Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlaganfall-Vorstufen: Schnelles Handeln verhindert große Hirninfarkte und Behinderungen bei sinkenden Kosten

20.03.2009
Patienten mit vorübergehenden neurologischen Ausfallerscheinungen - so genannte TIA - sollten von ihren Ärzten sofort an eine Stroke Unit überwiesen und dort unmittelbar behandelt werden.

Das schnelle Eingreifen verringert drastisch die Häufigkeit weiterer Schlaganfälle um 80 Prozent. Hierdurch verkürzt sich die durchschnittliche Liegezeit im Krankenhaus auf ein Drittel, die Klinikkosten sinken um 60 Prozent. Mit diesen eindrucksvollen Effekten überzeugt jetzt die Studie einer englischen Forschergruppe in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift The Lancet Neurology [1].

"Diese Untersuchung ist ein weiterer eindrucksvoller Beleg dafür, wie wichtig eine notfallmäßige Versorgung auch von TIA-Patienten ist - sowohl für das Wohl der Patienten, als auch für die Kosten in der Versorgung", kommentiert Professor Dr. med. Martin Grond von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft und Chefarzt am Kreisklinikum Siegen diese wichtige Studie.

Auch in Deutschland werden Patienten mit TIA (transitorisch ischämische Attacken) häufig erst spät erkannt und entsprechend verzögert behandelt - obwohl man weiß, dass bis zu einem Viertel aller großen Hirninfarkte eine TIA als Warnsymptom voraus geht [2]. Die neurologischen Ausfallerscheinungen dauern oft nur Minuten, in jedem Fall nicht länger als 24 Stunden, und können anhand der schlaganfalltypischen Krankheitszeichen erkannt werden: Dies sind insbesondere halbseitige Lähmungen von Armen und/oder Beinen, Sprach- und Sehstörungen.

Obwohl die Symptome der TIA schnell wieder abklingen, haben die Betroffenen ein stark erhöhtes Risiko, innerhalb der nächsten fünf Jahre einen großen und möglicherweise tödlichen Schlaganfall zu erleiden. Schlaganfälle sind neben Herz-Kreislauf-Leiden und Tumorerkrankungen die häufigste Todesursache in der westlichen Welt und zudem eine der wichtigsten Ursachen für die dauerhafte Pflegebedürftigkeit Erwachsener. Besonders groß ist die Gefahr für einen Schlaganfall in den ersten Tagen nach einer TIA. Dies war auch der Grund für die englische Forschergruppe, den möglichen Nutzen schneller Maßnahmen in einer großen Untersuchung zu messen - der EXPRESS-Studie (für Early use of eXisting PREventive Strategies for Stroke).

Verglichen wurde bei EXPRESS das Schicksal von annähernd 600 Patienten in der englischen Grafschaft Oxfordshire, bei denen der Hausarzt eine mögliche TIA oder einen kleinen Schlaganfall festgestellt hatte und die deshalb an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen wurden. Während des Untersuchungszeitraumes hatte man allerdings den Umgang mit solchen Patienten stark verändert: Wie in England üblich, mussten die 310 Patienten in der ersten Phase der Studie zunächst einen Kliniktermin ausmachen. Nach der Untersuchung dort erhielt der Hausarzt dann meist per Fax die Diagnose und eine Empfehlungen für das weitere Vorgehen, sodass die eigentliche Behandlung sich um durchschnittlich 19 Tage verzögerte.

Die 281 Patienten in der zweiten Phase der EXPRESS-Studie wurden dagegen von ihren Hausärzten sofort an ein Zentrum geschickt, wo man sie ohne weitere Formalien gleich untersuchte und mit der Behandlung begann. Meist wurde dabei eine Kombination aus einem Bluttfettsenker, gerinnungshemmenden Medikamenten sowie ein Mittel gegen Bluthochdruck verabreicht. Diese Behandlung begann im Mittel schon einen Tag nachdem die Patienten ihren Hausarzt aufgesucht hatten.

Die Auswertung der Krankenblätter belegte eindrucksvoll den Nutzen der frühzeitigen, intensiven Maßnahmen: In der ersten Phase hatten noch 32 Patienten binnen 90 Tagen einen weiteren Schlaganfall erlitten. In der zweiten Phase waren es nur noch sechs, also nur noch ca. 20 Prozent von denen aus der ersten Phase. Schlaganfälle mit tödlichem Ausgang oder bleibender schwerer Behinderung sanken sogar auf rund 6 Prozent. In den 90 Tagen nach der Diagnose mussten zwar aus beiden Gruppen gleich viele Patienten in eine Klinik aufgenommen werden, allerdings verbrachten Patienten aus der ersten Phase dort insgesamt 1957 Tage, gegenüber nur 672 Tagen bei den Patienten aus der zweiten Phase. Nicht zuletzt konnten durch die beschleunigte und intensive Schlaganfall-Vorbeugung auch die Kosten für den Klinikaufenthalt deutlich reduziert werden. Denn die Folgekosten durch vaskuläre Ursachen beliefen sich in der ersten Phase auf umgerechnet 1142 Euro, in der zweiten Phase waren es nur noch 467 Euro - Einsparungen, die im Wesentlichen durch die Verhinderung weiterer Schlaganfälle zustande kamen.

Quellen
[1] Luengo-Fernandez, R., Gray, A.M., Rothwell, P.M. Effect of urgent treatment for transient ischaemic attack and minor stroke and hospital costs (EXPRESS study): a prospective population-based sequential comparison. The Lancet Neurology 8: 235 (2009).
> Im Internet: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19200786
[2] Sander, D., Conrad, B. Die transitorisch ischämische Attacke - ein medizinischer Notfall. Dtsch Arztebl 103(30): A-2041 (2006).

> Im Internet: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=52238

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. med. Martin Grond
2. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft
Chefarzt der Klinik für Neurologie
Kreisklinikum Siegen
Tel.: 0271-7051800
E-Mail: m.grond@kreisklinikum-siegen.de
Geschäftsstelle Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
Prof. Dr. med. Otto Busse, Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin, Tel: 030 531437930,
busse@dgn-berlin.org

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie