Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Macht des Unterbewusstseins

22.10.2012
Warum auf den Verstand manchmal kein Verlass ist

Felix Baumgartner ist wohl ein Musterexemplar eines Extremsportlers. Erst kürzlich sprang er aus 39 Kilometern Höhe. Nur geschützt durch einen Raumanzug und einen Helm. Er ist ständig auf der Suche nach dem Kick, nach „seiner“ Erfüllung. Ohne Rücksicht auf seine Gesundheit oder gar sein Leben. Doch warum macht er das: Geht es ihm um das Erleben der Angst im Flug – oder um die Freude nach der sicheren Landung?

Mögliche Antworten auf diese Frage liefert eine gemeinsame Untersuchung von Neurobiologen aus Magdeburg und Würzburg. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt im renommierten Fachjournal Learning & Memory veröffentlicht worden.

„Die Bewertung von Ereignissen kann widersprüchlich sein. So können für ein und dasselbe Ereignis entgegengesetzte Gedächtnisse gebildet werden. Hier kommt es schlichtweg auf das timing an: Reize die vor einer schmerzhaften Erfahrung auftreten, werden als unangenehm erinnert – aber was ist mit Reizen die mit dem Abklingen des Schmerzes einhergehen?“ fragt Dr. Markus Fendt vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg.

Eine Anregung für diese Experimente kam von unerwarteter Seite: Aus der Fliegenforschung. Prof. Bertram Gerber, damals an der Universität Würzburg und heute am Magdeburger Leibniz Institut für Neurobiologie präsentierte den Fliegen zuerst einen Geruch und kurz danach einen leichten Stromschlag. Nach einem solchen Vorwärts-Lernen fliehen die Fliegen vor dem Duft, da er eine unangenehme Erinnerung an den Stromschlag auslöst. In einer zweiten Versuchsgruppe bekamen die Fliegen aber den Duft erst präsentiert ‚wenn der Schmerz nachlässt’. Nach einem solchen Rückwärts-Lernen löst der Duft ein angenehmes Gedächtnis aus: Die Tiere ‚fliegen auf den Duft’! Gilt ähnliches auch für höhere Tiere und gar den Menschen?

In einer Zusammenarbeit mit Prof. Paul Pauli von Institut für Psychologie der Universität Würzburg wurde zunächst ein ähnliches Experiment beim Menschen durchgeführt: Freiwillige Probanden sahen auf einem Computerbildschirm ein geometrisches Muster entweder vor einem milden Stromschlag (Vorwärtslernen), oder aber erst nach Abklingen des Stroms (Rückwärtslernen). Dann wurde die Schreckhaftigkeit der Probanden getestet: Es wurde plötzlich ein sehr lautes Geräusch eingespielt, während die Probanden das geometrische Muster betrachteten. Es zeigte sich, dass die Schreckhaftigkeit nach Vorwärtslernen viel stärker, nach Rückwärtslernen aber deutlich abgeschwächt ist. „Das ist sinnvoll, denn nach Vorwärtslernen fürchten die Probanden, dass gleich der Stromschlag wieder einsetzen könnte. Nach Rückwärtslernen aber dürfen sie hoffen, dass der Stromschlag eben gerade nicht gleich erneut auftreten wird“, erläutert Fendt.

Eine Überraschung ergab sich aber, als die Forscher die Probanden nach dem Experiment befragten. Auf einer Skala von „sehr unangenehm“ bis „sehr angenehm“ beurteilten die Probanden die Figuren allesamt als unangenehm! Die unterbewusste Schreckreaktion und das bewusste Beurteilen benutzen also womöglich unterschiedliche ‚Wertesysteme’, vermuteten Fendt und seine Kollegen. Hier liefert nun die neue Studie einen ersten wichtigen Anhaltspunkt: Es wurde die Gehirnaktivität der Probanden während des oben beschriebenen Tests gemessen. Tatsächlich aktiviert das geometrische Muster nach Vorwärtslernen das Furchtzentrum, nach Rückwärtslernen aber das Belohnungszentrum.

In Folgeexperimenten an Laborratten ging Fendt dann einen entscheidenden Schritt weiter: Wurde das Furchtzentrum der Ratten betäubt, kann das unangenehme Gedächtnis an das Vorwärtslernen nicht mehr abgerufen werden– wurde aber das Belohnungszentrum betäubt, erinnerten sich die Ratten nicht mehr an die angenehmen Gedächtnisse des Rückwärtslernens!

Fliegen, Ratten und Menschen bilden offenbar immer zwei Arten von Gedächtnis für schmerzhafte Erlebnisse: eine ‚negatives’ und ein ‚positives’. „Das Gleichgewicht zwischen diesen Gedächtnissen ist entscheidend“, sagt Fendt, „und es wird spannend sein zu untersuchen, ob Störungen dieses Gleichgewichts zu post-traumatischen Belastungsstörungen, Angsterkrankungen, hochriskantem Verhalten, oder zur Spielsucht beitragen. Und für die Therapie ist es wichtig zu verstehen, wie bewusste und unbewusste Wertesysteme miteinander in Beziehung stehen- und wie eine Störung in dieser Beziehung behoben werden könnte“.

Anika Zachert | Leibniz-Institut für Neurobiolog
Weitere Informationen:
http://www.lin-magdeburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

nachricht »Zweites Leben« für Smartphones und Tablets
16.03.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics