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Studie von ZU und Harvard: Wie „grüne“ Vorgaben die Öko-Wende beschleunigen können

20.05.2014

Der Umbau hin zu einer ökologischen Gesellschaft in Deutschland ist in vollem Gange – und steht sich doch oft selbst im Weg. Dabei gäbe es durchaus einfache Mittel wie „grüne“ Vorgaben, um Fehlentwicklungen zu korrigieren und die Öko-Wende zu beschleunigen. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Untersuchung der Zeppelin Universität (ZU) Friedrichshafen und der Harvard University.

„Wir wollen zeigen, dass sich grüne Vorgaben wesentlich auf die Umwelt auswirken können – manchmal ähnlich stark wie politische Anordnungen und Verbote und potenziell deutlich stärker als Informationskampagnen, Appelle an die Moral und sogar große wirtschaftliche Anreize“, schreiben Professorin Dr. Lucia Reisch, Leiterin des Forschungszentrums „Verbraucher, Markt und Politik“ an der ZU, und der Rechtswissenschaftler und frühere Berater von US-Präsident Barack Obama Professor Cass Sunstein von der Harvard University in ihrer gemeinsamen Studie „Automatisch Grün: Verhaltensökonomik und Umweltschutz“, erschienen im „Harvard Environmental Law Review“ (auf deutsch erschienen in der „Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht“).

Grüne Vorgaben seien inzwischen „ein wichtiges Instrument im regulativen Repertoire, um die Umwelt zu schützen und gleichzeitig Geld zu sparen“, stellen die Autoren fest. Solche Vorgaben könnten erheblich effektiver sein als andere Instrumente, „einschließlich solcher, die den Steuerzahler viel kosten“. Dies gelte insbesondere in einer Zeit, „in der die üblichen Hilfsmittel – Anordnungen, Verbote und wirtschaftliche Anreize – manchmal sowohl auf ökonomische als auch politische Hindernisse treffen“. Trotzdem finden solche grünen Vorgaben bisher nur wenig zum Beachtung – zum Nachteil von Umwelt und Wirtschaft.

Die beiden Wissenschaftler haben beispielhaft vier Bereiche des ökologischen Umbaus vor dem Hintergrund von wissenschaftlichen Studien und Erkenntnissen der Verbraucherforschung besonders untersucht: den Papierverbrauch, die Nutzung von Öko-Strom, die Energieeffizienz und die Einführung intelligenter Stromnetze. Und sie zeigen dabei auf, wie grüne Vorgaben jeweils das Verbraucherverhalten maßgeblich und positiv beeinflussen.

Am simpelsten zeigen sich die Auswirkungen beim Papierverbrauch. Private wie öffentliche Einrichtungen können „beispielsweise ihre Mitarbeiter mit reinen Fakten über die Vorteile sparsamen Verhaltens informieren, durch moralische Appelle auf sie einzuwirken versuchen, indem sie auf wirtschaftliche und ökologische Vorteile hinweisen, eine Papiergebühr einführen oder Grenzwerte für den Gesamtverbrauch einzelner Mitarbeiter oder Abteilungen festlegen“, zählen die Wissenschaftler mögliche Steuerungs-Instrumente auf. Für Reisch und Sunstein aber gibt es eine viel einfachere Lösung: „Die Einrichtung kann die Voreinstellung ihrer Drucker von ,Einseitiger Druck‘ auf ,Beidseitiger Druck‘ ändern.“ Die Rutgers University in New Jersey tat genau dies – und reduzierte so binnen drei Jahren den Papierverbrauch um 55 Millionen Blatt, eine Verringerung um 44 Prozent, was 4650 Bäumen entspricht.

Als weiteres Beispiel untersuchten Reisch und Sunstein das Verhalten der Verbraucher bei der Nutzung von Öko-Energie. „In Deutschland geben viele Menschen an, dass sie grüne Energie bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten“, stellen die Forscher fest. In der Praxis aber sieht es anders aus: „Nur wenige Verbraucher entscheiden sich jedoch tatsächlich für Ökostrom“. Ein Grund dafür könnte laut den beiden Forschern darin liegen, dass sich die Menschen zumeist erst durch eigenes aktives Handeln für grüne Energie entscheiden müssen – „und das tut kaum jemand“. Als Gegenbeispiel nennen Reisch und Sunstein unter anderem den süddeutschen Stromversorger Energiedienst GmbH. Er führte drei unterschiedliche Tarife ein mit dem Unterschied, dass der Standardtarif für die Verbraucher nun nicht mehr konventionell, sondern grün erzeugten Strom vorsah. Also: „Wer sich nicht selbst anders entschied, bekam den grünen Stromtarif“. Das waren am Ende 94 Prozent der Verbraucher. Ein Beispiel, dem inzwischen immer mehr Stromanbieter in Deutschland gefolgt sind.

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Einsatz von energieeffizienten Produkten. Bei einer Untersuchung von Wissenschaftlern der Columbia University und der University of North Carolina sollten Probanden in einem Hausbau-Experiment zwischen effizienten, aber teuren Energiesparlampen und ineffizienten, aber preiswerten Glühlampen wählen. „Das wesentliche Ergebnis lautet, dass die grüne Vorgabe eine große Rolle spielt“, sagen Reisch und Sunstein. Wenn die ineffizienten Glühlampen als Standard gesetzt waren, bleiben 44 Prozent der Probanden dabei. Waren hingegen die Energiesparlampen der Standard, kamen diese auf 79,8 Prozent Zustimmung. Reisch und Sunstein: „Diese unscheinbare Wahl kann durchaus weitreichende Folgen haben: Wenn in jedem Haushalt der USA auch nur eine Glühlampe gegen eine Energiesparlampe ausgetauscht würden, könnten mehr als 600 Millionen US-Dollar an jährlichen Energiekosten sowie eine Treibhausgasmenge eingespart werden, die dem Ausstoß von 800 000 Autos entspricht.“ Die eingesparte Menge würde reichen, mehr als drei Millionen Haushalte ein ganzes Jahr zu beleuchten.

Schließlich das Beispiel der intelligenten Stromnetze: Die Einführung dieser Technologie gilt in Deutschland als eine Voraussetzung für die geplante drastische Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energie im Rahmen der Energiewende. „Intelligente Stromnetze versprechen, das Gleichgewicht zwischen Energieangebot und -nachfrage herzustellen und das Versorgungsnetz flexibler, effizienter und zuverlässiger zu machen“, erklären Reisch und Sunstein die Bedeutung dieser Technologie. Dennoch ist die Akzeptanz bei den Verbrauchern gering. Sie befürchten Risiken beim Datenschutz oder Einschränkungen beim Wohnkomfort bei Fernsteuerung des Energieverbrauchs. Reisch und Sunstein führen hier eine experimentelle Untersuchung aus Dänemark an. Auch dort zeigte sich, „dass die jeweilige Vorgabe das Verbraucherverhalten stark beeinflusst“. Konkret wäre die Akzeptanz der Installation intelligenter Zählers höher, wenn sie nicht ausdrücklich gewählt, sondern ausdrücklich abgelehnt werden müsse.

„Für die Entscheidungen von Verbrauchern spielen wirtschaftliche Anreize eine zentrale Rolle. Betreffen diese Entscheidungen jedoch ökologische Fragen, dann sind sie auch von einer Vielzahl anderer Faktoren wie sozialer Normen und den jeweiligen Defaultregeln abhängig“, stellen Reisch und Sunstein in ihrer Untersuchung abschließend fest. Wenn kein grüner Standard vorgegeben sei, könne die Suche nach einer umweltschonenderen Option sehr aufwändig sein. Und selbst wenn der Aufwand sehr gering sei, sei der Verbraucher unter Umständen nicht bereit, ihn betreiben – zum Beispiel aufgrund von Trägheit oder Prokrastination – was zu wirtschaftlichen und ökologischen Nachteilen führen könne.

Das Fazit der beiden Wissenschaftler: „In wichtigen Bereichen sind Entscheidungen von Verbrauchern sowohl für die Umwelt als auch für die Wirtschaft de facto nachteilig – und zwar nicht, weil dies so beabsichtigt wurde, sondern allein aufgrund er jeweiligen Entscheidungsarchitekturen.“ In einigen Fällen könne diese Architektur nicht vom Einzelnen verändert werden, so die Forscher: „Dann ist privates und öffentliches kollektives Handeln gefragt.“

Rainer Böhme | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.zu.de

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