Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Große Unterschiede: Antibiotikavergabe an Kinder und Jugendliche in fünf europäischen Ländern

16.09.2014

Eine Studie im EU-Projekt Aritmo untersuchte die Vergabe von Antibiotika an Kinder und Jugendliche in fünf europäischen Ländern. Es zeigte sich: Am häufigsten werden Antibiotika für Kinder und Jugendliche in Italien verschrieben – gefolgt von Deutschland, England und Dänemark. In den Niederlanden ist die Verschreibungsrate mit Abstand am geringsten – sie beträgt ein Drittel von der in Italien. Professorin Edeltraut Garbe vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS ist Leitautorin der Studie, die jetzt im Journal BMC Pediatrics erschienen ist.

Am häufigsten werden Antibiotika für Kinder und Jugendliche in Italien verschrieben – gefolgt von Deutschland, England und Dänemark. In den Niederlanden ist die Verschreibungsrate mit Abstand am geringsten – sie beträgt ein Drittel von der in Italien.

In allen fünf Ländern erhalten die unter Vierjährigen am häufigsten Antibiotika. Dies zeigt eine Studie in fünf europäischen Ländern im Zeitraum von 2005 bis 2008, die Daten von 23 Millionen Kindern und Jugendlichen ausgewertet hat. Professorin Edeltraut Garbe vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS ist Leitautorin der Studie, die jetzt im Journal BMC Pediatrics erschienen ist.

Antibiotika werden häufig verschrieben, zu häufig – denn weltweit nehmen resistente Bakterienstämme zu, durch die Antibiotika ihre Wirkung verlieren. Um gegenzusteuern zu können, ist es grundlegend zu verstehen, wie Antibiotika verordnet werden.

In der publizierten Studie, die im EU-Projekt Aritmo über Nebenwirkungen verschiedener Medikamentengruppen erfolgte, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Häufigkeit, aber auch die Art des verschriebenen Antibiotikums bei verschiedenen Altersgruppen zwischen null und 18 Jahren beleuchtet. Was die Studie in der Antibiotika-Forschung einzigartig macht, sind die vergleichbaren Ergebnisse – Methoden, untersuchte Altersgruppen sowie der Untersuchungszeitraum stimmen in allen fünf Ländern überein.

Die Studie offenbart hohe Verschreibungsraten in Italien, Deutschland, England und Dänemark – und eine niedrige in den Niederlanden. Dass die Niederlande in Europa Vorreiter im sorgsamen Umgang mit Antibiotika sind, haben bereits frühere Studien gezeigt. In den Niederlanden gibt es eine strikte Verordnungspolitik für Medikamente gegen Infektionskrankheiten und starke Bemühungen, Verschreibungsrichtlinien zu fördern um Bakterienresistenzen zu bekämpfen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass die Unterschiede nicht durch verschiedene Infektionshäufigkeiten in den Ländern, sondern durch länderspezifisches Verschreibungsverhalten verursacht werden. Es ist anzunehmen, dass Antibiotika nicht nur gegen bakterielle, sondern auch gegen virale Erkrankungen verordnet werden. Dies wird von der Beobachtung gestützt, dass die Verordnung von Antibiotika jahreszeitliche Spitzen hat. Am höchsten ist sie im Winter, insbesondere in den Ländern mit einer hohen Verschreibungsrate. Dies spricht dafür, dass Antibiotika auch gegen virale Infektionen eingesetzt und somit falsch angewendet werden. Hauptsächlich die viralen Erkrankungen steigen im Winter an, nicht die bakteriellen.

„Insbesondere Atemwegsinfektionen und Mittelohrentzündungen werden bei Kindern bereits beim ersten Arztkontakt häufig mit Antibiotika therapiert“, erklärt Professorin Garbe, Leiterin der Abteilung „Klinische Epidemiologie“ am BIPS. „Allerdings belegen viele Studien, dass Antibiotika im Regelfall nur dann verordnet werden sollten, wenn sich die Symptome nicht in den ersten Tagen der Erkrankung bessern. Ihr breiter Einsatz fördert die Entstehung multiresistenter Keime und setzt Kinder unnötig dem Risiko von Nebenwirkungen der Arzneimittel aus.“

Weiterhin macht die Studie deutlich, dass die Arten von Antibiotika, die verordnet werden, in den fünf Ländern generell, aber auch bezogen auf die untersuchten Altersgruppen stark variieren. Es ist zu vermuten, dass für eine Krankheit nicht immer das sinnvollste Antibiotikum eingesetzt wird. In allen Ländern, außer Dänemark, sind Breitspektrum-Antibiotika die größte Gruppe der verschriebenen Antibiotika – und dabei vor allem bei der Altersgruppe der unter Vierjährigen, dies gilt für alle fünf Länder. Schmalspektrum-Antibiotika werden am häufigsten in Dänemark angewendet. Die Studie macht deutlich, dass auch Arten von Antibiotika häufig verschrieben werden, die verstärkt Resistenzen fördern, und dass diese zu früh eingesetzt werden.

Publikation:
“Systemic antibiotic prescribing to paediatric outpatients in 5 European countries: a population-based cohort study”
Holstiege J, Schink T, Molokhia M, Mazzaglia G, Innocenti F, Oteri A, Bezemer I, Poluzzi E, Puccini A, Ulrichsen S P, Sturkenboom M C, Trifirò G and Garbe E. BMC Pediatrics. 2014;14:174. doi:10.1186/1471-2431-14-174. http://www.biomedcentral.com/1471-2431/14/174

Kontakt:
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS
Prof. Dr. Edeltraut Garbe
Tel. 0421/218-56862
E-Mail garbe@bips.uni-bremen.de

Dr. Tania Schink
Tel. 0421/218-56865
E-Mail schink@bips.uni-bremen.de

Pressestelle
Anja Wirsing
Tel. 0421/218-56780
Fax 0421/218-56761
E-Mail presse@bips.uni-bremen.de
www.bips-institut.de

Weitere Informationen:

http://www.biomedcentral.com/1471-2431/14/174
http://www.aritmo-project.org

Anja Wirsing | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie