Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sicherheitsgurte sind Pflicht: TU-Forscher untersuchen Risiken in der Lieferkette

04.02.2009
Unternehmensübergreifende Versorgungsketten sind aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften oft sehr verwundbar. Fließbänder stehen still, weil Zulieferer ausfallen oder Produktionen lahmgelegt werden. Wie Unternehmen Risken in der Supply Chain vermindern können, haben Forscher der TU Dortmund aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht.

Die Wirtschaftsprofessoren Prof. Dr. Andreas Hoffjan und Prof. Dr. Richard Lackes stellten gestern ihre in getrennten Arbeiten gewonnenen Ergebnisse gemeinsam vor, die auch auf der von der Dortmunder Wiso-Fakultät organisierten Tagung "Supply Chain Management im Mittelstand" am 18.-19.Juni präsentiert werden.

Für die Vorstellung der Forschungsergebnisse hatten sich die Wissenschaftler von der TU Dortmund einen passenden Ort ausgesucht: das Unternehmen Dolezych, das mit Produkten wie Rundschlingen und Zurrprodukten auch für mehr Sicherheit in der Logistik sorgt.

In seiner empirischen Studie hat Prof. Hoffjan, Inhaber des Lehrstuhls für Controlling, gemeinsam mit Thorsten Pohl insgesamt zwölf Praktiker, vornehmlich aus dem produzierenden Gewerbe, befragt. Insgesamt konnte Professor Hoffjan in der Studie fünf Top-Risikobereiche ausmachen: Produktion, Lieferunfähigkeit der Lieferanten, Prozessstabilität, Risiken auf Kundenseite sowie Qualität. Dabei werden Risiken, an die jeder sofort denkt, wie z.B. Streik, Naturkatastrophen oder auch politische Risiken, überbewertet. Es sind vielmehr die Risiken, mit denen man nie gerechnet hat, die die Schwierigkeiten verursachen. Zum Beispiel bei einem Werk in Malaysia hat es nie geregnet und plötzlich gab es da einen Wasserschaden, verursacht durch die weltweiten Klimaveränderungen. Das sind Risiken, über die man eigentlich gar nicht nachdenkt.

Besonders schlanke Lieferketten sind in ihrer Versorgungssicherheit gefährdet. Auch die Automobilproduzenten haben erkannt, dass man die Zulieferer nicht auch noch um das letzte Hemd bringen kann. So formulierte es ein Praktiker in der Studie des Controlling-Experten: "Wir müssen im Bereich Beschaffung dafür sorgen, dass es unseren Lieferanten gut geht und sie nicht kurz vor der Insolvenz stehen."

Was hilft? Eine systematische Analyse bis zur Wurzel des Problems. Prof. Hoffjan verdeutlicht das an einem Beispiel aus seiner Studie: "Was ist das größte Risiko? Wenn die Produktion ausfällt. Und wodurch kann die Produktion ausfallen? Es gibt eine Reihe von Ursachen und wenn man dann die ganze Kette durchgeht und schließlich wird ein ganz kleines, vermeintlich unwichtiges Detail ausgemacht. Ein Kompressor, der die ganze Produktion mit Druckluft versorgt und wenn der ausfallen würde, wäre die ganze Produktion am Ende."

"Erst die Installation und der systematische Aufbau betrieblicher Risikoinformationssysteme ermöglichen ein effizientes Risikomanagement", betont Professor Lackes, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik. Hierfür sind die wichtigsten Risiken und ihre Einflussgrößen mit ihren komplexen Wechselwirkungen zu identifizieren und für eine kontinuierliche, systematische Dokumentation der relevanten Eingangsdaten zu sorgen. Nur so lassen sich Risiken bewerten und ihre Entwicklung verfolgen, die Risikowirkungen von Entscheidungen, z.B. Wechsel eines Lieferanten, quantifizieren und verrechnen, so dass Maßnahmen zur Risikovermeidung und Risikobewältigung betriebswirtschaftlich beurteilt werden können. "Selbstverständlich kann in einer globalisierten Welt mit vielfältigen internationalen Verflechtungen kein Unternehmen risikolos tätig werden. Man sollte allerdings die unvermeidlichen und bewusst in Kauf genommenen Risiken und ihre ökonomischen Folgen kennen", so Prof. Lackes. Die Dokumentation und Erfassung in einem Informationssystem zwingt das Management, "Farbe zu bekennen", welche Risiken für welche Aktionen eingegangen wurden. "Wir brauchen eine langfristig ausgerichtete Risikoverantwortungsrechnung", betont Lackes. Kein Entscheidungsträger wird kritisiert werden können, wenn er risikobehaftete Entscheidungen trifft, sofern diese mit der strategischen Risikopositionierung des Unternehmens vereinbar sind und begründete Chancen und Erfolgspotentiale die Risiken rechtfertigen. Die informationstechnische Unterstützung durch entsprechende DV-Tools ist eine überschaubare Investition in die langfristige Existenzsicherung und für ein modernes Risikomanagement unverzichtbar.

Woran aber scheitert das Risikomanagement in der Supply Chain? "Das Kind muss erst in den Brunnen fallen", so Professor Hoffjan. "Erst wenn Unternehmen massive Probleme in der Versorgungskette haben, erkennen sie die Notwendigkeit einer stabilen Supply Chain und damit den Bedarf eines Risikomanagement. "Vielleicht sind auch wir Controller mit unseren überzogenen Renditeforderungen daran Schuld.", so der Controlling-Experte nicht ganz ohne Selbstironie. Häufig haben Unternehmen Vorgaben, dass sich die Investition im ersten, spätestens aber im zweiten Jahr rechnen muss. Gerade bei solchen Maßnahmen, um eine Supply Chain stabiler durch effektives Risikomanagement zu machen, ist es natürlich schwer darzustellen, wo die positive Rendite herkommen soll. Der bewertbare Nutzen würde erst dann sichtbar, wenn ein Schadensfall eintritt. Fehlende Risikoinformationssysteme und unzureichende DV-gestützte Risikoanalysetools sind weitere Ursachen für die Vernachlässigung dieses Aspekts. Mit DV-gestützten Risikotools sollten, wie Prof. Lackes betont, nicht nur existenzbedrohende Risiken erfasst werden, und diese erst, wenn sie tatsächlich eingetreten sind. "Niemand legt den Sicherheitsgurt erst an, wenn der Unfall bereits passiert ist." Alle relevanten Risiken, z.B. Wahl der Sicherheitsbestände oder Wechselkursabsicherungen, sind zu berücksichtigen, und dies bereits im Vorfeld, bevor sie eingetreten sind. "Glück oder Pech dürfen keine betriebswirtschaftlichen Erfolgsgrößen für Managemententscheidungen werden.", so der Fachmann für Wirtschaftsinformatik.

Das Risikomanagement in der Supply Chain ist eines der zentralen Themen der Tagung "Supply Chain Management im Mittelstand" der Wiso-Fakultät der TU Dortmund. Die vom 18.-19.Juni stattfindende Konferenz führt Wissenschaftler und Praktiker zusammen. Die Tagung will Wege aufzeigen, wie mittelständische Unternehmen ihre Lieferketten besser organisieren können. Dazu werden namhafte Referenten aus Theorie und Praxis erwartet, u.a. der Produktions-Papst Prof. Horst Wildemann und der frühere Stanford-Professor Ulrich Thonemann.

Kontakt
Prof. Andreas Hoffjan
0231- 755 3140
Prof. Richard Lackes
0231-755 3157

Ole Lünnemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dortmund.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Dialysepatienten besser vor Lungenentzündung schützen
17.01.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Studie der Uni Halle: Wie der Klimawandel das Pflanzenwachstum verändert
12.01.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2018

17.01.2018 | Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

17.01.2018 | Physik Astronomie

Seltsames Verhalten eines Sterns offenbart Schwarzes Loch, das sich in riesigem Sternhaufen verbirgt

17.01.2018 | Physik Astronomie

Fraunhofer HHI erhält AIS Technology Innovation Award 2018 für 3D Human Body Reconstruction

17.01.2018 | Förderungen Preise