Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mundartsprecher sind beharrlich

12.02.2010
Dialekte sind ein Grund für die eingeschränkte Mobilität auf dem Arbeitsmarkt.

Zu diesem Befund gelangt eine aktuelle Studie, die der Marburger Sprachwissenschaftler Dr. Alfred Lameli gemeinsam mit Ökonomen vom Max-Planck-Institut für Ökonomik, dem "Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung" und der Duisburger "Mercator-School of Economics" vorgelegt hat. Die Wissenschaftler untersuchten, ob kulturelle Grenzen den ökonomischen Austausch zwischen Regionen behindern. "Die Ergebnisse legen nahe, dass der wirtschaftliche Austausch von kulturellen Identitäten beeinflusst wird, die sich in der Vergangenheit ausgebildet haben", schlussfolgern die Autoren.

Die Forscher bedienten sich eines ungewöhnlichen Ansatzes: Sie korrelierten Migrationsdaten der Jahre 2000-2006 mit Sprachdaten aus dem 19. Jahrhundert. Dahinter steht die Annahme, dass die räumliche Verteilung der historischen Dialekte kulturelle Unterschiede zwischen den Regionen widerspiegelt.

Die Verteilung der deutschen Mundarten im Raum ist das Ergebnis jahrhundertelanger Prozesse: Historische Wellen von Massenmigration, religiöse und politische Teilungen, Handelsrouten. In manchen Regionen verlaufen die Dialekte analog zur historischen Verteilung von Katholiken und Protestanten, in anderen analog zu historischen Territorien, wieder andernorts in Abhängigkeit naturräumlicher Bedingungen. Und natürlich entwickeln sich die Sprachvarianten als Mittel der Kommunikation im Kontakt der Sprecher. Insofern fungieren Dialekte als "eine Art regionalen Gedächtnisses", wie die Autoren schreiben. Auf diese Weise bildet die Sprache Identitäten ab, die - so zeigt die Studie - die Zeit überdauern und den Raum prägen, obwohl heute weniger Dialekt verwendet wird als früher und die Menschen insgesamt mobiler geworden sind.

Zwar haben auch bekannte Größen wie Reisezeiten, politische Grenzen, naturräumliche Bedingungen oder Urbanität ihren Einfluss. Aber das Migrationsverhalten lässt sich am Besten über die Sprachähnlichkeit erklären. So zeigen die Autoren mittels statistischer Verfahren, dass zwischen Regionen mit ähnlicher Mundart auch dann mehr Migration nachweisbar ist, wenn man die Effekte des geografischen Abstandes herausrechnet. Dialektähnlichkeit liegt gewissermaßen quer zur räumlichen Distanz, weil in der Sprache eben vor allem kulturelle Faktoren zum Tragen kommen. In der Südwestecke von Baden-Württemberg zum Beispiel findet man eine winkelförmige Verteilung von Dialekten, die der Waldshuter Mundart gleichen - abhängig von der historischen Konfessionszugehörigkeit.

Methodisch kommt den Forschern entgegen, dass kein kulturelles Merkmal so präzise messbar und aussagekräftig ist wie die Sprache. Die Autoren profitieren von einer einmaligen Datenlage, nämlich einer Totalerhebung der deutschen Dialekte im ausgehenden 19. Jahrhundert. Zwischen 1879 und 1888 führte der Sprachwissenschaftler Georg Wenker von Marburg aus eine Erhebung der deutschen Dialekte durch, indem er an über 45.000 Orten des Deutschen Reichs hochsprachliche Sätze dialektal übersetzen lies. So entstand ein umfassendes Bild der regionalen Unterschiede des Deutschen.

Die Befunde der Studie deuten darauf hin, dass es strikte kulturelle Grenzen innerhalb eines Landes gibt, die den ökonomischen Austausch zwischen den Regionen beeinflussen: "Diese Grenzen sind sehr zeitbeständig", konstatieren die Verfasser. "Sie haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und werden vermutlich auch in Zukunft bestehen. Selbst innerhalb eines geografischen Nahbereichs scheinen Menschen im Durchschnitt nicht Willens zu sein, in eine kulturell unvertraute Umgebung umzuziehen." Die Existenz kultureller Grenzen behindert offensichtlich die Vereinheitlichung des nationalen Arbeitsmarktes.

Die Studie findet sich im Internet unter: http://ftp.iza.org/dp4743.pdf

Weitere Informationen:
Ansprechpartner: Dr. Alfred Lameli,
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Tel.: 06421 28-22483
E-Mail: lameli@staff.uni-marburg.de

Johannes Scholten | idw
Weitere Informationen:
http://www.diwa.info
http://www.deutscher-sprachatlas.de
http://ftp.iza.org/dp4743.pdf

Weitere Berichte zu: Lameli Mundart Mundartsprecher Sprachwissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren

21.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Forscher entwickeln zweidimensionalen Kristall mit hoher Leitfähigkeit

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index

21.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz