Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stellvertretende medizinische Entscheidungen: Vertrauensperson oder geteilte Entscheidung bevorzugt

12.03.2013
Wir wünschen uns alle, wichtige Entscheidungen jederzeit selbstbestimmt und im Vollbesitz der geistigen Kräfte treffen zu können. Doch was, wenn jemand nicht mehr dazu in der Lage ist?

Eine Studie der Universität Basel kommt zum Schluss, dass Angehörige und Betroffene eine Entscheidung bevorzugen, die durch einen vorab bestimmten Vertreter oder durch «geteilte» Entscheidungsverfahren getroffen wird. Die Genauigkeit, mit welcher der Wille eines Patienten eingeschätzt wird, ist bei beiden Verfahren gleich.

Alzheimer- und andere Erkrankungen können dazu führen, dass Betroffene nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu fällen, die zum Beispiel ihre medizinische Versorgung betreffen. Die Forschung hat bisher vor allem diskutiert, wie Dritte dem Willen eines Patienten am besten entsprechen können.

Hingegen wurde bislang nicht untersucht, wie zufrieden Personen mit dem Entscheidungsprozess selbst sind. Zufriedenheit beim Fällen von stellvertretenden Entscheidungen ist jedoch ein wesentlicher Faktor, um sich dieser Verantwortung stellen und familiären Konflikten vorbeugen zu können.

Präferenz für das Verfahren im Fokus

Die Autoren der Basler Studie haben mit über 900 Personen hypothetische Szenarien durchgespielt, wobei den Probanden jeweils nach dem Zufallsprinzip die Rolle eines Patienten oder die des Stellvertreters zugewiesen wurde.

Für den ersten Teil der Studie befragten die Forscher 64 Schweizer Mehrgenerationen-Familien mit insgesamt 253 Teilnehmern. Mit ihnen spielten sie 24 Szenarien durch, wobei die Wissenschaftler die Genauigkeit massen, mit der die «Stellvertreter» den Willen der «Patienten» einschätzen konnten.

Dabei zeigte sich, dass sich die Szenarien punkto Genauigkeit nicht wesentlich unterscheiden – unabhängig davon, ob die Entscheidung von einem vom Patienten benannten Vertreter getroffen wurde, ob sie auf einem gemeinsamen Beschluss von Familienmitgliedern beruhte oder ob es sich um den Entscheid eines gesetzlichen Stellvertreters handelte.

Damit rückte die Präferenz für das Verfahren in den Fokus der Forscher: Im zweiten Teil der Studie beurteilten 668 Probanden, welche Entscheidungsmethoden sie bevorzugen würden, wenn sie stellvertretend für einen Angehörigen über eine medizinische Behandlung zu befinden hätten oder wenn für sie als Patienten eine stellvertretende Entscheidung gefällt werden müsste.

Im Voraus bestimmen

Die Forscher kommen zum Schluss, dass sowohl die hypothetischen Patienten als auch ihre Stellvertreter eine Entscheidung bevorzugen, die durch einen Vertreter getroffen wird, den ein Patient im Voraus bestimmt hat. «Unsere Studienergebnisse zeigen hier eine stichproben- und rollenübergreifende Präferenz bezüglich der Entscheidungsmethode, die für beide Parteien gilt», erläutert Studienleiter Dr. Renato Frey.

Auf den Plätzen zwei und drei folgen «geteilte» Entscheidungsmethoden. Dabei treffen Familien aufgrund einer Diskussion eine gemeinsame Entscheidung, oder die einzelnen Familienmitglieder geben gleichberechtigte Voten ab, wobei die Mehrheit entscheidet.

Deutlich weniger zufriedenstellend werden Verfahren beurteilt, bei denen Entscheidungen durch einen Arzt oder einen gesetzlich bestellten Stellvertreter getroffen werden oder die sich daran orientiert, wie sich andere in dieser Situation verhalten haben.

«Eine wichtige Botschaft unserer Studie ist, dass die Zufriedenheit mit dem Prozedere nicht zulasten der Betroffenen geht», so der Studienleiter Frey. «Denn wir konnten nachweisen, dass die bevorzugten Methoden den tatsächlichen Willen des Patienten genauso gut vorhersagen wie die anderen Methoden.»

Stellvertreter nur selten benannt

Die Mehrheit der Befragten möchte einen Stellvertreter für Entscheidungen selbst festlegen, doch die wenigsten Studienteilnehmer hatten dies in der Realität bereits getan. Dieser Umstand sei mit Blick auf die Gesetzgebung ebenso relevant wie die Tatsache, dass demokratische Familienbeschlüsse, die es ermöglichen, die Last der Entscheidung zu teilen, künftig ein grösseres Gewicht bekommen sollten, so Frey.

Originalbeitrag
Renato Frey, Ralph Hertwig, Stefan M. Herzog (2013)
Surrogate decision making. Do we have to trade off accuracy and procedural satisfaction?

Medical Decision Making | doi: 10.1177/0272989X12471729

Weitere Auskünfte
Dr. Renato Frey, Universität Basel, Fakultät für Psychologie, zurzeit am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Tel. +49 30 82406-472. E-Mail: frey@mpib-berlin.mpg.de

Reto Caluori | Universität Basel
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de
http://www.unibas.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Personalisierte Medizin – Ein Schlüsselbegriff mit neuer Zukunftsperspektive
14.07.2017 | Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V.

nachricht Enterprise 2.0 ist weiterhin bedeutendes Thema in Unternehmen
03.07.2017 | Hochschule RheinMain

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten