Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie belegt Lücken in der Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland

03.08.2012
Überweisung an geschulte Kinderärzte erfolgt oft zu spät

Viele (Um)Wege führen zum Spezialisten: Mit bis zu 28 Ärzten hatten Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen Kontakt, bevor sie eine spezialisierte Behandlung erhalten. Und: Viele der jugendlichen Patienten nehmen Schmerzmedikamente ein, obwohl diese aus ärztlicher Sicht nicht zu empfehlen sind. Diese Ergebnisse der neuen Studie des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) werfen kein gutes Licht auf die Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland.

Chronische Schmerzen, also Schmerzen, die über einen Zeitraum von drei Monaten dauerhaft oder wiederkehrend auftreten, sind ein häufiges Phänomen bei Kindern und Jugendlichen. Bei einem Teil dieser Kinder führen die Schmerzen zu hohen Beeinträchtigungen im Alltag – zum Beispiel steigenden Fehlzeiten in der Schule oder Schwierigkeiten, Kontakte zu Freunden aufrecht zu erhalten und Hobbys zu pflegen. Betroffen sind in Deutschland schätzungsweise 350.000 Kinder.

Der Weg zu einer spezialisierten Behandlung ist für viele der jungen Schmerzpatienten weit, wie nun eine Studie mit 2.249 Kindern und Jugendlichen belegt. Das Deutsche Kinderschmerzzentrum wertete die Daten aller Patienten aus den Jahren 2005 bis 2010 aus. Den Studienergebnissen zufolge hatten die Patienten im Durchschnitt bereits mit drei unterschiedlichen Ärzten Kontakt, ehe sie sich im DKSZ vorstellten. Mit zunehmendem Alter der Patienten stieg zudem die Zeitdauer zwischen Schmerzbeginn und dem Aufsuchen der Spezialisten kontinuierlich an. Bei 15-Jährigen vergingen im Durchschnitt etwa vier Jahre bis zum Besuch im DKSZ. „Je länger es dauert, bis chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen effektiv behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklung der Patienten nachhaltig gestört wird und sie massive Einbußen der Lebensqualität hinnehmen müssen“, sorgt sich Prof. Dr. Boris Zernikow, Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums und Inhaber des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin der Universität Witten/Herdecke, mit Blick auf die Ergebnisse. „Es gibt wirksame Methoden, diese Schmerzen zu behandeln und den Kindern die Kontrolle zurück zu geben – aber das müssen geschulte Kinderärzte übernehmen, und zwar in einem möglichst frühen Krankheitsstadium.“ Die Versorgungsstrukturen in Deutschland, so Zernikow weiter, gäben allerdings eine kurzfristige, fachmännische und wohnortnahe Versorgung junger Schmerzpatienten häufig (noch) nicht her.

Viele der überwiegend weiblichen Patienten (60 Prozent Mädchen), die sich im DKSZ vorstellten, berichten über tägliche oder dauerhafte Schmerzen (43 Prozent) und sind dadurch in ihrem Alltag stark beeinträchtigt. Jedes vierte Kind verpasst aufgrund der Schmerzen mehr als ein Viertel des Schulunterrichtes. Außerdem sind ältere Kinder in der Regel stärker beeinträchtigt als jüngere. Die meisten Kinder hatten Kopfschmerzen (70 Prozent), gefolgt von Bauchschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates. Bei der Aufrechterhaltung der Schmerzen spielen neben den körperlichen Faktoren auch psychosoziale Begleitumstände, wie z.B. Stress oder emotionale Belastung, eine wichtige Rolle.

Sorge bereitet den Schmerzexperten aus Datteln auch ein anderes Ergebnis der Studie: Drei Viertel der Kinder, die sich im DKSZ vorstellten, nahmen zum Zeitpunkt der Erstvorstellung Schmerzmedikamente ein. Die Ärzte sehen diese Entwicklung mit Skepsis: Sie empfehlen nur etwa der Hälfte dieser Kinder die Einnahme von Medikamenten, um die Schmerzen zu lindern. „Die Fehleinnahme von Schmerzmedikamenten kann verheerende Folgen haben – zum Beispiel gibt es Schmerzformen, bei denen Medikamente die Schmerzen noch verstärken. Dieser sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerz verschärft die schon vorhandene Problematik dann noch zusätzlich“, so Zernikow.

Der Artikel wurde veröffentlicht im BMC Pediatrics: www.biomedcentral.com/1471-2431/12/54/abstract.

Weitere Informationen:
Deutsches Kinderschmerzzentrum
Ann-Kristin Ruhe
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln
Vodafone Stiftungslehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin - Universität Witten/Herdecke
Dr.-Friedrich-Steiner Str. 5, 45711 Datteln
Tel: 02363-975-193
Email: a.ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de
Über das Deutsche Kinderschmerzzentrum:
Das Deutsche Kinderschmerzzentrum an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke gilt als Referenzzentrum in der Versorgung chronisch schmerzkranker Kinder und Jugendliche. Es baut auf große Erfahrungen in der Behandlung schmerzkranker Kinder und Jugendlicher auf: Schon seit Jahren gibt es hier eine einzigartige Kinderschmerzstation und ein ambulantes Angebot in der Kinderschmerzambulanz.

Im Deutschen Kinderschmerzzentrum wird in Zukunft therapiert, geforscht und daran gearbeitet, die Situation von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen öffentlich zu machen und zu verbessern.

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.450 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

Jan Vestweber | idw
Weitere Informationen:
http://www.biomedcentral.com/1471-2431/12/54/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

6. Leichtbau-Tagung: Großserienfähiger Leichtbau im Automobil

23.08.2017 | Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Turbulente Bewegungen in der Atmosphäre eines fernen Sterns

23.08.2017 | Physik Astronomie

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Mit Algen Arthritis behandeln

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie