Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Phänomen kollektiver Emotionen

02.09.2008
Sportwissenschaftler Torsten Schlesinger untersuchte emotionale Prozesse im Kontext sportbezogener Marketing-Events

Tausende Zuschauer drängen sich dicht an dicht, einander fremde Menschen jubeln gemeinsam, immer wieder schwappen Laola-Wellen durch die versammelte Menge - vertraute Szenen bei sportlichen Großereignissen.

Doch wie entstehen solche kollektiven Emotionen, wie entwickeln sie sich im Laufe eines Sportevents und wie lassen sie sich steuern? Diesen Fragen ist Torsten Schlesinger in seiner Promotion am Beispiel von sportbezogenen Marketing-Events nachgegangen.

Der Wissenschaftliche Mitarbeiter der TU Chemnitz beschäftigte sich zunächst aus theoretischer Perspektive mit dem Phänomen kollektiver Emotionen und führte anschließend eine empirische Fallstudie in der Mountainbike Freeride-Szene durch. Betreut wurde die Promotion von Prof. Dr. Siegfried Nagel, der die Professur Sportsoziologie/- ökonomie inne hatte.

"Immer mehr Unternehmen setzen bei ihrer Kommunikation auf Emotionen, die Events mit sportlichen Inhalten versprechen, um der potenziellen Zielgruppe produktspezifische Botschaften möglichst erlebnisorientiert zu vermitteln", berichtet Schlesinger und ergänzt: "Allerdings können Defizite an fundiertem Wissen, sowohl hinsichtlich der Auslösemechanismen von Emotionen als auch hinsichtlich der Möglichkeiten zur Steuerung, für Unternehmen gravierende Folgen haben. Denn suboptimal erzeugte Emotionen gefährden nicht nur die Erlebniswirkung eines Events, sondern auch die Realisierung von strategisch bedeutsamen Kommunikationszielen des Unternehmens." Schlesinger hat aus systemtheoretischer Perspektive ein Emotionsmodell entwickelt, um zu verdeutlichen, wie es im Eventverlauf zu emotionalen Zuständen kommt, die von ganzen Gruppen geteilt werden.

Hierbei lassen sich zwei zentrale Dimensionen kollektiver Emotionen
aufzeigen: eine strukturelle und eine interaktive. Mit struktureller Dimension sind Emotionsregeln gemeint, die festlegen, welche Emotionen in welchen Situationen zulässig sind und welches emotionale Ausdrucksverhalten als angemessen gilt. Solche Emotionsregeln werden sozial erlernt - auch im Sport. So sind in Sportarten wie Fußball oder Eishockey Formen des Emotionsausdrucks sowohl bei Sportlern als auch bei Zuschauern üblich, die in anderen Sportarten, etwa beim Golf oder Reiten, verpönt sind. Entlang der interaktiven Dimension kollektivieren sich Emotionen über Ansteckungsprozesse. Hierbei stellt die soziale Nähe zur Gemeinschaft einen zentralen Faktor dar, damit es zur Überwindung der individuellen Immunschwelle kommt und man sich emotional anstecken lässt.

Im Rahmen der Fallstudie "Red Bull District Ride" wurde anschließend den in der Theorie beschriebenen Wirkmechanismen mittels qualitativer und quantitativer Verfahren empirisch nachgegangen. Mehr als 40.000 Zuschauer verfolgten im August 2006 in Nürnberg den "Red Bull District Ride", einen Contest mit 21 Mountainbike-Freeridern, darunter Top-Fahrer aus der ganzen Welt. "Solche innovativen Eventkonzepte bringen das Mountainbike Freeriding als sportliches Ereignis in urbanes Gelände, um das bestehende Image der Marke bei der Zielgruppe weiter zu verstärken", erklärt Schlesinger. Der TU-Forscher nahm mit Unterstützung einer Projektgruppe aus zwölf Studierenden die Emotionen der Eventteilnehmer unter die Lupe, um einen vertieften Einblick in das emotionale Geschehen während des Eventverlaufs sowie die dahinter liegenden sozialen Auslösemechanismen zu erhalten. "Zunächst einmal zeigen die Analysen, dass sich während eines Events nicht nur emotionale Befindlichkeiten, sondern auch die Expressionen von Emotionen kontinuierlich verändern, was sich wiederum auf die Struktur der Eventsituation auswirkt", erklärt Schlesinger.

Weiterhin lassen sich die Besucher in verschiedene Teilnehmertypen differenzieren: von den Insidern der Freeride-Szene über Sportinteressierte bis hin zu Zaungästen oder Schaulustigen. "Vor allem für die Szeneinsider stellen solche Veranstaltungen einen wichtigen Bestandteil ihrer Lebenswelt dar und sie zeigen ihre Leidenschaft für diese Sportart im Eventverlauf auch entsprechend. Dadurch grenzen sie sich von anderen Besuchern des Events ab. Das spezifische Wissen über die sportlichen und sozialen Praktiken im Mountainbike-Freeriding stellen dabei wertvolle Ressourcen der Stimmungsarbeit dar. In diesem Zusammenhang fällt aber auch auf, dass die Verhaltensweisen und Rituale der Freeride-Fans wesentlich von Emotionsregeln geleitet sind. Andere Teilnehmer, die mit den sportlichen Inhalten weniger vertraut sind, werden durch die entstehende Atmosphäre einfach mitgerissen", resümiert Schlesinger.

Obwohl die Ergebnisse der Untersuchung auf einer Fallstudie basieren, lassen sich Ansatzpunkte zur Steuerung emotionaler Prozesse verallgemeinern, die für sportbezogene Eventkonzepte richtungsweisend sein sollten. Schlesinger macht deutlich, dass kollektive Emotionalität nur dann entstehen kann, wenn sportliche Inhalte auch authentisch realisiert und auf die Erwartungen der Zielgruppen abgestimmt werden. "Veranstalter sollten sich also mit den Besonderheiten der Sportart gut vertraut machen, damit sie nicht an den Erwartungen der Zielgruppe vorbei planen. Daher kann es für Unternehmen durchaus sinnvoll sein, Sportevents gemeinsam mit Insidern der Sportart zu entwickeln. Weiterhin lässt sich aus den empirischen Befunden folgern, dass Inszenierungsstrategien, die bereits vor dem Event sozusagen am Reißbrett entworfen werden, nicht zu einer zu starken Strukturierung des Events selber führen dürfen", sagt Schlesinger.

So muss Freiraum bleiben, damit die Zuschauer in Orientierung an vorgegebenen Ritualen und Emotionsregeln kreativ und selbstbestimmt eigene Inszenierungen entwickeln. Insbesondere dann können diese Inszenierungen Teil eines kollektiven Ganzen werden und zu einer Aufhebung der Trennung zwischen Sportlern und Zuschauern führen.

Weitere Informationen erteilt Torsten Schlesinger, Telefon 0371 531-32936, E-Mail torsten.schlesinger@phil.tu-chemnitz.de.

Katharina Thehos | TU Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/tu/presse/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie