Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Musizieren ist ein Meisterstück des Gehirns

03.08.2009
Instrumentenüben führt zu höchstmöglicher Präzision

Ein Musikinstrument zu spielen fordert das Gehirn bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Welche Prozesse beim Üben und Spielen ablaufen, untersuchen Hans-Christian Jabusch vom Institut für Musikermedizin der Hochschule für Musik Dresden und Eckart Altenmüller vom Institut für Musikphsyiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Die Erkenntnisse helfen einerseits dabei, Musiker-Leiden gezielter zu behandeln, andererseits liefern sie wertvolle Hinweise für die tägliche Übepraxis für Instrumentalisten.

Musizieren auf professionellem Niveau erfordert Fingerbewegungen mit höchster feinmotorischer Präzision. "Geübte Geiger etwa bewegen die Finger der linken Hand, mit denen die Tonhöhe bestimmt wird, mit einer Präzision innerhalb von Millimeter-Bruchteilen. Gitarristen feilen und formen ihre Fingernägel präzise, um auch dadurch die Art des Anzupfens und die Lautstärke zu optimieren", erklärt Jabusch im pressetext-Interview. Schon das Spielen der C-Dur-Tonleiter am Klavier erfordere ein komplexes sensorisches Programm, das aufgrund der Wechselbewegungen zwischen zwei benachbarten Fingern einen riesigen evolutionären Schritt darstelle. "Ursprünglich bewegten sich beim Beugen des Zeigefingers auch alle anderen Finger mit. Um dies zu verhindern, gibt das Gehirn nicht nur Impulse in Richtung des aktivierten Fingers, sondern gleichzeitig auch an die restlichen Finger, um ihre Bewegung zu hemmen." Erst dieses Zusammenspiel von Aktivierung und Hemmung ermögliche das Instrumentenspiel. "Feinmotorik ist die Verhinderung der Grobmotorik", fasst der Dresdner Musikphysiologe und Musikermediziner zusammen.

Unsere Feinmotorik wird in vielen Bereichen des Lebens gefordert und geübt. Die Anforderungen am Musikinstrument unterscheiden sich jedoch von anderen Tätigkeiten. "Die Bewegungen dabei fordern nicht nur höchste Präzision in Zeit und Raum, sondern integrieren auch das Hören, Sehen, das Körpergefühl sowie die Emotionen", erklärt Jabusch. Anders als etwa bei Sportarten wie Dart und Biathlon sei die Anforderung der Präzision nicht kurz und punktuell, sondern habe etwa in großen Orchesterwerken in jeder Sekunde und über einen langen Zeitraum zu erfolgen. Verbunden ist diese Präzision mit stark ausgeprägten Belohnungen und Bestrafungen, betont der Musikermediziner. "Ein misslungenes Konzert im prominenten Rahmen kann für eine Musikerkarriere verheerend sein. Andererseits hat eine gelungene Aufführung extrem positive Folgen, sowohl für die Emotionen des Musikers im Moment seines Spiels, als auch - längerfristig - auf gesellschaftlicher Ebene."

Anders als bei den meisten Berufen beginnt die Ausbildung zum Musiker in der Regel schon in der Kindheit. Aus musikermedizinischer Sicht sieht Jabusch dies als vorteilhaft. "Die Hörbiografie von Kindern ist weitaus kürzer als die von Erwachsenen. Aus diesem Grund stellen sie geringere Ansprüche an eigene Fertigkeiten, freuen sich schon über kleine Fortschritte und leiden daher im Gegensatz zu erwachsenen Anfängern viel seltener an Überlastungsverletzungen. Erwachsene sind oft ungeduldig und wollen in zu kurzer Zeit zu viel erreichen", so die Erfahrung des Musikermediziners. Ein Vorteil sei ein früher Start mit dem Musizieren auch, da übungsbedingte Veränderungen im Gehirn besonders deutlich bei Musikern ausgeprägt seien, die vor dem Alter von sieben Jahren mit dem Instrumentalspiel begonnen haben. Wer in seinem Leben viel geübt hat, kann neue Stücke üblicherweise in weitaus kürzerer Zeit einstudieren als Anfänger. "Profis verfügen bereits über eine Bibliothek von im Gehirn abgespeicherten Bewegungsabläufen, auf die sie im Bedarfsfall zurückgreifen können. Anfänger müssen jede Bewegung neu einstudieren."

Als Hauptregel für das Üben empfiehlt Jabusch, genügend Pausen einzulegen. "Musikstudenten üben oft viel zu lange am Stück, wodurch eine Überbelastung erfolgt und Bewegungsabläufe auch wieder schlechter werden können. Zwei Übungseinheiten zu 45 Minuten sind besser als 90 Minuten ohne Pause." Zweitens solle man darauf achten, die Freude am Instrument zu bewahren. "Der enorme Wettbewerb, in dem sich Musiker befinden, erfordert von ihnen ein Höchstmaß an Disziplin, die wiederum oft die Freude als Grund für das Üben verdrängt. Man übt dann häufig mehr, um das schlechte Gewissen zu beruhigen." Die Bewahrung der Freude sei bei jungen Instrumentalschülern eine Herausforderung der Musiklehrer, jedoch auch der Eltern. Eltern rät Jabusch, den Kindern ein reiches musikalisches Umfeld zu bieten, Freude an Kunst allgemein zu fördern und selbst ein gutes Vorbild zu sein, wofür das gemeinsame Musizieren einen besonders hohen Wert darstelle.

Gestützt werden diese Empfehlungen durch eine Studie, die Jabusch und Altenmüller mit ihrem Team an Klavier spielenden Kindern und anhand einer Standardbewegung - dem Tonleiterspiel - durchführten. Dabei untersuchten sie, wie der Übe-Erfolg der Kinder von ihrem Umgang mit dem Instrument und von verschiedenen Vorlieben abhing. Auf diese Weise ließen sich 68 Prozent der feinmotorischen Fertigkeiten am Klavier vorhersagen: "Technische Übungen am Instrument und die Dauer der Ausbildung waren als Schlüsselfaktoren ja zu erwarten. Doch wichtig ist auch, wie gerne man übt, wie interessiert die Eltern das Üben begleiten und wie viel Freude die Kinder an Musik und musischer Beschäftigung haben."

Johannes Pernsteiner | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://www.hfmdd.de/index.php?id=16
http://www.immm.hmt-hannover.de

Weitere Berichte zu: Feinmotorik Fertigkeit Meisterstück Musikinstrument Musizieren Präzision

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops