Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mobilitätsverhalten oder: Wie viele Autos braucht der Mensch?

02.12.2010
Studie von Verkehrsplanern der TU Dresden mit Rekordbefragung

Ist es tatsächlich wie die unlösbare Quadratur des Kreises, wenn aktuelle Anforderungen an Flexibilität und Mobilität der Gesellschaft mit ressourcenschonender Umweltverträglichkeit unter einen Hut gebracht werden sollen? In einer breit angelegten wissenschaftlichen Studie zur Mobilität in Städten untersucht eine Fachgruppe der TU Dresden unter Leitung von Professor Gerd-Axel Ahrens das Verkehrsverhalten von Menschen vor dem Hintergrund von Anforderungen und Methoden der integrierten Verkehrsplanung.

Bei gründlicher Analyse aktueller Entwicklungen waren bis 2003 einerseits eine nach wie vor wachsende Motorisierung breiter Bevölkerungsschichten und andererseits der Drang nach Stadtflucht und „ruhigem Leben“ auf der ehedem grünen Wiese als zentrale Trends zu beobachten. Gleichzeitig veröden Innenstädte und greifen Schrumpfungsprozesse um sich, die sich insbesondere als sinkende ÖPNV- Nachfrage bei Verkehrsverbünden und -unternehmen bemerkbar machen.

Mit dem nach streng wissenschaftlichen Kriterien betriebenen System repräsentativer Verkehrsbefragungen (SrV) wird seit 1972 mindestens alle fünf Jahre eine Erhebung durchgeführt, die u. a. auch die Nutzung der unterschiedlichen Verkehrsmittel erfasst. Was zunächst in der DDR begann, wurde nach 1989 bundesweit fortgeführt. Die jüngste Befragung im Jahr 2008 stellt mit mehr als 115.000 befragten Personen in 76 Städten und Gemeinden einen quantitativen Rekord dar, wie Professor Ahrens, Lehrstuhlinhaber für Verkehrs- und Infrastrukturplanung an der Fakultät Verkehrswissenschaften, informiert. Zudem seien zahlreiche Spezialanforderungen der mehr als dreißig Auftraggeber zu berücksichtigen, was die Auswertung der erhobenen Daten sehr kompliziert gemacht habe. Doch eben diese Herausforderungen sehen Ahrens und sein Team als „Chance, sinnvolle bzw. zukunftsweisende Trends aufzudecken, um künftige Mobilität zielorientiert beeinflussen zu können.“ Mit Überraschung sei festgestellt worden, dass bei jüngeren Menschen der frühzeitige Erwerb von Führerschein und Automobil nicht mehr so häufig vorkommt wie noch vor wenigen Jahren. Deutlich zugenommen habe hingegen die Motorisierung von Rentnern. Gleichzeitig geht vor allem in großen Städten der Anteil von Haushalten mit PKW zurück.

In den untersuchten Städten und im Umland einiger großer Oberzentren wurde die Nutzung der vorrangig gewählten Verkehrsmittel Motorisierter Individualverkehr und Öffentlicher Nahverkehr ebenso wie der Verkehr von Fußgängern und Radfahrern differenziert analysiert. Aus den Ergebnissen lassen sich Rückschlüsse für Prognosen und Szenarien der künftigen Verkehrsentwicklung ziehen. Thesen wie „Je kleiner der Ort, umso ausgeprägter der Individualverkehr“ müssten nicht von Gültigkeit sein, wenn frühzeitig richtige und weitsichtige Weichenstellung erfolgen würde. Erfurt und Halle sind z. B. Städte, in denen sich die Bewohner umweltbewusster und damit – bezogen auf das Verkehrsverhalten – durchaus großstädtisch verhalten.

Das Beispiel Dresden zeigt, dass in der Landeshauptstadt mit 433 PKW je 1.000 Einwohner die Motorisierung vergleichsweise gering ist, und demgegenüber in Großenhain mit 569 Fahrzeugen einen Spitzenwert erreicht (Stand 2008). Noch deutlicher beweist Berlin, wozu ein gut ausgebautes Netz von öffentlichem Nahverkehr in der Lage ist. Dort kommen im Schnitt nur 357 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner. In Stadtbezirken mit gut ausgebauten Radwegen und entsprechender Infrastruktur häuft sich die Nutzung von Zweirädern. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sogenannte Bike+Ride-Anlagen stärker als P+R-Plätze gefragt sind. In Berlin-Mitte und Kreuzberg werden Radverkehrsanteile wie in Bremen und Oldenburg von über 20 % erreicht.

Aufschlussreich sei auch der Zusammenhang zwischen verstärkter Auto- und ÖPNV-Nutzung durch Kinder und Jugendliche, die längere Strecken kaum mehr zu Fuß gehen und auch nicht mehr auf der Straße spielen. Eine zunehmende Fettleibigkeit bei Jugendlichen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Sorge zur Kenntnis nimmt, wird nicht nur auf falsche Ernährung sondern auch auf Bewegungsarmut und „Mobilitätsverhalten“ zurückgeführt.

Um das Ziel einer integrierten Verkehrsplanung zu erreichen, nämlich die gewünschte Mobilität mit einem möglichst geringen Verkehrsaufwand zu sichern, wird die SrV-Studie von kommunalen Behörden ebenso wie von Ministerien genutzt. Prof. Ahrens ist zudem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und in den wissenschaftlichen Beiräten beim Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) sowie für die Erstellung des Verkehrsentwicklungsplanes Dresden 2025Plus.

Im September war Prof. Ahrens mit 15 Studenten auf Exkursion in China. Als Botschaft für chinesische Stadtplaner hat er – gestützt auf Daten des SrV – die Vorteile der kompakten europäischen Stadt gegenüber der ausufernden autoabhängigen amerikanischen Stadt thematisiert. 50% weniger Energieverbrauch und Schadstoffausstoß pro Einwohner sind gewichtige Argumente bei der Wahl der Vorbilder. Gleichwohl würde der Energieverbrauch und CO2-Ausstoß weltweit sehr stark zunehmen, gäbe es in China und Indien die gleiche Motorisierung wie in Europa. Hier empfiehlt Prof. Ahrens, die Autos primär als öffentliche Autos anzubieten. Der Verzicht auf privaten Autobesitz und das Vorhalten öffentlicher Leihfahrzeuge führt zu einem deutlich ‚multimodaleren‘ und damit umweltfreundlicherem Verkehrsverhalten.

Informationen für Journalisten:
Prof. Dr.-Ing. Gerd-Axel Ahrens, Tel. +49 (0) 351. 463-32975
gerd-axel.ahrens@tu-dresden.de, www.tu-dresden.de/srv

Mathias Bäumel | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dresden.de/srv

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Dialysepatienten besser vor Lungenentzündung schützen
17.01.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Studie der Uni Halle: Wie der Klimawandel das Pflanzenwachstum verändert
12.01.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie