Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schmerzen verändern den Blick / Studie über Patienten mit Rücken- und Schulterschmerzen

23.05.2012
Chronische Schmerzen beeinflussen die Wahrnehmung von Bewegungen / Neue Studie über Patienten mit Rücken- und Schulterschmerzen im Fachmagazin "PAIN"

Patienten mit chronischen Rücken- oder Schulterschmerzen sehen ihre Umwelt mit anderen Augen als gesunde Menschen – zumindest wenn es um ihre schmerzenden Körperteile geht.

Darauf deutet die Studie eines interdisziplinären Teams von Wissenschaftlern aus Münster und Jena hin, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "PAIN" veröffentlicht ist. Demnach wirken sich chronische Schmerzen nicht nur auf die Körper der betroffenen Patienten aus. Sie können auch beeinflussen, wie Schmerzpatienten die Bewegungen wahrnehmen, die sie bei anderen beobachten: Das Urteilsvermögen der Betroffenen verändert sich im Hinblick auf die Bewegungen, die bei ihnen selbst Schmerzen auslösen würden.

Die Wissenschaftler, die dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbund "Chronic Back Pain" angehören, zeigten Probanden mit chronischen Schulter- oder Rückenschmerzen Lichtpunkt-Videos von Personen, die verschiedene Bewegungen durchführten. Bei diesen Übungen wurde entweder die Schulter- oder Rückenpartie der Lichtpunkt-Figuren durch gehobene Gewichte beansprucht. Lichtpunkt-Figuren bilden die Bewegungen realer Menschen auf eine abstrakte Weise ab. Dabei wird die Person auf eine Reihe von hellen Punkten auf dunklem Grund reduziert, die beispielsweise dem Kopf, den Händen, den Füßen und den Gelenken entsprechen.

Aufgabe der Probanden war es zu schätzen, wie schwer die Gewichte waren, die die Figuren gehoben hatten. Gesunde Probanden konnten die unterschiedlich schweren Gewichte bei beiden Übungen auseinanderhalten. Die Probanden mit Rückenschmerzen dagegen konnten die Gewichte bei der "Schulterübung" einschätzen, jedoch nicht bei der "Rückenübung", die für sie schmerzhaft wäre. Umgekehrt zeigen Probanden mit Schulterschmerzen Probleme bei der Beurteilung der Gewichte bei der "Schulterübung", nicht aber bei der Einschätzung der Gewichte bei der "Rückenübung".

Die Erklärung liegt laut den Wissenschaftlern im Gehirn – in dem Bereich der Großhirnrinde, dessen Nervenzellen Berührungs- und Schmerzreize verarbeiten: Die Aktivität der Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen im sogenannten frontalen und parietalen Cortex unterscheidet sich bei chronischen Schmerzen von den Aktivitätsmustern im Gehirn gesunder Menschen. "Chronische Schmerzpatienten sind oft körperlich wieder gesund. Im Gehirn jedoch bleibt das 'Schmerzgedächtnis' bestehen – es wird nicht mehr abgeglichen mit der tatsächlichen Situation im Körper", erklärt Biologe Dr. Marc de Lussanet vom Otto-Creutzfeldt-Zentrum für kognitive - und Verhaltensneurowissenschaften der Universität Münster, der als Erstautor an der Studie beteiligt ist.

Neben den Berührungsreizen werden im frontalen und parietalen Cortex auch spezielle visuelle Reize verarbeitet: Sehreize, die durch die Beobachtung von Bewegungen entstehen, also beispielsweise durch eine sportliche Übung, die eine andere Person ausführt. Offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Netzwerken, wie die neue Studie belegt: "Wir haben zum ersten Mal zeigen können, dass eine direkte Verbindung zwischen chronischen Schmerzen und der Erkennung von Bewegungen anderer Personen besteht", betont Marc de Lussanet. "Chronische Schmerzen verändern die Reizverarbeitung von neuronalen Netzwerken im Gehirn, die in die Bewegungserkennung eingebunden sind. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers überschneidet sich mit der Wahrnehmung dessen, was man bei anderen sieht." Die Wissenschaftler schlagen vor, dass Therapien zur Reaktivierung der "Bewegungserkennungs-Netzwerke" im Gehirn bei der Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt werden könnten.

Hintergrundinformationen

Die Untersuchung fand innerhalb eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektverbundes statt: Das BMBF finanziert seit Juli 2010 ein interdisziplinäres Team von Forschern aus Bewegungswissenschaften, Psychologie und Medizin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Das Forschungsprogramm hat den Titel "Chronischer Rückenschmerz und sensomotorische Kontrolle: auf dem Weg zur Entwicklung eines modellbasierten diagnostischen Instrumentariums" ("Chronic Back Pain"). Ziel ist es, neue diagnostische Verfahren zu entwickeln und chronischen Rückenschmerz besser zu verstehen.

Das "Otto Creutzfeldt Center for Cognitive and Behavioral Neuroscience" (OCC) ist ein Forschungszentrum der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, das von Wissenschaftlern aus Medizin, Biologie und Psychologie getragen wird. Die Forscher bearbeiten interdisziplinär aktuelle Fragestellungen aus den Verhaltensneurowissenschaften mit Methoden der modernen Bildgebung, der molekularen Genetik und der Neurophysiologie. An der nun in dem Fachmagazin "PAIN" veröffentlichten Studie war ein OCC-Team aus den Fachgebieten Biopsychologie, Bewegungswissenschaften und Medizin beteiligt.

Originalpublikation:

Marc H.E. de Lussanet, Frank Behrendt, Christian Puta, Thomas Weiss, Markus Lappe, Tobias L. Schulte, Heiko Wagner (2012): A body-part-specific impairment in the visual recognition of actions in chronic pain patients. PAIN In Press/available online; DOI: 10.1016/j.pain.2012.04.002

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://www.chronic-back-pain.org/
http://www.uni-muenster.de/OCCMuenster/news/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

nachricht Medizinische Innovationen für Afrika
02.11.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte