Bürgern sind: Informationen zur Strahlendosis mit 23 %, Informationen zum Ablauf von Untersuchungen mit 22 % und Informationen zum technischen Stand der Apparate mit 21 %. Am technischen Stand der Apparate sind besonders interessiert: Privatversicherte mit 27 % (gegenüber 18 % bei gesetzlich Versicherten) und die Vielnutzer von Apparatemedizin mit 24 % (gegenüber Wenignutzern mit nur 15 %).

Neues Selbstbewusstsein der Gesundheitsbürger durch neue Medien

Mittlerweile nutzen 67 % der Menschen das Internet zur Informationsgewinnung bei Gesundheitsthemen, der Großteil aber noch eher passiv in Form von lesen oder ausdrucken. Lediglich 10 % beteiligen sich im Internet interaktiv bei Gesundheitsfragen nach den Dialogprinzipien von Web 2.0 z.B. mit diskutieren, beurteilen, weiterempfehlen oder bestellen. Je mehr ein Internetverwender bereits über Apparate bescheid weiß, desto stärker wird er interaktiv. So wurden bei Bürgern mit gutem Wissen über Apparate 40 % mehr interaktive Internetnutzung gemessen als bei Bürgern mit geringem Wissensstand.

Suche nach korrekten Internet-Quellen

Die Inanspruchnahme der Informationsanbieter im Internet ist zugleich ein gewisses Ranking hinsichtlich Glaubwürdigkeit der Kanäle und Zuverlässigkeit der Quellen. Praxen und Kliniken können von Patienten bei medizinischen Apparateausstattungen auch als kritisch zu hinterfragende Dienstleister gesehen werden. Im Durchschnitt gebrauchen Internetnutzer bezüglich Apparatemedizin 2,9 von 11 möglichen Internetanwendungen. 96 % der tatsächlichen Internetnutzer suchen Informationen zur Apparatemedizin bei Google, 43 % der Nutzer greifen auf Erklärungen bei Wikipedia zurück und bereits an dritter Stelle stehen für 33 % der Nutzer die Internetseiten von Medizintechnikherstellern. Dagegen suchen lediglich 27 % auf Homepages von Ärzten oder Kliniken Informationen zur Apparatemedizin.

Der Trend zur Information aus erster Hand bringt neue Herausforderungen für Hersteller im Gesundheitssektor, die sich bisher hauptsächlich auf Anwender und Absatzmittler (Ärzte und Kliniken) konzentriert haben. Künftig rückt die gemeinsame Kommunikation mit Endverbrauchern und Patienten mehr als bisher in den Fokus.

Patienten sind nicht mehr stumme Leistungsempfänger

Bei den gedruckten Medien nutzen die Bürger im Schnitt 2,1 Kategorien zum Nachlesen von Gesundheitsthemen. Hauptsächlich sind dies gleichrangig nebeneinander Apothekenzeitung und Tageszeitung mit je 55 % Nutzung. Frauen erreicht man mehr über Apothekenzeitungen und Männer mehr über Tageszeitungen. Offensichtlich suchen die Bürger Informationen zu Apparatemedizin in den gleichen Druckerzeugnissen wie Informationen zu Gesundheitsthemen generell. 68 % der Bürger hätten gerne mehr Informationsmaterial über medizinische Apparate für den eigenen Gebrauch in der Hand. Die Interessierten an solchen Informationsmitteln wollen zu 47 % einen Patientenpass mit Vermerk zu ihren bisherigen Inanspruchnahmen von Apparaten. 38 % erwarten aus Broschüren oder Patientenmagazinen von Praxen bzw. Kliniken Informationen zur Apparatemedizin. Herstellerinformationen in Form von Broschüren stehen bei den gedruckten Unterlagen mit 18 % Bedarf an sechster Stelle der Informationsmittel.

Gut informierte, aufgeklärte Gesundheitsbürger haben bessere Gesundheits-Chancen weil sie mehr Eigenverantwortung übernehmen können und Prävention oder Therapietreue ernst nehmen.

Forschungspartner:
Fachlicher Expertenbeirat dieses wissenschaftlichen Hochschulprojekts ist Herr Dr. med. Stefan Braitinger, Arzt für radiologische Diagnostik und Neuroradiologie, Ärztlicher Geschäftsführer RADIO-LOG Bayern, Berater des Vorstands im Verein für nuklearmedizinische und radiologische Zentren in Bayern, Leitung Stabsstelle Kommunikation und Organisationsentwicklung. Außerdem wurde das Hochschul-Projekt von Siemens Deutschland, Sector Healthcare gefördert.

Kontakt und weitere Informationen:

Hochschule Augsburg
Fakultät Wirtschaft
Prof. Dr. Gerhard F. Riegl
Schillstraße 100
86169 Augsburg
Tel. 0821 / 567 144 0
Fax 0821 / 567 144 15
Prof.Riegl@hs-augsburg.de
Hochschule Augsburg
Pressestelle
Dr. Christine Lüdke
An der Fachhochschule 1
86161 Augsburg
Tel. 0821 / 55 86 – 3556
Fax 0821 / 55 86 – 3516
presse@hs-augsburg.de

Dr. Tobias Weismantel | idw
Weitere Informationen:
http://www.hs-augsburg.de

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