Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr Kinder im Osten – weniger im Westen

15.03.2011
Auch wenn in Deutschland seit der Wiedervereinigung nahezu gleich wenige Kinder je Frau geboren werden – der Osten hat seinen Rückstand nach fast 20 Jahren aufgeholt.

Das ist eins der Ergebnisse der neuen Studie "Die demografische Lage der Nation - Was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet", die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung heute veröffentlicht hat.

Seit 2008 übersteigt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in den ostdeutschen Bundesländern die der westdeutschen. Damit endeten fast zwei Jahrzehnte eines Geburtenrückstandes, der in Ostdeutschland mit dem Systemumbruch begonnen hatte. Durch die wirtschaftliche Verunsicherung und die neuen Optionen für junge Menschen waren Mitte der 1990er Jahre zwischen Rügen und dem Erzgebirge nur noch halb so viele Kinder zur Welt gekommen wie 1989.

Doch im Jahr 2009 bekamen die ostdeutschen Frauen immerhin durchschnittlich 1,40 Kinder im Vergleich zu nur 1,36 im Westen. Die demografischen Probleme Ostdeutschlands löst dies freilich nicht – wie in ganz Deutschland wird auch bei einer höheren Kinderzahl je Frau die Gesamtzahl der Geborenen langfristig zurückgehen, weil die Zahl junger Menschen, die überhaupt Eltern werden könnten, immer weiter abnimmt. In den ostdeutschen Bundesländern steht eine halbierte Nachwendegeneration vor dem Erwachsenwerden.

Auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte gab es erhebliche Veränderungen. 2008 ist nur noch ein einziger Kreis aus den neuen Bundesländern unter den zehn geburtenärmsten zu finden: die Universitätsstadt Greifswald mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,14. Der mecklenburg-vorpommerische Landkreis Demmin hat mit 1,70 Kindern je Frau sogar das lange Jahre führende niedersächsische Cloppenburg als geburtenstärksten Landkreis der Republik abgelöst. Mit den Kreisen Sömmerda, Gotha und Weimarer Land (Thüringen), dem Erzgebirgskreis und den Kreisen Görlitz, Bautzen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (Sachsen) sowie Nordwestmecklenburg und Mecklenburg-Strelitz (Mecklenburg-Vorpommern) schaffen es weitere neun ostdeutsche Kreise unter die geburtenstärksten 50 Landkreise.

In Westdeutschland erreichen neben Cloppenburg vor allem nordrhein-westfälische und niedersächsische Landkreise eine vergleichsweise hohe Kinderzahl je Frau. Die wenigsten Kinder je Frau (weniger als 1,2) kommen nach wie vor in Universitätsstädten wie Heidelberg, Freiburg, Münster oder Greifswald zur Welt. Dort leben zwar viele junge Frauen, sie bekommen aber als Studentinnen nur selten Kinder. Doch auch strukturschwache ländliche Kreise des Westens wie die Südwestpfalz (Rheinland-Pfalz), der Vogelsbergkreis (Hessen) oder Wunsiedel (Bayern) finden sich unter den geburtenärmsten Kreisen. Jene Zeiten, in denen vor allem ländliche Regionen Westdeutschlands hohe und die urbanen Zentren sowie ganz Ostdeutschland sehr niedrige Kinderzahlen aufwiesen, gehen offenbar zu Ende. Gerade auf dem Lande in Westdeutschland, wo bis vor wenigen Jahren unter eher traditionellen Familienverhältnissen höhere Kinderzahlen die Norm waren, sind diese zurückgegangen. In Ostdeutschland und in städtischen Regionen mit einem hohen Anteil qualifizierter, erwerbstätiger Frauen ist die Fertilität hingegen vielerorts gestiegen.

Zum einen erlebten die ostdeutschen Bundesländer nach den extrem kinderarmen 1990er Jahren einen Nachholeffekt in Sachen Familiengründung – aufgeschobene Kinderwünsche wurden mittlerweile verwirklicht. Zum anderen scheinen auch in den ländlichen Regionen des Westens traditionelle Familienverhältnisse – Mann im Erwerbsleben, Frau daheim – langsam aber sicher an Bedeutung zu verlieren. Auch in diesen Regionen sind junge Frauen immer häufiger erwerbstätig, die Betreuungsangebote für Kinder sind aber längst noch nicht ausreichend – was zu einem Sinken der Fertilität beitragen dürfte.

Insgesamt sind die Kinderzahlen je Frau dort leicht gestiegen, wo mehr Frauen berufstätig sind – also tendenziell in den Städten und eher in Ost- als in Westdeutschland. Die neue deutsche Familienpolitik mit dem Elterngeld und langfristig besseren Betreuungsbedingungen entfaltet somit offenbar vor allem unter besser qualifizierten, erwerbstätigen Frauen ihre Wirkung.

Dennoch bleibt die Kinderzahl je Frau in Deutschland insgesamt und nahezu unbeeinflusst von familienpolitischen Bemühungen auf einem sehr niedrigen Niveau. 2009 gab es innerhalb der Europäischen Union nur in Lettland, Ungarn und Portugal noch weniger Nachwuchs. Wirksame Familienpolitik braucht deshalb einen langen Atem. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, ob es gelingt, junge Menschen in Deutschland häufiger zur Familiengründung zu motivieren.

In jedem Fall bleibt es unerlässlich, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch qualitativ hochwertige Kinderbetreuung wie auch Ganztagsschulen zu verbessern. Denn der Arbeitsmarkt kann angesichts des demografischen Wandels auf qualifizierte Frauen nicht verzichten. In einem zunehmend sozial polarisierten und ethnisch gemischten Land tragen diese Bildungseinrichtungen zudem zu einer besseren Chancengleichheit von Kindern bei.

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org
http://www.berlin-institut.org/studien/die-demografische-lageder-nation.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften