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Landwirtschaft ist letzte Bastion zur Sicherung der Daseinsvorsorge im ländlichsten Raum

17.12.2013
Studie untersucht, inwieweit landwirtschaftliche Betriebe in peripher-ländlichen Räumen vom demographischen Wandel betroffen sind, und ob sie Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge übernehmen.

Viele ländliche Räume in Deutschland sind von sinkenden Geburtenraten und Abwanderung betroffen. In der Folge sinkt die regionale Wirtschaftsleistung und viele Kommunen sind nicht mehr in der Lage, die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge zu gewährleisten.

Häufig ist auf Dorfebene, also in den ländlichsten Räumen, die landwirtschaftliche Produktion der einzig verbliebene, aktive Wirtschaftssektor. Am Beispiel der Altmark in Sachsen-Anhalt wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) untersucht, inwieweit landwirtschaftliche Betriebe in peripher-ländlichen Räumen vom demographischen Wandel betroffen sind, und ob sie Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge übernehmen.

Die Ergebnisse der empirischen Studie, die im Auftrag des Wissenschaftsministeriums Sachsen-Anhalts durchgeführt wurde, wurden jetzt im IAMO Discussion Paper 143 „Sozialökonomische Effekte des demographischen Wandels in ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts“ vorgelegt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Axel Wolz (IAMO) und Wolfgang Weiß (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald) hatten für ihre Studie im Jahr 2011 Interviews mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Schlüsselpersonen in der Altmark geführt und in einer zweiten Runde im Jahr darauf Leiterinnen und Leiter landwirtschaftlicher Betriebe befragt.

Weit über 90 Prozent der befragten Landwirte schätzen die Folgen des demographischen Wandels für die Region negativ ein. Sie gaben u. a. an, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunehmend älter werden und öfter krank sind. Wolz ergänzt: „Landwirtschaftliche Betriebe haben immer größere Probleme, geeignete Fachkräfte und insbesondere Lehrlinge zu finden. Fast jede zweite ausgeschriebene Lehrstelle bleibt unbesetzt.“

Daneben belegt die Studie, dass landwirtschaftliche Betriebsleiterinnen und -leiter, sei es aus Heimatverbundenheit oder auch aus Eigeninteresse, um die eigenen wirtschaftlichen Tätigkeiten abzusichern, Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge bereits jetzt und zum Teil sogar unentgeltlich übernehmen. Sie stellen beispielsweise Maschinen, Geräte und Personal für die Feuerwehr und Straßenräumdienste, für Transporte der übrigen Dorfbewohner oder den Katastrophenschutz zur Verfügung. Darüber hinaus engagieren sich einige Landwirtschaftsbetriebe für Kindergärten sowie in der Kinder- und Jugendarbeit und überlassen für diese Zwecke Räumlichkeiten oder auch Personal. Damit übernehmen landwirtschaftliche Unternehmen eigentlich kommunale Aufgaben. „In einigen Regionen ist die Landwirtschaft die letzte Bastion zur Sicherung der Daseinsvorsorge“, fasst Weiß die Ergebnisse der Untersuchungen zusammen.

Diese Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge können Landwirtschaftsbetriebe aber nur solange wahrnehmen, wie sie wirtschaftlich dazu in der Lage sind. Dafür benötigen sie die Unterstützung der Kommunen. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neben rein ökonomischen Hilfen auch die Schaffung verbesserter rechtlicher Rahmenbedingungen. Eine öffentliche Diskussion über flexiblere Standards für ländlichste Räume sei nötig, dies betrifft Fragen von Zuständigkeiten bis hin zum Versicherungsschutz. Auf kommunaler Ebene gelte es außerdem zu prüfen, inwieweit sich die angebotenen Leistungen besser koordinieren und optimieren lassen. Ebenso bedürfe es der Entwicklung geeigneter Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, um dem trotz hoher Arbeitslosenquote in dieser Branche zunehmenden Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Publikation
Weiß, W., Wolz, A., Herzfeld, T., Fritzsch, J. (2013): Sozialökonomische Effekte des demographischen Wandels in ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts, IAMO Discussion Paper No. 143, Halle (Saale).
Über das IAMO
Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner
Dr. Axel Wolz
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
Tel.: +49 345 2928-114
Fax: +49 345 2928-199
wolz@iamo.de
Ansprechpartnerin für die Medien
Britta Paasche
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
Tel.: +49 345 2928-329
Fax: +49 345 2928-499
presse@iamo.de
Weitere Informationen:
http://www.iamo.de/dok/dp143.pdf - IAMO Discussion Paper 143

Britta Paasche | idw
Weitere Informationen:
http://www.iamo.de

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